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„Jawohl, ich habe mal ein eigenes Talent dazu. Ich trete also m irgend ein Blumengeschäft Unter den Linden, studiere und beobachte die Mienen und das Benehmen der Leute, die der Inhaber oder die Inhaberin beschäftigt und die in die Stadt Blumen zu tragen und sie auch zu pflegen haben. Tann ging ich eines Morgens von Hause weg, mietete ein möbliertes Zimmer, veränderte meine ganze Person und kam kühnen Schrittes im Palais Toronto ff an. Ter Portier fragte, was ich wünsche. Ich antwortete: „Mein Herr schickt mich hierher, nach den Pflanzen im Palais zu sehen und diese eventuell gegen andere, frische zu vertauschen" und neune ihm dabei den Namen, der auf dem Blumenwagen geschrieben stand. Ter Portier ruft einen Lakai, der mich nach oben in die zweite Etage führt."
„Ah, Tu bist also in der Wohnung gewesen? Tu hast sie wiedergesehen?"
„Jedenfalls weniger bequem, als damals, als ich noch Sekretiir, Vertrauter imb Freund des Prinzen Tschigorin war. Damals ging ich als großer Herr im Palais ein und aus; jetzt kletterte ich über die Gesindetreppe hinaus. Oben zwei Treppen angekommen, öffnet der Lakai die Thür zum Atelier und ruft mir zu: „Machen Sie Ihre Arbeit." Aber dieses Rindvieh ging nicht weg. Wollte er mich überwachen? Hatte er den Auftrag, keinen Fremden in dies Heiligtum zu lassen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er bald nach rechts, bald nach links spazierte, vom Fenster zur Thür, Bilder ansah, um sich den Anschein eines Beschäftigten zu geben, um nicht den Anschein zu haben, meiner Person wegen hier bleiben zu müssen. Ich zog eine kleine Säge aus der Tasche und beschnitt einige Pflanzen und Palmen. Ich habe meine Sache ganz gut gemacht. Tie Bande konnte mich wirklich für einen Gärtner von Profession halten."
„Tas will ich Dir gerne glauben."
„Trotz der Veränderung in meiner früheren Wohnung fand ich mich leicht zurecht und bemerkte dort hinter den hohen Tapeten die Stelle des schwarzen Kabinetts, wo ich das Versteck angebracht hatte. Als ob ich die Blumen richten würde, näherte ich mich immer mehr jener Stelle. Endlich ließ ich wie aus Zufall die Worte fallen: „Tiefe Pflanze leidet an Trockenheit. Sie braucht etwas Wasser. Wo könnte ich, mir solches holen?" „Es muß welches hier in einer Ecke stehen", gab mir der Lakai zur Antwort. „Tie Gräfin begießt öfter höchst persönlich ihre Blumen." Dann blickte er umher und suchte. Tiefer Mensch war nur ein ganz gewöhnlicher Lakai und kannte sich int Atelier nicht recht aus. Er mochte es vielleicht einmal ausgefegt und in Ordnung gebracht haben. Ta siel es ihm plötzlich ein, direkt ging er aus die Stelle los, die er nicht aus den Augen ließ, griff mit der Hand hinter die Tapete, tastete und suchte, fand das Gesuchte, hob sie etwas hoch und sagte zu mir: „Sie finden, was Sie suchen, hier in diesem kleinen Verschlag."
„Ah!"
„Ja, es war das frühere Kabinett, dessen Thür ausgehängt worden und dessen Eingang nur durch Draperien verhängt war. Dahinein versteckt nämlich jetzt die Gräfin tausend unerläßliche Gegenstände und Kleinigkeiten, die eben den Eindruck und die Harmonie im Atelier beeinträchtigen und stören würden."
„Und ist drinnen nichts verändert?"
„Nichts. Tie Mauerplatten sind noch auf der Stelle, wo ich sie eingemauert habe; auch das Papier, das die Mauer bekleidet, ist noch dasselbe. Somit sind die Banknoten immer noch in dem Loch hinter den Ziegeln, die ich versetzt, und hinter dem Papier, das ich vorgeklebt hatte. Eine kleine Arbeit von wenigen Minuten hätte mir genügt, mein ganzes Geld wieder zurückzugewinnen."
„Warst Tu nicht versucht, es zu thun?"
„Mich auf den Lakai zu stürzen und ihn zu erdrosseln? Ja. Ich habe mir den Kerl sogar daraufhin angeschaut. Hätte ich es mit einem Schwächling zu thun gehabt, na, dann hätte er wohl sein Testament machen können. Aber der Kerl war im Gegenteil fünf Fuß und sechs Zoll hoch^ stark und sah in seiner Livree wirklich imposant aus; und das war mir zu gewagt, vor dem Kunden hatte ich Angst."
„Tu bist also wieder mit leeren Händen weggegangen." „Genau so, wie ich kam. Tu wirst mir aber zugeben, daß mein Besuch im Palais Dovoukoff nicht unwichtig imb nicht unnütz gewesen ist, daß unsere Sache bereits um einen
großen Schritt vorgerückt ist. Tie MiMon jedenfalls existiert noch. Ein materielles Hindernis trennt mich nicht mehr von ihr. Also handelt es sich nur mehr darum, ein Mittel zu finden, eine halbe Stunde allein im Atelier zu bleiben und dann, meinen Schatz unter deni Arm, schleunigst abzudampfen."
„Tas ist schwer."
„Nicht so schwer, als aus dem Zuchthaus zu entfliehen, von wo ich schon zweimal durchgebrannt bin."
„Tas ist wahr", gestand sie, ihren Geliebten be- ivundernd.
„Lassen wir das einstweilen", begann er wieder. „Das alles liegt noch in der Zukunft, das nehme ich auf mich. Kommen wir auf die Gegenwart zurück, auf Dich. Tu hast mich also gut verstanden, nicht wahr? Bis auf weiteres sehen wir uns einstweilen nicht. Tu kehrst in die Augsburger Straße zurück und versuchst bei dem Mieter der fünften Etage als Wirtschafterin einzutreteu. Tu bearbeitest ihn so lange, bis er in hellem Feuer brennt. Im Notfälle wird er in Dich verliebt, und Tu schneidest ihm dann die Haare ab, wie einst Delila dem Simson. Tie heilige Geschichte, o, die hab' ich im Zuchthaus nicht vergessen, mein Kindchen. Jetzt adieu, meine geliebte, kleine Viper. Tein Spaziergang war schon etwas lang. Es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren. Adieu!"
Sie drückten sich noch die Hände und warfen sich einen langen Blick zu. Darauf trennte sich Paul Querzewski, der wieder seinen Fuß nachschleifen ließ, von Julien.
Tie beiden Parkwächter, die wieder auf die Terrasse zurückpatrouilliert waren, sahen ihn an sich vvrübergehen, und der Jüngere sagte zum andern:
„Tie haben sich gewiß ein Rendezvous gegeben. Tie Kleine ist nun auch ausgestanden."
51. Kapitel.
Kaum in die Augsburger Straße zurückgekommen, sagte Minna zu Frau Peters:
,Lch hätte nie geglaubt, daß mir der Spaziergang so wohl thun würde. Ich fühle mich so frisch, als wäre ich nie krank gewesen. Mir ist so lebendig und kräftig zu Mute, wie ehedem."
„Ra also! Ich habe es Ihnen doch oft genug gesagt: nichts ist schlechter, als so Dag und Nacht in der Stube zu hocken. Wenn Sie mir gefolgt wären, wären Sie durch Bewegung, die frische Luft und den Sonnenschein schon längst wieder hergestellt. — Wissen Sie, was jetzt notthut? Eine gute Stellung, die Sie nicht zu viel anstrengt, zum Beispiel bei einem Junggesellen. Ta ist der Dienst nicht so happig."
„Ja, das möchte ich zu gern. Ich habe auch schon daran gedacht. Aber, wenn man erfährt, daß ich krank gewesen bin, ü>ann —"
,,Dns braucht man ja keinem Menschen auf die Nase zu binden, und kein Mensch wird das merken. Sie haben ja schon wieder frische Farbe im Gesicht."
„Also handelt es sich nur darum, jemand zu finden, der mich nehmen will. Glauben Sie, soll ich mich an eine Dienstvermitteluugsanstalt wenden?"
„Dazu ist immer noch Zeit, wenn wir es auf keinem andern Weg erreichen. Aber ich habe noch Hoffnung auf den neuen Mieter im fünften Stock, der eben eingezogen ist."
„Hat er noch niemand?"
„Angenblicklich nicht. Doch erwartet der Herr ein Mädchen von sich zu Hause. Wenn ich ihn nur überreden könnte. Sie anstatt der anderen zu nehmen?"
„O, welchen Dienst würden Sie mir damit leisten."
„Ich will es gern versuchen. Nur — mein Gewissen hält mich noch zurück!"
„Ihr Gewissen?"
„Nun: Sie sind jung, er ist auch jung. Er hat ein ganz annehmbares Aeußere. Sie sind auch gut gebaut — ich habe Angst. Man muß niemand in Versuchung führen. Tas Fleisch ist schwach, wie mein Alter immer behauptet."
„O, bitte, Frau Peters, ich bin ein anständiges Mädchen. Tas müssen Sie wohl wissen. Haben Sie mich etwa, seit ich hier wohne, etwa herumstreifen gesehen?"
„O — was das anlangt, gewiß nicht. Ihre Ausführung ist musterhaft. Tas wiederhole ich auch immer wieder dem Untersuchungsrichter und dem Polizeikommissar. Wenn Sie einen Geliebten hätten, dann wüßte ich wahrhaftig nickft, wo Sie ihn versteckt haben. Sie gehen niemals aus, und zu Ihnen kommt auch keine Menschenseele."


