Montag den 27. Mtober.
1902. — Nr. 160.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel.
. i . ; , t _ (Fortsetzung.) r ' 1 1 1 50. Kapitel.
Schon feit langem gewohnt, sich, aus' dem Gesichtsaus- drUck seiner Geliebten Rechenschaft von allen Gedanken zu geben, die ihr Hirn durchkreuzten, sagte Paul Querzewski:
„Ich wette darauf, jetzt packt Dich 'Wieder Deine alte Angst und Furchtsamkeit. Na, vertrau Dich- mir nur an! Mir ist es lieber. Dich zu hören, als so Derne Angst und feilte Zweifel zu sehen."
„Weil Tu denn willst gestand sie, „so muß ich mir öfters sagen, daß wir doch zu waghalsig und zu unvorsichtig sind, und daß uns schließlich doch noch ein Unglück zustoßen wird." -
' „Was für eine Unvorsichtigkeit begeben wir denn? Worin hat sich denn unsere Situation geändert?"
„Man hat mich in Verdacht. Tu siehst es ja selbst ein Und fürchtest doch dasselbe."
„Nein. Ich sage nur, daß es nicht unmöglich, wäre, iund wir sind nur so vorsichtig, mein Viperchen, im voraus Unsere Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Und dann: wenn wirklich dieser Verdacht besteht, ist dieser Verdacht von dem Gericht ausgegangen? Nein. Er ist ausgegangen von den Freunden des Angeklagten, das heißt: von den Gegnern, von den Feinden des Gerichts, — von denen, die den retten wollen, den das Gericht verfolgt, den es verurteilen will. — Und was machen die nun? Sie beauftragen einen Agenten ohne jede offizielle Vollmacht, — einen Menschen, der mit den Gerichten in absolut keinem Zusammenhänge steht, Dich zu überwachen. Es liegt jetzt einfach an Dir, Dich so zu betragen, daß sie Dich für eine Heilige halten. — Ja, Gefahr wäre wohl vorhanden gewesen, wenn wir nicht alles so vvrausgesehen hätten, wenn Du diesen Wend wie gewöhnlich zu mir herabgekommen wärst und wir die halbe Nacht durchgeplaudert hätten. Mein neuer Nachbar hätte Dich da vielleicht beim Kommen oder Gehen irgendwie sehen können, und- dann hätten sie sich morgen gleich gesagt: „Diese beiden Zeugen, deren Aussagen für den Angeklagten überführend waren, kennen sich, unterhalten Verbindungen, ja sind sogar eng befreundet. Das Stubenmädel der Frau von Sanden hat nähere Beziehungen zum Mieter der fünften Etage. Diese Kranke, deren Nervenanfälle das Mitleid des Untersuchungsrichters und selbst des Polizeikommissars erweckt haben, geht Abend für Abend hinunter, um mit ihm zu Abend zu essen und sich mit ihm zu unterhalten. Tas alles ist höchst verdächtig und bedarf einer neuen Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft wird kein Fiasko vor den Geschworenen riskieren wollen. Aber heute ist es der Angeklagte,
oder vielmehr sind' seine Freunde die, die das Fiaskos machen werden. Sie werden nichts berausbekommen und nichts wissen, und wenn Tu Dich gut zu verstellen wcißß wird Tir Dein Spion nicht nur nicht feindlich sein, sondern er wird sogar Tein Bundesgenosse werden. — Hast Vers standen? — Bist Tu nun beruhigt?"
„Jetzt ja. Gelingt es Tir denn nicht immer, mich zU überzeugen? — Wie lange dürfen wir uns jetzt nichst sehen?"
„Ein paar Tage, bis zum Prozeß^
„Und dann?"
„Tann verduften wir." ' \
„Du hast also Deine Million aufgegeben?"
„Weniger als je. Jetzt brauche ich, nur zuzugreifem Weder eine Verschalung noch eine Mauer verbergen sie oder zwingen sie in das Mauerwerk und trennen sie somit von mir."
„Woher weißt Tu das?" fragte sie lebhaft.
„Wie ich, eben alles weiß- wenn ich will. Und ich habe eben gewollt. — Wenn ich spazieren gehe, habe ich nur ein Endziel: die Linden, die Wrlhelm- und die Voßstraße und das Palais Tschigorin, heute das Palais der Do von ko fß Ich gehe dann langsam, wie Tu mich eben hast gehen sehen. Man hält mich dann für einen Rekonvaleszenten mit einer stillen, recht unschuldigen Krankheit. Wer dieser Kranke hat gute Augen und einen Hellen Kopf. Er sieht alles und zieht aus allem seinen Vorteil. — Tas letzte Mal fuhr ein kleiner Wagen mit Blattpflanzen und Blumen vor das! Palais. Ter Name der Blumenhandlung stand in großen Buchstaben aus der Außenseite des Wagens. Ich habe ihn mir natürlich sofort gemerkt. Tabei dachte ich mir: „Wohin bringt man denn diese Blumen? In ein Gewächshaus? Es giebt doch keines im Palais." — Tn erinnerst Dich doch auch noch,?"
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„In die Salons des Erdgeschosses etwa? Wozu? Der Graf und die Gräfin empfangen diesen Winter nicht, leben, als Einsiedler und Junggesellen: er in seinem Klub, sie in ihrem Atelier, in dem ich sie sehe und errate, wenn ich! auf die Fenster der zweiten Etage hinaufblicke, auf die meiner einstigen Wohnung. — In das Atelier? Tasj mußte es sein. Tie Blumen waren für das Atelier be-, stimmt, das sie sich' eingerichtet und gebaut hat, für den Ort, der ihr am liebsten ist, und der auch mir der liebste ist; denn dort liegt unsere schöne Million versteckt."
„Und was hast Tu dann gethan?"
Er fuhr weiter fort, langsam zu erzählen, „Ein Blumenhändler pflegt und überwacht seine Blumen und Pflanzen gewohnheitsgemäß. Er tauscht die um, die absterben, beschneidet, stutzt und begießt sie. Und so entschloß ich mich>, aus einige Tage der Gärtner der Gräfin Dorvukoff zu werden."
„Es ist unglaublich, was für «ine Erfindungsgabe DU hast." /


