Ausgabe 
27.9.1902
 
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Ta « sich bereit erklärte, fuhr sie fort:

--Ich wohne Seydelstraße Nr. 42 und b-in die Barsnrn von Halpern. ES wäre lächerlich, hieraus weiter ein Ge­heimnis machen zu wollen. Es war einmal unsere Schickung, daß wir uns kennen lernen sollten, und ich weiß, daß ich mich einem galanten und Ehrenmanns anvertraue."

Er verbeugte sich, indem sie das' Zimmer verließ. Er folgte chr die Treppe hinab- in der einen Hand den Kandelaber, der ihnen als einzige Beleuchtung gedient hatte. Am Vestibül des Erdgeschosses angelangt, öffnete er das Hausthor, verlöschte die Lichter, stellte den Kandelaber wieder aus den Tisch und beeilte sich, die einzuholen, die ans ihn draußen wartete.

An der Kreuzung der Rhein- und Hedwigstraße begeg­neten sie einer Droscht die sie beide bestiegen. Stumm und verstohlen beobachteten sie sich, prüfend und durch- drmgend.

Und sonderbar: trotz der langen Fahrt schien ihnen dieselbe gar nicht lang zu sein.

So waren sie denn, ohne ein Wort gewechselt zu haben, W der Seydelstraße angelangt; der Wagen hielt.

Ablaut und einfachen Tones verabschiedete sie sich:

Ta wäre ich nun bei mir angekommen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie erst nach einigen Minuten den Wagen verlassen, sich nicht früher zeigen wollten. Denn wenn ©te jemand erblickte, könnte mich das kompro- toittieren. Auf Wiedersehen morgen zwei Uhr. Rechnen Sie auf mich!"

Ae stieg aus dem Wagen, warf den Schlag hinter sich M, Werschrrtt rasch das Trottoir und lliugelte.

Er bliÄ allein, die Augen auf das Hausthor gerichtet, baS Le ernließ^und sich wieder hinter ihr schloß. Infolge vrr Bitte, die sie ausgesprochen hatte und die ihn zwang, »och emige Zeit zu verweilen, die ihn auch vollkommen dEhrgt hatte, konnte er sich überzeugen, daß sie aus dem Hanse, tn dem sie verschwunden war, nicht wieder heraus- kam, daß sie also wirklich bei sich zu Hause sein dürfte.

Nach Verlauf von zehn Minuten ließ er das vordere Wagenfenster herab und gab dem Kutscher den Auftrag, chn nach Hause, nach Halensee zu fahren. Er wollte seiner Schwester sofort die Neuigkeit des großen errungenen Er- fotgeS überbringen.

21. Kapitel.

Bertha war, wie sie versprochen hatte, noch nicht zur Ruhe gegangen. Unruhig und ungeduldig erwartete sie die Rückkehr chres Bruders. Er berichtete ihr sofort von seiner Ankunft in dem verlassenen Hanse und schließlich von dem Erscheinen jener Unbekannten, deren Bild er chr genau mch ausführlich beschrieb, ohne das Entzücken verbergen z» können, daS sie ihm eingeflößt hatte. Sehr bewegt und bleich lauschte sie seinem Berichte, ohne ihn zu unter­brechen oder auch nur ein Wort zu sagen.

Nachdem er jene Beschreibung beendet hatte, bat sie ihn, chr das ganze Gespräch mit jener Fran Wort für Wort zu wiederholen. Er willfahrte chr sofort und gab sich die erdenflichste Mühe, nichts zu vergessen, weder die Worte noch die Bewegungen, die sie gemacht, noch den Tonfall chrer Stimme. Er ließ das Bild jener, die er eben verlassen hatte, gern wieder aufleben. Er sah sie ?ianz deutlich, wie sie vor ihm am Kamin stand oder wie ie zuerst voll Hochmut, dann wieder milder gestimmt, ihm gegenüber saß. Er hörte noch die trockenen, kurzen Worte, bte »ach und nach immer sanfter, schließlich ganz etn- Wmeuhelnd wurden.

AlS er endlich aufgehört hatte, zu erzählen, oder nichts ^hr zu berichten wußte, blickte er zum ersten Male zu fÄner Schwester empor. Er erwartete ganz bestimmt, sie ßbet diese Nachricht hochbeglückt, über das Schicksal Sem­pachs vollkommen beruhigt zu srnden, in der festen Ueber- zengnug, daß er morgen dank der erhaltenen Zusicherung und dem Umstande, da.ß nun das Alibi leicht nachge- Wen werden könnte, schon aus freien Fuß gesetzt

Jedoch des jungen Mädchens Stirn war nachdenflicher le. Kein Lächeln spielte um ihren Mund; ihr Blick verlor sich in» Leere.

»Woran denkst Du?" fragte sie Georg.

,Lch denke eben", erwiderte sie sich aufrichtend, ,chaß K "Aerrr Abend ganz nutzlos verwendet haben."

Wieso? KMeu.wir denn nicht HM gewünschte Re­

sultat erlangt? Mr kennen jetzt diejenige, die wir kennen wollen,, und sie rst doch entschlossen, zn sprechen."

nt£^t reben. Sie hat Dich nur zum Narren yvI^U.4.x.vil.

"Zum Narren gehalten? Wie kommst Du daraus?"

Zausend Äderchen, Kleinigkeiten sprechen dafür. Sie wird morgen nicht zum Rendesvous, das sie Dir gegeben, kommen." , 1 ö a '

Ach, rede poch nicht!"

Tu wirst ja sehen."

»Wenn sie nicht kommt, schadet das auch nichts weiter, ^ch werde zu ehr hingehen und sie Mvingen. Hab- denn nicht ihren Namen und Adresse?"

Nichts hast .Du. Sie hat Dir sowohl einen falschen Namen wie .auch eine falsche Adresse gegeben."

Das ist unmöglich."

Aber leider nur zu wahr."

Habe ich sie denn nicht bis an ihre Hausthüre ge­bracht, Sehdesstraße 42?" a

Gerade das ist es, was meinen Verdacht ertoedSL Tiefes Haus ist eins der größten Häuser in Berlin. Es hat mehrere Höfe, unzählig viele Parteien. Ich kenne es ganz genau; denn meine frühere Klavierlehrerin hat da­selbst gewohnt. Ich hatte ihr einmal meinen Besuch ge­macht und da ich in der Köpenicker Straße zu thun hatte, riet sie mir:Gehen Sie doch nach der Allen Jakob- straße hinaus; das ist kürzer." Und das Haus hat wirklich zwei Eingänge, den einen von der Sehdesstraße, den andern von der Alten Jakobstraße."

Also Tu glaubst ---"

Ich bin fest überzeugt. Sie hat Dir befohlen, im! Wagen zu bleiben, und Du hast ihr gehorcht. Während Du vor dem einen Thore Wache gehakten hast, ist sie Dir durch das andere entwischt."

Noch beweist nichts Deine Vermutung. Warum sollte sie denn nicht in der Seydelstraße wohnen?"

Weil eine .Frau wie die eben durch Dich beschriebene! rn einem ganz anderen Viertel, in einem viel weniger bürgerlichen Hause wohnt."

So hat sie mir dann auch einen fasschen Namen an­gegeben? Sie heißt asso gar nicht Baronin von HÄpern?"

Sie hat Dir den ersten besten Namen hingeworsen, und Du in Deiner Unschuld, mein guter, armer Georg, hast es geglaubt. Sie führt vermutlich einen anderen, glänzen­deren und bekannteren Namen. Alles deutet cm, daß wir es mll einer sehr hochgestellten, aber auch sehr schlauen Frau zu thun haben."

Tausend Erinnerungen tauchten ihm nun totefcer empor, und er erkannte jetzt selbst, daß seine Schwester rocht Mert dürfte. Dieser .Gedanke jedoch, von ihr angeführt ku sein, und dies gerade von der Frau, verursachte ihm eine solches Qmfl,^ daß .er noch zn dieser letzten Hoffmrng Zuflucht

Tu irrst Dich vielleicht doch. Ich will mich gMffl nochmals in die Stadt nach der Geydesstraße oder nach dem dortigen .Polizeirevier begeben, um dort Erkundigungen einzuziehen."

Was fällt Dir ein!" hiell sie ihn zurück.W ist ein Uhr nachts, kein Mensch würde Dir jetzt Auskunft geben. Tu kannst morgen Deine Nachforschungen an stellen, toerm Du noch bei Deinen Illusionen beharrst. Ich habe feine mehr." - -

Sie sprachen noch einige Augenblicks, sagten sich da» Gute Nacht" .und ging en ;dder auf sein Zimmer.

Wortsstzung folgt.)

Die erste Weinlese.

Eine lustige GeWchte von Anna Theiß (Giessens

Nachdruck Verbotes

Nuten Morgen, Fräulein Ilse!"

Guten Morgen, Herr D-ollvrl Wissente schon, daß heute bei uns die Weinlese beginnt?"

Ja, ich hörte schon davon, imb Ihr Herr Bruder war «uch bereit gestern abend schon so fteimtstich, nttD dazu einzuladen darf ich hoffen, daß Me dannt ein-, verstanden sind?"

Ein halb bittender, halb fragender BLck rmZ den tvewr herzigen Ange» des Sprechenden begfeitete die Stcd-r und' rief auf dem Antlitz des hübschen, MMk» MWcheM eind leichte Nöte herv-ox.