Ausgabe 
27.9.1902
 
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Me trat einen Schritt auf ihn W Und fragte ihn Auge fx Auge:

Wirklich? Sie kennen also meinen Namen nicht? Sie Urisseil nichts über meine Persons""

Nein. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, gnädige Frau!"

Er hatte diese Worte im Tone solcher Aufrichtigkeit gesprochen, daß sie jetzt überzeugt war. Jetzt erst, ver­mutlich von einer Angst befreit, von der sie seit einigen Augenblicken befallen war, vielleicht auch, da sie das Mittel gesunden hatte, sich aus dieser gefahrvollen Lage $u ziehen, gewann sie die ganze Selbstbeherrschung der Weltdame wieder, ging auf ein Fauteuil zu, in das sie sich nieder- ließ, und machte mit größter Liebenswürdigkeit ihrem Gegenüber ein Zeichen, sich zu setzen, ganz als ob sie sich zu Hause in Gegenwart eines Besuches befände.

20. Kapitel.

Nachdem er chrem Winke Folge geleistet hatte, begann sie mit größter Kälte:Tann also, mein Herr, da Sie nicht im Auftrage des Herrn von Sempach gekommen sind, haben Sie gewagt, in dies Haus auf eigene Rechnung zu kommen! Gut. Tars ich, nun bitten, mir zu sagen, was Sie wünschen?"

Durch diese Frage erstaunt und in Verwirrung gebracht, noch mehr aber durch die hochfahrende Art, tu der sie ihm diese Frage stellte, stammelte er:

Mein Gott, gnädige Frau, ich wollte Ihnen nur diesen Vorfall mitteilen."

Sehr gütig. Doch hätte ich ihn auch ohne Sie er­fahren, entweder heute abend, wenn ich zu Bett ging, oder morgen früh, wenn ich aufstehe. Die von Ihnen über­brachte Nachricht interessiert vermutlich rn Berlin sehr viele Leute, und die Zeitungen werden nicht ermangeln, sie Ebringen, wenn sie sie nicht schon gebracht haben. Sonach ßt mich alles vermuten, daß Sie zu einem anderen Zweck hergekommeu find/"

Sie haben recht, gnädige Frau", antwortete er nun Mit mehr Sicherheit. ,^ch wollte mit Ihnen das Mittel bereden, wodurch mein Freund zu retten wäre/"

Glauben Sie nicht, daß er im stunde sei, sich allein Kl retten ?""

Gewiß könnte er dies, wenn er angeben würde, wo er sich gestern abend Um diese Zeit befunden, aber er perwc'gert beharrlich diese Aussage."

Ah, er verweigert sie", rief sie, deren Blick sich auf- Bdoch faßte sie sich sofort, ,chas Stillschwergen des

Mm Sempach tarnt nicht hinreichend fein, ihn zu ilen. Es müssen erst Beweise gegen ihn gesammelt

Werden. Glaubt man, welche gefunden 91 haben?""

Ja, gnädige Frau, das glaubt man."

^Was für Beweise?"

Mehrere Zeugen behaupten, ihn gestern abend imHxmse Bet Ermordeten gesehen ja haben."

Das ist allerdings schwerwiegend."

Tas scheint nur schwerwiegend; denn man wird be­weisen, daß sich diese Zeugen eben geirrt haben oder Ligen."

Wie wird man das beweisen können?""

Durch andere Zeugenvernehmungen. Haben Sie vor­her nicht selbst ausgerufen:Er kann nicht dort gewesen sein; denn er war hier!"

Das hätte ich gesagt ich?""

3a, allerdings, das haben Sie gesägt"", behauptete er Mit Sicherheit, sich erhebend.

Sie warf ihm einen jener Frauenblicks zu, die durch einen Mann durch und durch dringen, die ihn durchforschen, zerteilen. Dieser einige Blick und die anderen Beobacht­ungen, die sie angestellt hatte, genügten ihr, Georg Rakeuius vollkommen zu verstehen und zu durchschauen. Sie hatte mit einem trotz seiner 30 Jahre noch sehr jungen Menschen zu thun, der nichts vom Leben und noch nichts von der Well kannte. Er war von Natur aus furchtsam- schüchtern, vielleicht sogar etwas schwach. Doch hatte er lebhaftes Blut, einen hitzigen Kops, einen empfänglichen Geist und ein rechtliches Herz. Sie erkannte sofort, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen halle, daß sie in ihm durch M viel Kälte mw Härte eine Widerspenstigkeit Hervor­rufen, ihn leicht entfremden konnte. Sie sog es vor, ihn in ihrer augeMlicklichen Lage lieber zum Bunbesaenossen zu machen. .So änderte sie denn Mtzlich ihre Dcmik und

ihr ganzes Wesen und wandte sich äußerst sanft und liebens- würdig gegen ihn:

Ach, bllte, behalten Sie Platz, mein Herr, und lassen Sie uns über das traurige Ereignis, das uns gemeinsam verknüpft, mit mehr Ruhe sprechen.""

Nachdem er ihrer Aufforderung nachgekommen war, fuhr sie fort:

Sie haben meine Absicht vollkommen mißverstanden.! Ich hatte niemals die Absicht, meine Worte, die Sie eBenf wiederholten, zu leugnen. Ich bin im Gegenteil voll-« ständig bereit. Sie abermals zu versichern: Herr von Sem­pach kann gar nicht das chm zur Last gelegte Verbrechen begangen haben; denn er war hier in diesem Hans. Aber wenn ich nun Ihnen, seinem Freund, das offen einge­stehe, muß ich dasselbe auch den Richtern gestehen?""

Sie blickte chm gerade in die Augen, indem sie ihn ununterbrochen studierte und überlegte, was er ihr für? eine Antwort geben würde.

Einen Augenblick sah sie ihn zögern; dann aber, wieder, gesellet von feiner Freundschaft zu Franz, sich der Worte feiner Schwester entsinnend, antwortete er:

.Menn es kein anderes Mittel giebt, ihn zu retten- gewiß, gnädige Fran!"

Sie zuckte zusammen, überlegte einen Augenblick, schien dann einen Entschluß zu fassen und sagte mit der ihr zu Gebote stehenden einschmeichelnden Stimme, indes ihn ihre Augen liebkosend streiften:

Sie haben recht. Wenn es kein anderes Mittel giebt, ihn zu retten, und er beharrlich schweigt dann werde ich wohl sprechen müssen; und ich werde reden.""

Diese Antwort machte vor Freude sein Herz auf- jauchzen; denn dadurch war vor allem sein Freund ge-r rettet. Auch freute es ihn heimlich ganz unbeschreiblich- sie so opferwillig zu finden. Er erhob sich. Sie war also nicht nur herrlich an Leib und Angesicht sie besaß auch eine edle, schöne Seele.

Sie fuhr mit stets gleichbleibender, sanfter Stimme fort:

Sollte also das Geständnis unumgänglich nottvendig sein, bann bitte ich Sie nur, mir selbst das Verdienst zu überlassen, es freiwillig ju gestehen.""

Gewiß, gnädige Frau!" Er mußte sie immer mehr UM mehr bewundern.

UM Sie werben mir wohl nur noch bis morgen Zell lassen"", fuhr sie fort,mich zu entschließen, aus welche Art ich das thun soll tmd an wen ich mich bann zu wenden habe. Ich bin nicht unabhängig. Ich habe gewisse Rücksichten zu beobachten, was Sie wohl einsehen dürsten."

Natürlich, gnädige Fran, das ist ganz klar! Es ist vollkommen natürlich, daß Sie alle erdenllichen Vor­sichtsmaßregeln treffen!"

Sie erhob sich.Also"", schloß sie das Gespräch,auf morgen, mein Herr! Ich werde Ihnen dann meinen Ent­schluß mitteilen, und wir wollen bann beraten, wie wir vorzugehen Habmr.""

Wie Sie befehlen, gnädige Frau. Wo werde ich das Vergnügen haben. Sie wiederzusehen?""

§ier in diesem Hanse, eben wie heute. Ich glaube, eS ist besser. Wir können hier ungestörter sprechen.""

Um wieviel Uhr darf ich Sie erwarten?""

So früh als möglich, um rasch handeln zu können. Gegen zwei Uhr, wenn es Ihnen recht ist."

Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, gnädige Frau.""

Also morgen, auf Wiederfehen"", sagte sie, noch immer sitzend, und winkte ihm mit der Hand einen Gruß zu, als, ob sie ihn verabschieden wollte.

Wollte er nicht verstehen, oder hatte er irgend welchen Verdacht geschöpft trotz allen Vertrauens, das sie ihm soll einigen Minuten eingeflößt hatte? Sie hatte ihm noch! nicht gesagt, wer sie fei. Auch kannte er weder ihren Namen noch ihre Adresfe. Wenn sie ihn nur täuschen wollte?,

Sie hatte jedenfalls seine Zweifel durchschaut und um ihn zu beruhigen und sich seines vollen Vertrauat§( zu versichern, besonders um Ju verhindern, daß er draußen aus sie wartete und ihr folgte, wenn sie hier wegging, stand sie auf und begann wieder mit chrer emsttzmachelm den Stimme- ,

Es fällt mir eben ein. daß es schon spät ist; dies« GegeM ist hier sehr öde. Ich hatte zur Vorsicht meßest Wagen wegaeschickt. Wollen Sre Mir bat Gefallen erweisen- nchch wenigstens eine kurze Strecke W begleiten?"