1902. — Nr. 144.
■WM
MM
NSW ᯎ
(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
Wieder von Unruhe gepackt, verließ sie den Platz ton Kamen, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und fragte chn gleichzeitig:
„Sind Sie wirklich Georg Rakenius, der Maler, von dem mir Herr, von Sempach erzählt hat?"
„Ja, gnädige Frau. Ich bitte Sie inständig, mir zu glauben. — Haben Sie keine Furcht. Sie sehen wohl, daß ich ebenso erregt bin wie Sie."
Tie letzten Worte und der Blick, den er ihr ginge* warfen, beruhigten sie. Er war auch wirklich sehr bleich und konnte ein leises Zittern nicht unterdrücken. Dann entsann sie sich des Gemäldes, das ihr Franz einst von seinem intimen Freunde entworfen hatte, und war über die Aehnlichkeit überrascht. Sie mußte sich heimlich gestehen, — unseren Geist durchkreuzen ja oft so viele Gedanken, ohne daß man sich threr selbst bewußt wird — daß das Original selbst das Gemälde vielleicht übertraf.
Um ihm zu beweisen, daß sie keine Angst mehr habe, verließ sie das Fenster und ging wieder zum Kamin, an dessen Sinrs sie sich mit dem Rücken lehnte, und begann:
„Nun denn, mein Herr, erklären Sie sich deutlicher. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Sie nicht verstehe. Man beschuldigt Herrn von Sempach eines Verbrechens, sagen Sie? Was für ein Verbrechen soll das sein?"
„Er soll in einer Antvaudlung von Wut alle Selbstbeherrschung verloren und eine Frau getötet haben."-
„Eine Frau? Welche Frau?"
Er zögerte mit einer Antwort.
„Sprechen Sie! Vor was fürchten Sie sich?"
„Eine Frau von Sanden mit Namen", gestand er.
„Eine vom Theater, ich weiß", warf sie verächtlich hin.
>,Er hatte sie wohl früher einmal gekannt, hat sie aber nicht mehr besucht. — Weshalb sollte er sie--"
Doch plötzlich unterbrach sie sich und fragte lebyastr „Wann sollte er das Verbrechen begangen haben?" „Gestern «abend, — gerade vor vierundzwanzig Stunden."
dr "EögNch.!" rief sie aus. „Zu der Zeit war
„Ah, wußte ich's doch)" triumphierte Georg.
Sie schwieg, lehnte mit einem Ellbogen auf dem Kaminsims ttno schien, ihr Haupt in die Hand gestützt, nachznsinueu.
Da erst konnte er sie zum ersten Mak, seitdem sie tret ihm stand, aufmerksamer betrachten. Er hatte nicht geirrt, wenn er sich Sempachs Angebetete groß, mit ent* Krickelten Schultern und Mste vorgestellt Kattz Ihr
Sammetmantel hatte sich Ken erst geöffnet, und von der zu diesem Bilde als- Hintergrund dienenden Innenseite aus blauem, Fuchspekzwerk hob sich eine stolze, königliche Gestalt, eine weder zu starke noch zu schwache, sehr schmiegsame Taille, die von keinem Mieder umschlossen war, ad, sowie durch einen anliegenden Rock genau gezeichnete^ Von oben bis herab harmonisch verlausende Linien.
Nachdem der Maler erst sein Modell mit einem Gv- saMtblick umfaßt und bewundert hatte, versenke er sich in die einzelnen Details: Arme, Hände und Fuß waren von äußerster Feinheit, von vollendeter Distinktion, die di« Stelle verrieten, die diese Frau in der Gesellschaft et»- nehmen mußte, die ihren Rang und ihren Ursprung bo- zeichneten. Ihr Haar war blond, wie er es vorausgesetzt hatte, von einem warmen Blond, von einem Goldfäden- netz umsponnen, als wenn es ein Strahl der untergehenden Sonne beleuchtet hätte. Ihre langen, schweren und dichte» Haare, die auch einen Teil ihres Nackens verhüllten, umrahmten ein Gesicht von außerordentlicher Schönheft, von einer vom Künstlerstandpunkt betrachteten korrekten Schön« heit, voll Liebreiz und großem Ausdruck: eine leichte Adlernase, deren Krümmung kaum zu bemerken war, eine hohe, trotz aller Mode freie Stirn, längliche Augen von einem lichten Blau, die bei verschiedenen Affekten die Farbe wechseln konnten, wie sie auch ununterbrochen ihren Aus* druck veränderten, ein kleiner, feingezeichneter Mund ruft etwas vorstehenden, innen roten Lippen, sogenannten österreichischen Lippen.
Plötzlich richtete sie sich empor, hob ihr Haupt und blickte Georg überrascht und voll Verwunderung an:
„Also Herr von Sempach hat Sie beauftragt, mir seine Verhaftung mitzuteilen?"
„Neinch wehrte er lebhaft ab'. „Er hat mir nichts gesagt, mir keinen Auftrag gegeben. Ich habe ihn nicht einmal mehr sehen können."
„Ah! So hatten Sie also von sich selbst —— — —
„Ja, gnädige Frau."
„Sie wußten demnach — . — — ? Er hat Ihnen anvertraut ----?"
„Nein, darin hat er mich niemals in sein Vertrauert g^ogen."
„Er muß Ihnen doch von diesem Haus, von dieser Wohnung erzählt haben"
„Er hat niemals darüber gesprochen"
„Das ist unmöglich Wie hätten Sie es denn sonst gesundend
„Ich habe es gesucht, und ich habe es gefunden?"
„Welcher Scharfsinn!" rief sie mit ironischem Lächeln aus. Tann begann sie wieder, ihm voll inS Gesicht blickendr „Sie haben also auch, ohne daß er mich genannt hätten erraten, wer ich tot?"
„Nein, gnädige Fcach W HM ME MtM KZMM wer Sie ftrw.." 1


