Ausgabe 
27.6.1902
 
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tofll sich amüsieren, Wetter nichts, und in England ist ein solches Verlöbnis gar nicht bindend."

Ich bin ein Deutscher und kein Engländer, wie der Esel, der Fred. Lillian weiß, was sie von mir zu hatten hat."

Traute machte neue Einwendungen in Betreff der Familie Severn, die Ansprüche an Lillians künftigen Gatten erheben dürfte, die Armin nicht erfüllen könnte. Aber Armin hatte dasselbe Selbstgefühl wie sein Vater.

Ich dächte, diese englische Krämerseele dürfte stolz sein, einen deutschen Kavalier zum Schwiegersohn zu be­kommen. Lillian hat bereits eingesehen, daß wir Deut­schen doch ganz andere Leute sind als ihre verrotteten Häringsbändiger daheim, die sich vor einem Duell fürchten, und sich eine Ohrfeige oder einendummen Jungen" mit Geld bezahlen lassen."

Und nun entfaltete er Traute seine sehr optimistische Ansicht über die Zukunft. Zuerst wollten sie natürlich die Verlobung strengstens geheinr halten, auch vor seinen Eltern, bis er seinen Referendar gemacht habe. Die sächsischen Referendarien würden bereits besoldet und nrit einer an­ständigen Zulage vom alten Severn, den er als Millionär taxierte, könnten sie schon heiraten. Nach dem Assessor- examen wollte er sehen, bei der englischen Gesandtschaft anzukommen, und mit den Mitteln seiner Frau würde ihm das nicht schwer werden. Dann sollte sich, der alte Severn mal nach einem besseren Schwiegersohn umsehen!

Er sprach mit einer solchen Sicherheit und Zuversicht von diesen Zukunftsplänen, daß Trautens Bedenken mehr und mehr schwanden. Ihr Vater hatte ja selbst oft dem Sohu geraten, einmal eine reiche Engländerin zu heiraten

zur Gesandtschaft zu gehen. Und mit einer solchen Stellung wurde Lillian wohl auch zufrieden sein.

Famos, Schwesterchen, wenn ich erst Gesandtschafts- attachec in London bin und Du Gräfin Stauffen bist, dann wollen wir der Welt etwas zeigen! Es kommt ja im Leben alles auf die Persönlichkeit an. Es müßte sonderbar zugehen, wenn wir beide nicht unser Glück machten. Na, Und Hulde wird als Frau von Lodenstein auch ganz zufrieden fern, wenn sie auch nicht gerade wie wir das große Los gezogen hat. Vorläufig wollen wir uns gegenseitig helfen, ü>o wir können. Die Eltern werden nichts dagegen haben, daß Du mit Stauffen nach wie vor mit Lillian und mir spazreren gehst. Na, und wir nehmen dann Rücksichten auf ernander."

Der künfttge Gesandtschaftsattachee erhob sich, zog vvr dem Spiegel die Pekefche stramm, bearbeitete seinen S. C.° Schertel mit zwei Taschenbürsten, und suchte darauf im Nebenzimmer nach Rock und Mütze.

Da unten laufen Schütz und Brandes. Ich muß ihnen najch. Wrr wollen die Fahrt nach! dem Bterdorf ausknvbeln. Heute abend vor dem Kommers komme ich noch, ans einen Augenblick, um Lillian zu sehen. Mach nur, daß Ihr beide dann allein auf Deinem Zimmer seid."

Traute war zu froh, aus dem Dilemma zu sein, um ote Sache nicht im besten Lichte anzusehen. In allen Romanen, die sie gelesen, hatten, ja Liebesleute noch ganz andere Schwierigkeiten zu überlvinden, als sich ihr und chrem Bruder entgegenstellten. Ihrem Liebesglück und threir neunzehn Jahren schienen alle Hindernisse nur Maul­wurfshügel zu sein.

Dreizehntes Kapitel.

Armin und Lillian trafen jetzt jeden Abend heimlich tu Trautens Zimmer zusammen. Die Gelegenheit war günstig. Miß Buxton pflegte um diese Zeit ihre Briefe zu schreiben oder Klavier zu spielen, und Lillian hatte deutsche Sprachstunde bei Traute, die sehr froh war, sich damrt ein kleines Taschengeld machen zu können. Armin behauptete, daß Lillian in fünf Minuten mehr deutsch ber rhm lerne als bei Traute in einer Sttmde, und so sand er sich regelmäßig ein.

Mau saß dann sehr gemütlich plaudernd beisammen, und ereignete es sich, daß Miß Buxtons Schritt auf bem Korridor gehört wurde, so verschwand Armin Hals über Kops i.i der anstoßenden Schlafkammer.

Miß Buxton zeigte nun seit einiger Zeit ein etwas unbequemes Interesse an den deutscheii Sprachstudien ihrer Schülerin. Sie kam häufig, und es geschah mehr als einmal, daß Arnim eine ganze Stunde, statt in der süßen nächsten Nähe der Geliebten, höchst unbequem regungslos zwischen Trautens Kleiderschrank und Wasch­

tisch gettemult, allem in der dunklen Kammer ver­harren mußte.

Einmal hätte er sich sogar fast verraten. Miß Bux­tons Kommen wurde bei einem besonders interessanten Gespräch zu spät gehört, Armin mußte sich mit einem ver­zweifelten Satz in die Kammer retten, um nicht erwischt zu werden, und sprang in der Eile gegen Trautens Toi­lettentisch, so daß alles in und auf demselben klirrend übereinanderfiel, und am Boden rollte. Miß Buxton, die in demselben Augenblick eintrat mit ihrem gewohnten sanften, würdevollen Lächeln, blickte etwas entsetzt nach der Kammerthür, aber Traute sagte mit Geistesgegenwart:'

Was die Leute über uns nur immer für einen Spektakel machen!"

Bei Armin, der ivieder für den Rest der Stunde kalt gestellt war, reifte indessen ein großer Entschluß.

Der Sache muß ein Ende gemacht werden", erklärte er energisch nach seiner endlichen Befreiung.Und wenn ich Miß Buxton in ihrer Stube einschließen muß! Aber halt! ich habe eine Idee! Wir müssen dem Interesse der wür- digen Dame eine andere Richtung geben. Sie ist unbe­schäftigt, barum widmet sie uns zu viel von ihren Gedanken und ihrer Zeit. Ich müßte mich sehr irren, ivenn Mr. Hopkins nicht im stände sein sollte, sie angenehm zu fesseln. Das giebt einen Hauptspaß, wenn wir die beiden zusammeu-- bringen!"

O", lachte Lillian,Miß Buxton verehrt Herrn Hop­kins sehr. Sie geht jeden Sonntag zu ihm in die Kirche, und wenn ich über ihn lache, wird sie ernstlich böse. Sie sagt, er habe ein schönes Organ, sie höre ihn so gern lesen und sprechen."

Tas giebt mir einen zweiten famosen Gedanken. Sag' mir schnell, welches ist Miß Buxtons Lieblingslektüre?" rief Armin.

Brrrrr!" schüttelte sich Lillian,ein gräßliches Buch! John Bunyans Pilgerreise!"

Gut, darauf gründet der kluge Mensch seinen Plan. Miß Buxton soll uns nicht mehr stören."

Am folgenden Tage machte Armin Mr. Hopkins einen Besuch _ auf seinem Zimmer. Er war überrascht, als er bei seinem Eintritt niemand in den vier Wänden erblickte, trotzdem er den würdigen Geistlichen deutlich herein" rufen hörte, als er anklopfte. Er sah sich ratlos! um, als plötzlich, zu seinem nicht geringen Schreck, Mr. Hopkins von , der Decke herab vvr seine Füße fiel. Jetzt entdeckte Armin oben an der Zimmerdecke eine Art Durn- vorrichtung, an welcher Mr. Hopkins, von einem großen Kleiderschrank verborgen, gehangen hatte. Derselbe erklärte mit vergnügtem Grinsen, daß er seine freie Zeit stets da oben zubringe, um durch gymnastische Hebungen seine an­gegriffene Gesundheit über feinen mangelhaften Appetit zu stärken. Er fing sofort an, im ganzen Zimmer nach einer Broschüre zu suchen, die von den Segnungen solchen Zimmersports, verbunden mit kalten Abreibungen unb Bädern handelte, und ivieder fand es Armin schwer, ernst­haft zu bleiben bei dem Suchen. Als die Broschüre sich nicht unter den Papierbergen aufgehäufter englischer Zei­tungen, unter den Quart- und Foliobänden des Bücher­schranks, noch auf dem wüsten Durcheinander von Schrif­ten und Rauchutensilien auf dem Schreibtisch finden ließ, kroch Mr. Hopkins in seiner ganzen Körperlänge unter das Sopha, brachte jedoch von dort nur einen alten herunter­getretenen Filzschuh und eine durch Staub in der Farbe unkenntlich gemachte englische Reisemütze zum Vorschein. Hierauf stöberte er hinter dem Ofen und schien durchaus nicht überraschet, an diesem ungeeigneten Ort sein Bade­handtuch und ein Nachtgewand zu finden. Im nächsten Augenblick, ivährend Armin zum Fenster hinaussah, um einen krampfhaften Lachanfall zu unterdrücken, ivar er über­haupt wieder gänzlich verschwunden. Armin glaubte ihn in der anstoßenden Schlafkämmer, prallte aber mit einem Schreckensruf zurück, als Hopkins rückwärts aus dem großen Kleiderschrank herausfiel, die Füße hilflos in allerlei Gegen- tände verwickelt, die sich als ein Paar Unterbeinkleider, Kofferstricke und einen alten Regenschirm, der ihm zwischen die Beine gekommen war, entwickelten. Wer er hatte die gesuchte Broschüre in einer Rocktasche int Schrank gefunden, was ihm abermals ein vergnügtes Grinsen entlockte.

Wissen Sie was, lieber Mr. Hopkins", sagte Armin, nachbem er einen Blick in die vielgepriesene Broschüre ge­worfen,diese Kur wäre ganz ausgezeichnet für Miß Bnx-