Freikig den 27. Juni
Nr. 94
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
O, mein Gott!" stöhnte Löschnitz, „beschwören Sie nicht die Vergangenheit herauf!" Er stürzte ein Mas nach dem andern hinunter. „Jene Stunden — wenn ich sienur vergessen könnte! Allein mit ihr — im duftigen Teppichgemache — im magischen Dämmerlicht einer rubinroten Ampel, der ganze Erker voll Rosen und Hyacinthen — und sre — das verrliche Loreleihaar gelöst, im langfließenden, Wersten Ge- ->,ande — den göttlichen Marmorbusen nur von zarten
Ken verhüllt — und irgendwo aus der Ferne erne weiche, träumerische Musik. — O, wenn ich es nur vergessen fötttttß ,
Beim Zeus, alter Freund! Nehmen Sie's mir nicht Übel," aber wenn Ihnen der Goldvogel so weit ms Garn gegangen war, hätten Sie ihn auch fest machen sollen. Die Sache müssen Sie höllisch unklug angefangen haben!
„Ich war zu arglos, zu vertrauend."
Das ist ein Fehler. Haben Sre denn nrchts m der Hand, um den Flüchtling zurückzuholen?"
u 'Löschnitz fing an zu fchluchzen. Sre hatten die zweite Flasche Sekt fast geleert, und Löschnitz hatte den Löwenanteil gehabt. , ., ,o _ , , .
„Ich habe ihr süßes Bild, werter nrchts.. Doch,, bei meiner Ehre! nie werde ich sie verfolgen oder sre belästigen, wenn sie mich verschmäht! Wer ich kann das Bild nicht mehr ertragen, ich kann es nicht. Jeden Dag nehme w mir vor, ein Ende zu machen, es zu zerreißen, zu zerstören, zu verbrennen — aber es ist, als wollte ich etwas Lebendes morden — ich kann es nicht! Lreber Freund, wollen Sie mir den Dienst erweisen? Ich gebe Ihnen das Bild im versiegelten Couvert und Sie versprechen, es ungesehen zri verbrennen. Wollen Sie?"
„Gern."
„Gut. Kommen Sie nach meiner Wohnung. Morgen mit dem Frühzug reise ich zu meinen Eltern. Von da in kürzester Zeit nach Amerika. Das alte Europa ist zu klein für mich, und die Last meines Unglücks. Ich brauchte eme neue Welt." _ ,
Stauffen hatte einige Mühe, den Schwankenden in
deiner Lebenslage
WE Bringt im Wechsel Lust und Plage;
13p Wie es kommt, so mußt du's nehmen,
Und dich heitern Sinns bequemen, Bittre Schalen zu entfernen
Bon den süßen Freudenkernen. Lbwe.
eine Droschke zu bringen. In seiner Wohnung ubergcch ihm Löschnitz feierlich eine Kabinettsphotographie m einem geschlossenen Couvert und bat ihn schluchzend, sv schnell als möglich das Haus zu verlassen, damit fern Entschluß ihm nicht wieder leid werde. r ,
Stauffen that ihm den Willen, aber er verbrannte das Bild nicht. Bei der nächsten passenden Gelegenheit übergab er es Traute, erzählte ihr die ganze Geschichte und bat sie, das Bild im Couvert aufzuheben. Es rönne Löschnitz ja doch wieder leid werden, man könne autt} nicht wissen, ob es ihm nicht noch gute Dienste leisten werde. Und bei ihm sei es nicht sicher, Traute möge es aufbe-t
Camill machte es Traute schwer, ihren Eltern das Versprechen zu halten, ihn nicht mehr allem am dritten Ort zu treffen. Er suchte sie auf jede Art zu weiteren! Spaziergängen und Ausflügen in die frühlmgsgrune Mn-, gevung der Stadt zu überreden, um ein Allemsem mit ihr zu ermöglichen. t ,.
Ihren Widerstand suchte er auf dem Hmweg und Heimweg von der Malstunde mit Bitten und Flehen und zuletzt mit Zorn zu überwinden.
Traute kam nach einem solchen heftigen Seelenkampf ganz niedergeschlagen und geknickt nach Hause. Trübselig saß sie aus ihrem Zimmer, als Armin bei ihr eintrat.
Er sah etwas gedunsen und gerötet im Gesicht aus; deim er hatte sich eben erst von einem langen Mittagsfchlaf nasch einem angreifenden Frühschoppen erhoben. Aber hübsch und schneidig wie immer in seiner schwarz-roten Pekesche.
„Trautchen, pnmp mir eine Mark. Ich bin ganz aus- Gebeutelt/'
Traute suchte in ihrem mageren Portemonnaie groschen- weis eine Mark zusammen. , , U1 .
„Was ist Dir denn? Du siehst ja so bedeppert
Armin war stets Trautens Vertrauter gewesen, und so erzählte sie ihm jetzt die ganze Angelegenheit nut Stau ff en. . , r., . , ,,
„Sieh mal", sagte Armin, indem er sich m den alten Ledersessel am Fenster rekelte, „da sind wir beide ziemlich in derselben Lage. Ich habe mich nämlich gestern nut Lillian verlobt."
Traute blickte etwas erschrocken auf. Sie wußte zwar, daß Lillian gar nicht mehr gut auf ihren „süßen Fred- zu sprechen war, der im Laufe des Winters schireibfaul wurde, und, brieflichen Andeutungen einiger guten Freundinnen nach, jetzt einer gewissen braunäugigen Mmnie zu Fußen lag/ Aber sie kannte Lillian und deren Ansprüche an das Leben bereits zu genau, um an eine ernsthafte Chance snr ihren Bruder glauben zu können. Außerdem durfte dev zwanzigjährige Fuchs in den ersten Semestern gar nicht an eine Verlobung denken. , . o.rf.
„Ich fürchte, Arnim, Tu täuschest Dich in Lillian. Sitz


