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„Warum bin ich dir zuwider? Unt NiklaS BreedenS! Tod? Du weißt, ich hab' daran keine Schult»."
Sie schüttelte den Kops.
„Oder magst du mich nicht mehr leiden? Sag's, Ebba!"
„Ob ich dich mag? O, Wilm, das weißt du."
„Ja, Mäken, was ist denn mit dir?"
Ick hab' Angst."
„Vor Jan? Der kommt nicht wieder. Sollt' er's wagen, dann steht in Emden ein festes Quartier für ihn parat!"
„St! Um Gottes willen!"
„Ebba, willst du mich wenigstens anhören?"
„Ja, ja. Dies eine Mal noch, und — nie wieder."
„Tas findet sich. — Komm, setz dich her." Er zog sie neben sich; er band sein Halstuch ab und wickelte es um ihre Schultern. Er drückte sie an seine Brust, um sie zu erwärmen, denn sie war kalt wie ein Usch.
„Mach zu", flehte sie abwehrend.
„Ja, von Onkel in Norden wollt' ich sagen. Er ist ein Vetter von Großvater gewesen, hat sich aber um uns nie bekümmert. Ich hab' nich 'mal gewußt, lebt er noch, oder lebt er nich mehr. Nu, der Tod sitzt ihm im Nacken. Er weiß das. Trum hat er herumgesvürt nach 'nem Blutsverwandten, denn seinen Kram wollt' er fremden Leuten nicht lassen. Mir kam das gut zuPcA Er is 'n krittvichen ollen Knast, Ebba, un gönnt keinem die Augen im Kopf. Es ist ein slechtes Umgehen mit ihm. Aber er will mir alles verschreiben, und ich denk' an dich, un daß haben gewiß is, un kriegen man mieß, un ich halt' durch. Das wollt' ich dir sagen, Ebba. Ich bin jetzt ein richtiger Freiersmann. Da braucht sich keine zu schämen."
Mit einem Schauder wich das Mädchen vor ihm zurück. O, Wilm, mich freit keiner."
„Ebba!" Er hielt sie fest. Er drückte ihren Kopf an seine Brust. „Ebba —"
Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus. „Fass' mich nicht an! Großer Gott! Soll es dir denn auch gehen wie Niklas Breeden?!"
„Mein Silbermövchen! sei nich dummerhaftig. Jan iS weit."
Sie schüttelte den Kopf. „Er is nah. Er is hier. Hörst ihn nich? Siehst ihn nich? Oben steht er ja! Ein großes Messer blinkt in seinen Händen! Er toirb dich ver- morden, tote den andern! Wilm!" Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Rand des Trichters.
„Ebba!" Er breitete die Arme aus.
Sie that einen Schritt vorwärts, wie um sich an seine Brust zu werfen. Mer mit einem schmerzvollen Wimmern kehrte sie sich ab. „Es ist kein Glück für mich auf deri Welt —"
Wilm mußte mit der steigenden Flut zu Schiff. Schon donnerte sie mit lautem Schall gegen den Strand. Hastig sprang er die Dünen hinunter zum Watt. Das Mädchen wußte wenigstens jetzt, tote er's meinte.
Nach einigen Tagen erhielt er einen Brief von ihr. „Mein liebster Wilm!
Es kommt mir vor, als hättest du mir nich verstanden, und das ist toohl möglich, denn ich toar ganz verbiestert. Darum sage ich dich mit Geschriebenes Bescheid, daß du auf mich nich warten sollst. Tenn es muß alles vorbei sein. Das muß sein, lieber Wilm! Ich sage dir nich, wie viele Thränen ich auf dem Papier geweint habe. Und ich bitte dich, all was ich kann, versuche nich, mich von meinem Willen abwendig zu machen, oenn wir beten alle Tage: Führe uns nicht in Versuchung, und ich gehe nich in festen Schuhen. Darum, liebster Junge, Scheiden und Meiden. Und ich will meinen Gram zu keiner Menschenseele aus- schutten, deinen lieben Namen nich mehr in den Mund' nehmen, und meine große Liebe fest in meinem Herzen verschließen.
Deine getreue
Ebba.
P. S. Moder s-igt, ich hätte kein Glück. Ach, das- ist tvahr.
Am Morgen nach seiner Ankunft besuchte Tobias Breeden Mutter Marinka. Sie kauerte, schwarz anzuschauen wie immer, so über ihrem mit glühenden Torfstücken gefüllten
Stövchen am Herd. Ebenso schwarz tote sie, saß Ebba am Fenster, stichelte und sah nicht auf.
„Goden Dag und besten Dank ook vör Pleeg un Upq passen Wi toill'n dat gltek maken."
„Süh so, Tobias Breeden. Do is he jo toedder." - \ „Jo, Nahbersch Jürgens, do bün ick" !'.ß
Tie Witwe riß die Augen auf. „Hit Jan?"- Rl „Tat wert de Düwel." - I
„Ick meen, he harr' den Fisk all bi'n ©teert."
„Tat toohl nich. Bloß mien Bargeld is flöten gähn." „Tat geiht, as't kummt, Tobias Breeden."
„Jo, Marinkamöh. Dien Dochter süht ook nich kregel ut."
„Wunnert's Ihn? Ebba is keen Vergeetern. Mit Sine Frijerie fung dat an. Nu hebbt toi't."
„Ick meent't god to maken."
„Meen ick is 'n Bedrieger, Nahber."
Tobias Breeden ging weiter ins Dorf, zum Vorsteher,^ zum Pastor! Eine innere Unrast trieb ihn um, die Gewöhne heit des Wanderns. Sein verödetes Haus flöste ihm Grauen ein, und die Bibel gewährte ihm keinen Trost. Warum hielt Gott seine Verheißungen nicht?
Als er ermüdet, hungrig heimkam, saß Ebba vor der kalten Feuerstätte, reglos toie ein Bild aus Stein. Ihn freute ihre Gegenwart.
„Mien leeve Dochter, dat is klook, dat du kamen büst. Nu mutt wi eens verstännig snacken. Warum büst du so wunderlich? Sieh, Niklas war einer, wie's nich viele giebt. Tat is so. Du aber hattest deinen Sinn doch 'mal aus den andern gesetzt."
„St!" machte Ebba, den Finger am Mund.
„Nee, worüm schall ick dat nich seggen? Nah läge* *) Ebben kommt Hoge Floden. Wilm Jansen hat sich ins Butterfaß gesetzt in Norden. Tat laß man sein. Un du büst jung, Ebba. Worum toiittft em nich frijen?"
„Worum! Worum! Kennst du wohl die Geschichte vom jungen Tobias, Vater Breeden? So eine wie dem seine Sarah bin ich. Auch meine Freier vermoord ein Teufel. Ihr Teufel hat Asmodi geheißen. Meiner heißt Jan Jürgens."
„Nee, nee, lütt Ebba. Jan Jürgens is wiet."
Ebbas Augen blitzten auf. Sie trat ganz dicht au Tobias heran.
„Miet, seggst?"
„Jo, Gott beter't. Ick hab' sein Schipp afdampen sehn."
„Tobias Breeden — Jan. Jurgens is hier!" „Hier? — Wo? Wo?"
Tas Mädchen blickte unstet umher und beschrieb mit den Fingern einen Kreis in der Luft. „Hier — dort — draußen — droben — ich weiß nicht."
Er faßte rauh ihr Haudgeleuk. „Oh, snack keeu Narren- tilg!"
Ebba griff in die Tasche und zog einen zerknitterten Papierstreifen hervor.
„Tas hat unter 'nem Stein gelegen am Fenster vor fünf Tagen."
Tobias entfaltete -das Papier. Er mußte es weit von seinen Augen halten, um lesen zu können; seine Hände zitterten. Mit ungeschickten Schriftzügen stand da: „Wahr di! Ter Nordener hat schon wieder bei dich gesteckt. Ich weiß es. Un was ich gesagt hab, das hab ich gesagt."
___ (Fortsetzung folgt.)
*) niedrige.____
Auflösung des Preisrätsels in Nr. 40 der Familienblätter: Willst du, eignen Schmerz zu tragen, Dir den Busen kräftigen. Lerne mit der Menschheit Fragen Edel dich beschäftigen: Wie die Seele sich erweitert, Wird dein Leben auch erheitert. . (Feuchtersleben.)
Es gingen insgesamt 23 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 7; Einsender: Cili und Heidi Geller, Gießen, Ederstr. 5.
Der Preis — „Jugendgartcn", Eine Festgabe für Mädchen, Bd. 26, geb. — ist von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsgnittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen.
Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 45: £$. Kc6, Daß, La8, 8k>2. - Schw. Ke4, Bf6, g3, g5.
1. Se2-f4; beliebig. 2. De2 (+).
Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


