Ausgabe 
27.3.1902
 
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blufft: er griff in die leere Luft. Kein Jan Jürgens, so weit sein scharfes Auge reichte. Verschwunden tote ein Spuk der breitschulterige Gesell! Und doch war er da gewesen, vor Sekunden noch. Der Getäuschte starrte die Pflastersteine an, die in geschlossenen Reihen den Boden beoeckten, die Häuser, die sich eng aneinander preßten, so eng, daß keine Maus zwischen ihnen entschlüpfen konnte. Wo war der Mann hingeraten?

Er riß Hausthüren auf, stürmte Treppen hinauf, kroch in Keller. Er bat die Leute auf den Straßen, in den Häusern, ihm zu helfen, blind vor Eifer. Endlich entdeckte er einen Durchgang, mehrere Höfe stießen aneinander, nur durch niedrige Mauern getrennt. Er überstieg sie, die erste, die zweite, dritte, ohne auf den Einspruch der Eigentümer zu achten. Uitb plötzlich, gerade dem Schleusendamm gegen­über, bot ein weit offener Thorbogen ihm den Ausgang auf die Straße. Vor seinen Augen lag der Dantpfer. Er rannte atemlos darauf zu. Da packten vier kräftige Schutz­leute ihn von hinten. Er schlug wild um sich, er flehte, er beschwor sie, versuchte ihnen begreiflich zu machen, um was es sich handelte. Umsonst! Die Beamten ließen sich nicht bedeuten. Der Alte hatte einen Menschenauflauf ver­ursacht, er war gewaltsam in fremde Gehöfte eingebrochen. Die kannten ihre Pflicht.

Mährend sie ihren Gefangenen um die nächste Straßen­ecke zerrten, setzte sich, eine schwarze Rauchwolke ausstoßend, mit weithin hallendem Pfiff das Schiff in Bewegung, dampfte aus der Schleuse, aus dem Hafen, majestätisch in den Dollart hinaus.

Tobias Breeden war toll vor Zorn. Thränen funkelten ihm in den Augen, als er sich vor dem Kommissar ver­antwortete.

In Gottes Namen, Herrens, lassen Se 'n ehrlichen . Kerl seinen Weg gehn! Es sünd'r Spitzbuben genug zum Einfangen. Hadden Se em nich wegholpen, har ick Jan Jürgens ditmal bi'n Slunk kregen!"

Tiefe Rede trug dem Schiffer eine strenge Rüge ein. Doch dann ließ der Kommissar ihn gehen. Ihn erbarmte des verblendeten Mannes, der einen fatigen wollte, von dem die Polizei wußte, daß er in Emden gar nicht war.

Noch am selben Abend tvanderte Tobias tveiter, nord­wärts, heimwärts. Sein Mut war erschüttert. Er empfand ein krankhaftes Sehnen nach Haus. Aber er reiste langsam. Er hatte keine Eile, zu nichts mehr Eile. Ter Dampfer, der Sommers den Verkehr mit der Insel vermittelte, hatte längst seine Fahrten eingestellt. Keinen Kurgast gelüstete mehr nach einem Aufenthalt auf der sturmumtobten Insel. Tobias mußte mit dem Fährschiff übersetzen, einem schwer­fälligen Segler, der sieben Stunden auf dem Wasser blieb. Er war der einzige Passagier.

Süh da, Tobias Breeden", sagte der Kapitän, als er auf dem Deich erschien.

Süh da, Piter Klaas."

Ter Schiffer winkte mit dem Daumen über die Schulter.

>,Wuttst du mit?"

Jo, ick gab mit."

Na, dann stap man rin. Dat geiht nu los."

Tobias lehnte sich an die Reeling und sah dem Auf­winden des Ankers Ul.Was Neues passiert zu Haus?" Ree, gor nix. Weetst du wat?" Nee, gor nix."

Laat man ftett, Tobias Breeden. Jan Jürgens halt doch de Düwel, da bruukst du em nich an to helpen." Und der Kapitän schrie:Treihen! Ho, Jung! Dat di de Hagel! Dal mtt Topp un Klüver? Döskopp! Schall wi 't Schipp heel vull Water seilen? Slecht Wedder, Tobias, flecht Wedder."

Jo, Piter Klaas: Bertig Fahr bin ick up See fahren. Uns' Küst' wenn de oll Nordwestwind so mit de Tide up- kummt, de is slimm, ick segg, de is slimm."

Gegen Abend ankerten sie auf der Reede. Da dio Insel keinen Anlegesteg besah, und weder Klaas noch Breeden die Mark Fahrgeld für den Wagen des Eschenwirts bezahlen Wollten, warteten sie die Tiefebbe ab, zogen die Stiefel aus, streiften die Beinkleider in die Höhe und wateten die halbe Stunde über den Wattstrcmd bis ins Dorf.

Tobias trat in sein Haus. Außer dem Pastor hatte er niemand gesehen. Tie Leute hielten sich an dem un­wirtlichen Novemberabend daheim. Als er nun Licht au- zündete und sein Reich überschaute, in dem jedes Ding geblieben war wie einst, den Eimer unter der Decke au-

schaute, die Bibel, die aufgeschlagen auf dem Tische lag, bie Töpfe und Pfannen, wie Niklas sie geordnet hatte, als die Hauskatze schmeichelnd herbeischwänzelte, die Ziege im Stalle, ihres Hxrrn Schritt erkennend, freudig meckerte, alles sich zusammenfand, alles nur der eine nicht, dessen helle Augen, dessen frohes Lachen all diesem erst Leben, Reiz und Schmuck gegeben hatten, der die Seele des Heims ge­wesen war, das ohne ihn einer toten Hülle glich, da brach der starke Wann in die Kniee, und fein Gesicht sank auf die aufgeschlagene Bibel.

Herr! Herr! Warum hast du ihn mir genommen? Herr! Herr! Warum willst du seine schändliche Bermoordung nich rächen? Hast doch Vergeltung gelobt bis ins dritte und vierte Glied!"

Er hatte nicht geweint in der Nacht, als er an des erschlagenen Bruders Leiche wachte. Jetzt in der verödeten Wohnung weinte er bitter, hilflos bis zum lichten Morgen.

Menn Piter Klaas behauptete, daß sich.gar nichts auf der Insel zugetragen habe, so sprach er nicht ganz wahr. Aber der Schiffer hatte kein Interesse für Weibsbilder und Liebeshändel. Diejenigen seiner Landsleute, die weniger männlichen Hochmut besaßen, waren darüber einig, daß mit Ebba Jürgens etwas nicht richtig sei. Daß sie um den Bräutigam trauerte, war nur in dex Ordnung. Wer alles hatte seine Zeit, Trauer wie Freuds Bei Ebba kam die Freude nicht wieder zu ihrer Zeit," vielmehr wuchs die Trauer, die unnatürliche, rätselhafte Trauer.

Seit Niklas' Tod verschloß sie sich in ihr Haus, sah Wilm nicht wieder, obgleich er in den ersten Tagen oft bet ihr anklopfte. Denn auch sein Schicksal nahm eine Wenoung.

Ein halb vergessener Oheim, der in Norden ein gut gehendes Materialwarengeschäft betrieb, rief ihn zu sich Vielleicht war es das Glück, das ihm hier die Hand bot. Und nun konnte er der Geliebten den Grund seines Scheidens nicht mitteilen, nicht die weitschiveifenden Hoffnungen, die er an seine Berufung knüpfte. Doch achtete er ihre Em­pfindungen. Noch stand die Leiche des Mannes über der Erde, den des Mörders Axt statt seiner, für ihn, getroffen, dem Ebba die Treue gebrochen hatte in der Sterbestunde.

Er trug seine Botschaft Mutter Marinka auf und schied. Nach sechs Wochen kehrte er zurück. Seine Briefe hatte Ebba nicht beantwortet. Nun wollte, nun mußte er sie selbst sprechen.

Ungeduldig drängte er die abwehrende Frau Jürgens zur Seite und riß die Thür auf. Die Stube war leer.

Und ich hätt' einen Eid darauf geschworen, daß ich ihr Krullhaar hinter den Scheiben hab' flimmern sehen."

Schall woll sien", sagte die Witwe gleichmütig.Wo einer die Thür verrammelt wird, da geht sie durchs Fenster."

Aber, das ist barer Blödsinn."

Ick kannr nix bi dohn."

Wilm blitzte die Witwe mit seinen schtoarzen Augen an. Wobei hätte ste je etwas thun können?

Marinkamöh, ich such' mir deine Tochter."

Er lief die Dünen hinauf. Er rief. Keine Antwort. Er erkletterte die steilsten Kämme und hielt Umschau. Endlich sah ar ihr Helles Kleid schimmern; er rannte auf sie zu. Sie floh vor ihm, Düne auf, Düne ab. Jetzt glänzte ihr silberblondes Haar noch einmal auf zwischen den fahlen Sanddornstauden, die das Profil einer Höhe bedeckten, jetzt tauchte sie in die Thalsenkuncp und jetzt sah er sie den Abhang gegenüber erklimmen, gleitend, rutschend im losen Sand-. Doch der Zwischenraum zwischen ihnen ver­ringerte sich. Und jetzt brach sie erschöpft, keuchend in die Kniee. Aber in stummer Abwehr streckte sie noch die Hände gegen ihn aus, während der Wind ihr oie Silbersträhnen thres Haares um das hagere Gesicht peitschte, uno ihrem Verfolger den losen Sand in die Augen wehte.

Wilm faßte die gegen ihn ausgestreckten HändeEbba! Bist du von Sinnen? Läufst weg vor mir! Vor mir!"

Sie antwortete nicht. Sie starrte in wilder Llngst um sich, doch da war niemand, so weit der Blick reichte. Ein paar Regenpfeifer schrieen gellend im Flug, und das Meer brandete schaumbedeckt ringsum gegen den schmalen Jnsel- strcifen, die Sandbank in den Wellen.

Er zog das Mädchen bei den Händen atts dem atem­raubenden «Sturm in einen Dünentrichter, über den der Nordwep machtlos hinwegprich.

Mten leevste Deern! Wat is' dat mi di?"

Sie schlug stumm die Hände vors Gesicht.