Ausgabe 
27.3.1902
 
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ton aus der katholischen Kapelle sich mit dem Hymnus der Griechen, dein Gemurmel der armenischen Priester, dem Stöhnen der koptischen Einsiedler und den Pauken des abyssinischen Kultus vermischt. Der Glaube von fast 500 Millionen Menschen, des auserlesensten Drittels der Menschf- heit, umschwebt nun einmal wie ein unsichtbarer, aber darum nicht weniger mächtiger Genius, als ein heiliger Geist diese Stätten und verleiht ihnen eine Bedeutung und Größe, die für jeden eine unvergeßliche Erinnerung bleibt, der nur einmal vorübergehend hier geweilt hat.

Nimmt der russische Kultus namentlich zu Ostern in Jerusalem unbestreitbar die erste Stelle ein, so ziemt es sich auch, zu betrachten, wie der Russe in seiner Heimat das Fest der Auferstehung feiert. Für ihn ist es das erste und höchste Kirchenfest des ganzen Jahres und beginnt mit der großen Messe tti der Nacht vor Ostersamstag auf den ersten Festtag, in welcher jeder, den nicht strenge Berufspflichten daran verhindern, sich bemüht, eine der großen Kathedralen zu besuche«. Gegen Mitternacht hebt der feierliche Gottes­dienst an, an dessen Schluß der Geistliche mit der sonoren Stimme, wie sie den meisten russischen Geistlichen eigen ist, feierlich sein Christos Woskresse, d. i. Christus ist auf­erstanden tu den menschenerfüllten Raum ruft, aus dem es ihm in tausendstimmigem Chor als Antwort zurückschallt: Bo istinu woskresse", auf deutsch:Er ist wahrhaftig auf­erstanden." Besonders feierlich gestaltet sich die Zeremonie in der Isaaks-Kathedrale in Sankt-Petersburg, in der vor diesen Worten nur ein dämurerndes Licht herrscht, während im gleichenAugenblicke das Kircheninnere sich! in ein Meer von Licht kleidet und die mächtigen, an den vier Ecken des Kirchendaches angebrachten Gasreslektoren ihr Licht bis weit hinunter nachdem Woßnessenski-Prospekt und über den Alexandergarten und- die Newa nach dem Stadtteil Wassilij- Ostrow erstrahlen lassen. Während die Geistlichkeit dreimal in feierlicher Prozession uni die Kirche zieht, begrüßt sich auf dem weiten Platz vor derselben alles mit dem drei­maligen Ostcrkuß, dem sich niemand entziehen darf, gleich­viel, ob er arm ober reich, ob er vornehm oder gering ist. Nach beendeter Feier eilt man nach Hause uttb labt sich an all den guten Dingen, denen man sieben lange Wochen hindurch entsagt. Nirgendwo wird das Fasten so strenge tnnegehalten, wie in Rußland, wo der gemeine Mann sich während der Passionszeit häufig wirllich nur von Brot oder Mamlika und Leinöl nährt und im buchstäblichen Sinne des Wortes hungert. Dafür sind über nun auch die Tafelfreuden so reichlich daß die Tische zu brechen drohen, und es dauert ziemlich eine ganze Woche, bis das Alltagsleben die Festesfreude wieder ganz verwischt. Am Ostersonntag drängt in der Residenz an der Newa alles ins Freie, namentlich nach dem Marsfelde, wo der Ver­gnügungslustigen eine Auswahl von Unterhaltungen harrt, im Vergleich mit welchen selbst der Wiener Wurstelprater zur Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpst. Auf demHeumarkt ist die große Börse für Ostereier, während auf dem Kauf­hofe der Palmenmarkt m vollem Flore steht. Freilich sind es nicht die edlen Zweige des Tropenbaumes, die hier seilgehalten werden, sondern wie bei uns die Kätzchen von Weidenbäumen; aber niemand geht nach Hause ohne diese Kinder der neuerwachenden Natur, mit denen man das Muttergottesbild uttb das Bild des Gekreuzigten schmückt.

Ostern in Italien und besonders in Rom ist ein Kapitel für sich, dessen bloße Berührung weit über den Raum dieser Skizze hinausgeht. Aber ob es nun im Dome von St. Peter st wo, ein Kardinal das Hochamt eelebrtert, oder das be- cheidene Kirchlein eines Abruzzendorfes, die inbrünstige An- >acht ist hier wie dort dieselbe. Mit feierlicher Langsamkeit chreitet oer Priester, die Monstranz in den Händen, durch )ie knieende Menge zu dem Altäre, zwischen dessen Lichter­meer er sie hinsetzt, und während vom Chore die feierlichen uralten amdrostanischen und gregorianischen Lobgesänae er­schallen, liegt es über der in Frömmigkeit versunkenen Menge, als ob die Gottheit nahe wäre.

Nirgends aber hat oas Osterfest mitsamt der voraus- geganigenen- Charwoche ein so seltsames Gepräge wie in Spanien und in den einstmals von den Stammesgenossen des Cid ünd des Marquis Posa besiedelten Ländern. In Madrid, noch weit mehr aber in Sevilla, in Mexiko, in Rio, in Santiago und anderen Großstädten der süd- und zentralamerikanischen Großstaaten geht es auf den sonst vom geräuschvollsten Treiben erfüllten Straßen und Plätzen unheimlich still zu. Vom Palmsonntag an kleidet sich die

Männerwelt ohne Unterschied des Standes in neue, schwarze Kleider, besonders in den Capa, einen langen Radmantel. Die weltlichen Geschäfte ruhen, die Straßenbahnen stellen ihren Verkehr ein, und der Fremde, der nach Gründonnerstag Mittag mit der Bahn ankommt, kann zusehen, bis er jemand findet, der ihm seinen Koffer zum Hotel trägt, da von nun an das Fahren mit Wagen verboten ist. Die Frauen holen ihre sonst nur bei Stiergefechten getragenen Man- tillas hervor, und es beginnt der Besuch der Kirchen, in welchen hohe, schwarz drapierte Katafalke, umgeben von Hunderten von brennenden Wachskerzen, errichtet sind, vor denen die vornehmsten Damen der Stadt mit Tellern stehen und von den Caballeros wohlthätige Gaben heischen. Am Gründonnerstag Abend beginnen die Prozessionen. Eine kostbare, in goldgestickte Gewänder gekleidete und mit Edel­steinen behangene Statue Christi oder Marias oder eines Heiligen steht, von Leuchtern und Vasen aus edlem Metall umgeben, auf einem hohen Gerüst, welches mit Teppichen überlleidet ist, so daß man die darunter versteckten Träger nicht sieht. So bewegt sich die Figur langsam durch die Straßen. Vor ihr schreiten unter dumpfem Trommelschlag und mit gesenktem Gewehr Soldaten; dann folgen die Brüderschaften mit ihren spitzen Gesichtsmasken, ut welchen nur Löcher für Augen und Mund ausgeschnitten sind. Dann kommt die Figur, und hinter ihr ein Heer von Priestern mit einer Masse des wertvollsten Kirchengeräts, wie es nur im Lande der Conquistadoren angetroffen wird- Die Pro­zessionen werden auch bei Nacht fortgesetzt und machen, da! um diese Zeit das Trommeln unterbleibt, einen doppelt un­heimlichen Eindruck. Am Karfreitag tritt während der An­betung des lignum enteis der Großalmosenier in der König­lichen Kapelle vor die knieende Königin mit einer silbernen Schüssel; auf der die mit schwarzen Bändern umwickelten Todesurteile einer Anzahl Verbrecher liegen, und fragt, ob die Königin ihnen nicht verzeihe. Auf bereitJa" wer­den die Bänder durch rosafarbene ersetzt und die Kunde der Begnadigung fliegt mittelst Telegraph in die Provinz. Am Morgen des Ostersamstags, mit dem zehnten Glocketischlage, hallt der Donner der Geschütze uttb Böllerkanoneu über die schweigende Stadt; die verdunkelten Kirchenfenster wer­den von den Hüllen befreit, Orgelton und Glockenklang füllen die Luft; denn nun ist Christus erstanden. In den Straßen werden Strohpuppen, welche den Verräter Judasi Jscharioth vorstellen, an Stangen und Laternenpfählen ge­henkt; man schießt nach ihnen mit Büchsen und Pistolen, bewirft sie mit Steinen und verbrennt sie schließlich. Nun beginnt die Schmauserei, welche durch den Rest des Tages! und die Nacht bis in den frühen Morgen hinein wahrt. Dann aber heißt es ausruhen, damit man am Ostersonntag auf dem Damm ist. Denn nachmittags ist in der Arena ein großes Corrida, ein Stiergefecht, und das Volk der Dons -und Hidalgos, welches noch tags zuvor in tiefster Demut zerknirscht war, will Blut sehen, vielleicht sogar das des Stierkämpfers, zum mindesten aber das des abgehetzten Stieres und der armen Pferde, welche entsetzlich zuge­richtet sich durch die Arena schleppen, bis unter dem Jübek der Zuschauer das grausame Schauspiel endlich schließt.

(Nachdruck verboten.)

Tobias Breeden.

Von Luise Westkirch.

(Fortsetzung.)

Er legte die Hand über die Augen.Trientje, süh i. Wer kummt denn da baden onstewelt? Dat s woll

doch. , en heel nige Visage vör bi?" , .

Kann't nich (eggen, Tobias. Bin was unterstchttg. - Worum wedelst denn immer los mtt n Tascyendok in der Lust herum?"

Mir is so heiß."

Bi so'n Schandwedder?"

Ich hab 's Fieber gekriegt an der Ems, kommen Sre.

Tobias hörte nicht mehr. Wie ein Stier, her einen roten Lappen erblickt, stürzte er vorwärts, die heran- bvängenden Menschen rechts und links zur Sette schleudernd. Er sah, hörte, fühlte, witterte nur den einen, der da ahnungslos herankommend, ihm in die Hand lief.

Hebb ick di, Schandkerl! Hebb ick di!"

^Lutbrjillend streckte er die Fäuste aus uyd stand bev?