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1902. — Nr. 47.
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Karfreitag uub Ostern diesseits und jenseits des Ozeans.
Von Heribert von Hiller-Sternberg.
(Nachdruck verboten.)
Wie mit sonnenhellen goldenen Lettern hebt M, das Aerherßnngsyolle, Wort Auferstehung von den düsteren Vorstellungen ab, die sich das Menschenherz über Sterben und Vergehen macht. Der Heiland, der mit dem qualvollen Sterben fernes irdischen Leibes den Tribut des Menschen- daserns entrichtete und die Welt von Schuld und Sünde befrerte, rst auferstanden. Mag auch der Leib in Staub und Asche zerfallen, der Geist bleibt lebendig und wirkt hinaus rn dre ferne Zukunft über Jahrhunderte und Jahrtausende.
irdisches Gebot, und wenn zum Osterfest Dre Glocken läuten, dann öffnet sich aus der Vergänglichkeit rn die Unendlichkeit ein. Ausblick, an den sich die Hoffnuna auf ein Wiedersehen klammert.
. .^ben diesem rein religiösen Inhalt des Osterfeswsi, der überall der gleiche ist, wo man das Zeichen des Kreuzes aufgerrchtet hat, haben die Ostern, wie jede andere kirchliche Feier rn zedem Lande einen anderen und besonderen Stimmungswert, der ihnen aus. der Eigenart und der Denkunqs- werseE der Volksseele heraus ausgeprägt ist. Dem Deutschen wre überhaupt dem Nordländer sind sie ein Frühlinasfest rn dessen Tagen der glühende Kuß der Sonnenstrahlen die ersten Bluten aus dem grünenden Rasen hervorlockt: in Äderen klimatisch mehr begünstigten Himmelsstrichen, wo dre Bluten des neuen Jahres um diese Zeit schon verwelkt
Ehr der Charakter der Osterfeier als eines Abschlusses der freiwillig aufgenommenen Zeit des Fastens und Entbehrens hervor, und auf der südlichen Halbkugel der Erde, wo es um diese Zeit bereits stark herbstelt, ist es ein Fest der Ernte und der reifenden Früchte.
Wer sich da mit Gedankenschnelle in der Zeit von Gründonnerstag bis zuin Auferftehungsfonntage nach weit von einander gelegenen Teilen des Erdballs versetzen könnte, vermöchte ein großes Stück kultureller Entwickelung zu übersehen; er würde erkennen, wie sich trotz der Gemeinsamkeit des Stammes am grünenden Baume der Menschheit jeder Ast und jedes Zweiglein zu besonderer Individualist entwickelt.
Begeben wir uns zuerst ins heilige Land. Einst floß hier in Kriegen von zweihundertjähriger Dauer das Blut der Kreuzfahrer; vergebens kämpstechie. glühende Begeisterung des abendländischen Christentums um jeden Zoll des teuren Bodens, der schließlich unweigerlich der Gewalt des Halbmondes verfiel. Dann ward es still, und nur das Gebet einzelner Büßer und Pilgrime, deren Kommen der seinen Vorteil klug berechnende Muhamedaner nicht ungern sah, ertönte an den Stätten, deren Namen das Kind schon lernt vom ersten Beginn seines Unterrichts, und zu denen
auch, der andächtige Sinn des Erwachsenen oft im Geiste hinübereilt. Heute ist es hier wieder lebendig geworden. Die kriegerische Religion des Islams ist samt seinen staat- lichen Formen matt und schwach geworden, wie ein Gespenst am Hellen Tage: dem festen Willen des geeinten Europas! wäre es ein leichtes, die äußerlichen Zeichen christlicher Staatsgewalt hier aufzurichten. Doch das ist nicht mehr nötig; denn auf dem modernen Verkehrsmittel, der Eisen-, bahn, kommen von Jaffa herauf in Hellen Scharen die frommen Wallfahrer, wie die neugierigen Vergnügung^ reisenden, und um Ostern herum vernimmt das Ohr des! aufmerksam Aufhorchenden die Sprachen aus aller Herren Ländern^. •
Da für den Katholiken die Siebenhügelstädt am Tiber mindestens die gleiche Anziehungskraft hat, wie die heiligen Stätten Palästinas, weil ferner die Veranstaltung großer Pilgerzüge nicht im Sinne der protestantischen Völker liegt, die jedoch unter den Vergnügungsreisenden hier die Mehrzahl bilden, nicht zum mindesten aber, weil die Länder des griechisch-orthodoxen Kirchentums sozusagen von der Thür liegen und selbst eine Reise von Südrußland hierher auf dem Zwischendeck nicht mehr kostet als eine solche von der Peripherie Deutschlands nach dessen Zentrum, spielen die orthodoxen Popen — gewiß zum Leidwesen des Wesd- europäers — hier die weitaus größte Rolle. Zu tausenden drängen sich, in den Straßen und Kirchen, am meisten natürlich in der heiligen Grabeskirche die russischen Mu- schrks; denn die Entzündung des heiligen Feuers ist wtchji tiger als die Grablegung am Karfreitag, als die Jubeli messe des Ostersonntags; obwohl sie streng genommen eine der durchsichtigsten Komödien ist, die der Bischof des heiligen Feuers innerhalb der Grablegungskapelle auf Höchst prosaische Weise mit einem Feuerzeug von gewiß wenig heiliger Herkunft ausführt, indem er die Fackel entzündet, an welcher alle Teilnehmer der Feier ihre Lichter entflammen, um_ dann die Stümpfe der geweihten Wachskerzen als geheiligte Reliquie in das heimische Dorf in der Ukraine oder an den Ufern der Wolga mitzunehmen, wo dasselbe als eine kostbare Erinnerung für das ganze Leben aufbewahrt wird. Doch für den, der den wahren Sinn des Christentums in seinem Kerne erfaßt hat, verschlägt dies ebensowenig wie der Umstand, daß die detaillierten topographischen Angaben, toetife uns in und um Jerusalem und Bethlehem auf Schritt und Tritt gemacht werden, vor der Kritik der archäologischen Forschung nicht bestehen können. Ob! an der Stätte, welche Harun al Raschid im Jahre 807 Karl dem Großen geschenkt haben soll, und wo sich jetzt die in gotischer Architektur in weißem Marmor ausgeführte Gruft Christi, erhellt von dem Schein silberner Ampeln, befindet, wirklich der Leib des Erlösers geruht hat, kann der wahren Frömmigkeit schließlich ebenso wenig Eintrag thun, tote der Lärm, der den großen Kirchenraum erfüllt, wenn in den Kapellen der verschiedenen Konfessionen gleichzeitig kirchliche Handlungen vorgenommen werden und der hehre Orgel«


