Ausgabe 
27.1.1902
 
Einzelbild herunterladen

60

teinber fast ununterbrochen, 1433 erzeugte die anhaltende Nässe eine fünfjährige Teuerung. Jnr Sommer 1468 reiften infolge der herrschenden Kühle imb Nässe die Feldfrüchte nicht, während das Heu auf den Wiesen verfaulte. Auch im Jahre 1638 wird vom Juni bis August ununterbrochener Regen verzeichnet. Der Winter brachte dann ungeheuren Schneefall, und wieder schloß eine Teuerung sich an, die im nächsten Jahre den höchsten Grad erreichte. Nicht selten traten auch mitten im Sommer Fröste oder Schneefall ein, so 1128, wo gegen Pfingsten starker Schnee fiel, ferner 1626, wo der Wein am Johannistag, und 1632, wo er am 25. Juli erfror.

Ungewöhnlich heiße Sommer verursachten ebenfalls Schaden genug. Im Jahre 872 trockneten infolge der ge­waltigen Hitze Bäche und Flüsse aus, Heuschreckenzüge ver­wüsteten Felder und Gehölze und große Teuerung entstand. 993 schloß sich einem harten Winter ein außerordentlich heißer Sommer mit der abermaligen Wirkung des Aus- trvcknens aller Flüsse und Bäche an. 999 starben infolge der herrschenden Hitze die Fische im Wasser, sodaß die Pest entstand, 1135 trockneten die Brunnen aus, und es ent­standen Waldbrände. Auch der Sommer des Jahres 1616 war so heiß und regenlos, daß das Gras verdorrte und die Saale so austrocknete, daß man unterhalb der Brücke auf Schrittsteinen über die Saale gehen konnte." Durch un­gewöhnlichen Regenmangel zeichneten sich die Sommer der Jahre 1473, 1479 und 1534 aus. Jnr erstgenannten Jahre fiel von Pfingsten bis Mitte September kein Regentropfen, allgemeine .Dürre und Trockenheit trat ein, es entstanden bedeutende Waldbrände, die an manchen Orten 5 Wochen anhielten. 1479 regnete es von Pfingsten bis Michaelis nicht, 1534 brachte die Hitze Massen von Raupen hervor, welche alles wegfraßen und eine Teuerung verursachten.

Mir könnten diese Beispiele noch vermehren, doch reicht das Gesagte hin, um den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die hier uiedergelegten Angaben beziehen sich, »vorauf manche Bemerkungen an sich schon hindeuten, auf eine Stadt Thüringens sie sind der Schreiberschen Chronik von Jena entnommen trotzdem spiegeln sie im großen Ganzen den allgemeinen Charakter der Witterungs- und Temperaturver­hältnisse der betreffenden Zeiten in Deutschland wieder, da sie erstens offenbar mit Bezug auf eine weitere Um­gebung (Thüringen oder Mitteldeutschland) gemacht worden zu sein scheinen, und zweitens damals wie jetzt trotz der Temperaturabweichungen im einzelnen der allgemeine"Cha­rakter der Witterung in Deutschland im wesentlichen der­selbe ist. So klagt man gegenwärtig allenthalben über die abnorme Temperatur oder vielmehr, man wundert sich mehr darüber, als man die Erscheinung beklagt, Und es macht durchaus keinen Unterschied dabei, daß die Temperaturangaben je nach der Lage der betreffenden Gegen­den um einige Grade schivanken. Soweit sich aus den Mitteil­ungen unserer Chronik allgemeine Schlüsse ziehen lassen, aus den letzten beiden Jahrhunderten liegen entsprechende Berichte in dem Werke nur spärlich vor so ergießt sich in erster Linie wohl eine Bestätigung der Annahme, daß kalte Winter und heiße Sommer mit einander abwechseln oder besser, normalen Wintern ebensolche Sommer folgen, und umgekehrt. Doch fehlt es auch, wie wir aus unserer Dar­stellung erkennen, nicht an häufigen Ausnahmen. Im Jahre 820 z. B. schloß sich einein unbeschreiblich nassen Sommer ein kalter und anhaltender Winter an.

Im großen Ganzen bestätigen auch die Angaben unserer Chronik die neuerlichen Feststellungen Hellmanns, welcher das Vorkommen der milden Winter von Berlin seit 1720 untersucht und die Ergebnisse seiner Untersuchung im Jahre 1898 veröffentlicht hat. Nach denselben scheinen die milden Winter meist in Gruppen aufzutreten, so m den Jahren 1771 bis 1773; 1789 bis 1791; 1805 bis 1809; 1821, 1823 nnd 1824; 1824 bis 1845; 1850 bis 1852 usw.;besonders aber ist dies dann der Fall, wenn längere Zeit kein milder Winter vorausging.". Genannter Forscher ist der Meinung, daß wir wieder in eine solche Serie eingetreten sind, und hält es für wahrscheinlich, daß auch die nächsten Winter sehr mild sein werden. Vielleicht wird er Recht behalten möglich aber auch, daß es anders kommt; denn der Wettergott ist ein unbeständiger und unbestimmbarer Gesell, der sich noch immer nicht ganz durchschauen lassen und den trockenen Regeln der Systematiker fügen will. Hat doch der Alt­

meister Goethe, der sich in seinen letzten Lebensjahren redlich bemühte, dem Gehermnis des Kalenderinannes auf die Spur zu kommen, anscheinend schon schlechte Erfahrungen gemacht, wie die resignierte Sentenz, die er 1828 einer jungen Eng­länderin ins Album geschrieben haben soll, zur Genüge besagt:

Es regnet, wenn es regnen soll.

Und regnet seinen Lauf,

Und wenn's genug geregnet hat, Dann hört es wieder auf!"

Seitdem hat die Meteorologie allerdings Fortschritte zu verzeichnen, bedeutende Fortschritte, so sehr man auch im großen Publikum gemeiniglich über dir Wetterprognosen zu spotten pflegt. Hoffen wir, zu gunsten unserer Sonrmer- reisen und Landpartien, daß die Zeit nicht mehr fern sein möge, wo die Meteorologen glühende Kohlen auf die Häupter aller schnöden Lästerer sammeln und der ver­gessene Regenschirm nicht mehr verleumderisch als die Ur­sache eines plötzlich hereinbrechenden Regenwetters, be­zeichnet wird!

GeMsrnrrützsgeS.

Das Taktgefühl. Taktgefühl läßt sich nicht er­lernen, es muß uns als Gabe mit in die Wiege gelegt werden. Wie schön, wer es erhalten; wie können wir so vieles da­durch mildern, so vieles gut machen, was Taktlose ver­brochen, über verschiedene Verlegenheiten hinweghelfen re. Unser Leben besteht nicht nur aus Sonnentagen, und gerade in Zeiten der Sorge, der Trübsal, legt sich das Taktgefühl sanft wie eine linde Hand auf unser wundes Herz. Wie wohl- thuend berührt es uns z. B. bei Fällen von eingetretener Trauer, Menschen zu begegnen, ohne das stereotype:Sie trauern ja, um wen trauern Sie denn" oder bergt zu ver­nehmen. Meistens stehen uns diese Leute zu fern, um sie an unserem Schmerz teilnehmen zu lassen und ihnen von unseren lieben Hingeschiedenen zu erzählen, und die Frage reißt immer wieder die wunde Stelle auf, die wir auf Stunden, Minuten nicht bluten gefühlt. Es gießt Mittel und Wege genug, bei wirklicher Teilnahme sich die Kenntnis von dem Verstorbenen zu verschaffen, ohne die Trauernden zu behelligen.

Schwarze Spitzen zu waschen. Man vermischt in lauwarmem Wasser den dritten Teil Essig und legt Spitzen und Schleier einige Stunden hinein. Dann drückt man die eingeweichten Gegenstände heraus, legt sie wiederholt in Essigwasser und gießt in das Essigwasser ein wenig gelöstes Gummiaraßicum, wringt sie aus, heftet sie mit Stecknadeln fadengerade aus ein Bügelßrett und trocknet sie.

Prakt. Wegweiser", Würzburg.

Anagramm.

(Nachdruck verboten.»

Es ist in der Maner und ist im Gemach, Ost leer und oft geschmückt;

Die Zeichen verstellt, da rcgicrt's die Welt, Doch ein Thor ist's, den es beglückt.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Magistrat.

unsrer Väter Tbaten

Mit Liebe sich crbau'n, vv Fortpflanzen ihre Saaten, Dem alten Grund vertrau'n; In solchem Angedenken Des Landes Heil erneu'n;

Um uns're Schmach sich kränken,

Sich uns'rer Ehre freu'n;

Sein eig'nes Ich vergessen

In aller Lust und Schmerz:

Das nennt man, wohl ermessen,

Für unser Volk ein Herz.

Ludwig Uhland.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniversitötS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.