Ausgabe 
27.1.1902
 
Einzelbild herunterladen

59

hielt man sie jedoch der Sprache mächtig', und meinte: ihre Stimme müsse trefflich liegen für den melancholischen Ton, der den russischen Volksliedern eigne- Frau Wera selbst glaubte dies nicht, nach ihrer Meinung mußte dabei Clarita's Vortrag, und somit ihr ganzer Gesang verlieren. Sie hätte daher nichts dagegen, daß diese sich an einem der Lieder, welche sie selbst zu singen Pflegte, versuchte, sie redete ihr sogar zu diesem Zwecke zu.

Ob Clarita sie durchschaute? Gleichviel; sie entsprach gelassen der Aufforderung, und griff nach Frau v. Orna- toff's Noten- Leise, wie zögernd, präludierte sie, um dann voll und weich, schmelzend und wehmütig, ganz dem schwermütigen Charakter der Volksweise entsprechend, die Klagen eines trauernden Herzens in reinen Tönen wiederzugeben.

Bewegt lauschte man Clarita; niemals hatte Wera Sergewna dies ihr Bravourlied so gesungen! Ihre Stimme war vielleicht umfangreicher, aber ihrem Vortrage fehlte der seelenvolle Ton, mit dem Clarita jetzt ergreifend schloß:

Er liebt mich nicht mehr!

Dasselbe Lied hatte sie einmal Alexis gesungen, worauf er ihr versichert, er werde sie ewig lieben. Diese Erinner­ung stand jetzt vor ihrer Seele. Sie vergaß darüber Frau Wera Und Nikolai Pawlowitsch, dessentwegen die erstere jenes Lied mit Berechnung für sich gewählt. Clarita blieb es gleich, ob sie nun in oder gegen deren Absicht gesungen, sie machte sich auch nichts daraus- daß man ziemlich rasch über ihre Leistung weg, auf ein anderes Thema! überging, und drinnen im Damenzimmer sich laut unter­hielt- Eher freute sie sich dessen; sie saß noch immer am Piano, und spielte leise für sich! liebe Phantasien, die sich in einer der herzerquickenden Kompositionen Hahdn's verloren. Die schwatzende Gesellschaft achtete darauf nicht- Clarita fpielte für sich, ihre Seele betete die frommen Gedanken Hahdn's nach, da schlang sich plötzlich ein weicher Kinderarm um ihre Schultern, Feodors gerötetes Gesicht beugte sich darüber, seine glänzenden Augen strahten, aus seinen beweglichen Zügen war alle Schüchternheit gewichen. Er stand noch! völlig unter dem Eindruck, welchen ihr russisches Lied auf ihn geübt, ihm klang der lieben, einsamen Fremden stille Mage: Ort menia raslubil er liebt mich nicht mehr! noch immer nach. Sein Kindesherz war dadurch gerührt, sein ritter­licher Knabensinn erweckt worden. Mademoiselle Cla­rita" flüsterte er ihr innig zuich werde Sie immer lieben; ich bin jetzt Ihr kleiner Freund- und werde es erst recht sein, wenn ich erwachsen bin!"

Clarita wußte vor Ueberraschung kaum zu antworten. Unnennbar süß klang ihr das traute, kindliche Wort, das für sie eine Bedeutung barg, die der Knabe nicht ahnen konnte.Ja, Feodor Iwanowitsch, bleiben Sie immer mein Freund! Die arme Clarita bedarf eines solchen!" gab sie ebenso leise, und innig zurück, fast unwillkürlich hinzufügend: ,M mag einst, ein Tag kommen, da ich Sie an dies Ihr Versprechen/ erinnern werde, Feodor Iwanowitsch!"

(Fortsetzung folgt.)

Abnorme Witterung.

Plauderei von F. Clemens.

(Nachdruck verboten.)

Tas ist wahrlich die verkehrte Welt! Im August und September mußten wir die Oefen Heizen, und jetzt möchten wir unsere Sommerkleider wieder hervorsuchen. Gar manche schütteln darüber bedenklich die Köpfe, indem sie unter Hinweis auf die Ähnlichen abnormen Witterungsver- hältnisse der letzten Jahre der Meinung sind, wir befänden Uns überhaupt inmitten einer großen Üimatischen Umwälz­ung. Jenen zur Beruhigung hat Schreiber dieses in einer Chronik Nachforschungen angestellt und herausgefunden, daß wir armen Erdenwürmer uns wahrlich wegen des gedachten Umstandes nicht zu beunruhigen brauchen; denn ähnliche Unregelmäßigkeiten sind von dem ehrwürdigen Chronisten schon vor tausend Jahren und später verzeichnet worden, und zwar unter Beifügung von Thatsachen, gegen die unsere Feststellungen nichts bedeuten wollen. Daß unsere klima­tischen Gesetze im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren werden, ist in der ganzen Entwickelung der Erde be­

gründet, dabei spielen aber Jahrtausende und nicht Jahre eine Rolle.

Unser Chronist weiß nicht nur von außerordentlich milden Wintern zu berichten, sondern noch mehr von außer­ordentlich kalten. Auch die Zahl der nassen Sommer ist eine ungewöhnlich große. Für unseren Zweck erscheint es hinreichend, einige der frappantesten Beispiele herauszu-« greifen. Was zunächst die außergewöhnlich milden Winter anlangt, so ist es vor allem das Jahr 1186, das unsere Be­griffe von Regelmäßigkeit und Reihenfolge der Jahreszeiten über den Haufen wirft. Im Januar blühten die Bäume, die Ernte war im Mat, und im August die Weinlese. Auch der Winter des Jahres 1187 ließ sich anfangs sehr gelinde an, erst im März trat strenge Kälte ein, die bis in den Mai anhielt und den Bäumen und dem Wein großen Schaden zufügte. Im Jahre 1289 blühte der Wein schon im April und "wurde im August gelesen. Im Jahre 1302 blühten die Bäume wiederum schon im Januar, es folgte aber trotz­dem kein nasser und kalter, sondern im Gegenteil ein sehr heißer Sommer, während der nächste Winter ein sehr harter genannt wird ein Beweis, daß die gewöhnliche Voraus-, setzung, als müßte einem so abnormen Winter ein ebenso abnormer Sommer folgen, durchaus nicht in allen Fällen zutreffend ist. Die Erscheinung der Baumblüte im Januar wiederholte sich im Jahre 1328, man erntete zu Pfingsten und hielt die Weinlese zu Jakobi. Der Winter des Jahres 1420 war so warm,daß im April die Dornenhecken voller« Rose«! standen und man schon im Mai reife Weintrauben fand es fiel jedoch im Juni ein kalter Reif, welcher den Wein verdarb." Wie es jetzt der Fall ist, so folgten auch damals oft mehrere milde Winter hintereinander, so in den Jahren 1425, 1427 und 1428. Die beiden ersten Jahre waren ganz ähnliche Jahre wie 1420, jedoch ohne schädliche Fröste. 1428 war abermals ein sehr gelinder Winter, in dessen Folge aber von Fastnacht bis Weihnachten die Pest wütete." Das Jahr 1552 zeichnete sich dagegen durch einen ungemein warmen Herbst aus, im November blühten die Rosen zum zweiten Male.

An ungewöhnlich harten und kalten Wintern hat es nach dem Chronisten ebenfalls zu keiner Zeit gefehlt. Im Jahre 824 um nur einige der auffälligsten Thatsachen herauszugreifen siel ein starker Schnee, welcher 29 Wochen liegen blieb. 875 fing der Winter schon am 1. November an und dauerte bis Gregorius des folgenden Jahres, 984 am 3. November, und hielt bis zum 5. Mai an. Im Jahre 994 begann der Winter sogar schon am 13. Oktober. 1075 froren die Mühlen ein, sodaß es an Brot mangelte. 1112 fiel im Mai soviel Schnee, daß er die blühenden Bäume niedere drückte, und 1124 trat Ende Mai so starker Schneefall ein, daß infolge der durch diesen bewirkten Mlte Menschen und Tiere erfroren. Auch während des strengen Winters im Jahre 1234 erfroren viele Menschen. 1353 fiel (nach einem harten und langen Winter) noch 2 Ellen hoher Schnee, nachs- oem int Frühling die Saat bereits Mehren getrieben hatte. Er fügte! jedoch der Saat keinen Schaden zu, obwohl er 6 Tage bei strenger Mlte liegen blieb. 1407 begann der Winter zu Martini, dauerte 18 Wochen und gestaltete sich derart grimmig,daß Brunnen, Bäche und Flüsse aus­froren, und die Eisenacher genötigt waren, ihr Getreide in Köln mahlen zu lassen." 1432 blieb der Schnee vom No­vember bis zum Februar liegen, 1598 mußte man des Schnees wegen bereits Anfang Oktober Weinlese halten. Am 28. Januar 1776 betrug die Kälte 32 Grad.

Den Reigen der abnormen nassen Jahre eröffnet in unserer Chronik das Jahr 820, welches so naß war,daß die meisten Früchte aus den Feldern verdarben und im Herbst nicht bestellt werden konnte, worauf noch ein kalter und anhaltender Winter den Schluß machte. Die Folge war, daß bösartige Krankheiten im Jahre 821 Menschen und Vieh wegrafften." Im Jahre 1000 strömte so anhalten­der und unendlicher Rogen herab,daß die Menschen glaub­ten, die Welt ginge durch eine zweite Sintflut unter." 1093 herrschte Regenwetter vom Oktober bis April; 1100 war ein sehr nasser Winter,durch den Teuerung und Krankheiten entstanden." Pest, Teuerung, Krankheiten ver­zeichnet der Chronist hauptsächlich als die Folge nasser Pe­rioden auch wir halten ja einen kalten und trockenen Winter für gesünder als einen nassen und abnormen. Anhaltende Nässe mit Teuerung wird ebenfalls gemeldet aus den Jahren 1310 und 1392, ebenso von 1401 und 1433. Im Jahre 1401 regnete es vom 12. März bis zum 17. Sep-