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Ein
In einem Mas Mühe
XIII.
Freu n d.
Augenblick gewährt die Liebe kaum in langer Zeit erreicht- Goethe's Tasso-
von derselben, die meisten Gebilde seiner lebendigen Phantasie teilte er ihr mit, ihr vertraute er all' seine Schnl- geheimnisse, seine Wünsche, seine Plane, nur sprach! er nicht von der Vergangenheit-
Es erwies sich stets als vergebliche Mühe, wenn! Clarita vorsichtig in dieser Richtung zu forschen suchte. Ob eingelernt, anempfohlen, oder unabsichtlich, der Knabe folgte dem Gespräche nie in jene Richtung; selbst von! seinem Vater sprach er kaum; er hatte nichts von dem kranken, alten Papacha zu erzählen, in dessen Zimmer er sich stets unbehaglich gefühlt, da derselbe nichts verlangte, als Ruhe, bis man ihn zur letzten Ruhe gebettet-; Jene Erinnerung mochte etwas Abschreckendes für den lebhaften Knaben haben, er ging jedesmal rasch darüber hinweg, so gern er auch von Ornatosfsko sprach, wohin! er sich so lebhaft sehnte. In dem eleganten Hause zu Petersburg gefiel es ihm wenig;, er vermißte daselbst! die alte Dienerschaft, seine ungebundenen, ländlichen Freuden, den zwanglosen Verkehr, kurz alles, an das! er von Kindheit auf gewohnt war. Die Gesellschaft, welche seine Mutter jetzt um sich sah, war ihm fremd, wenig sympathisch, ja — seine schöne Mutter selbst schien ihm fremd geworden. Sie war, und gab sich anders wie in früherer Zeit während des stillen Alltagslebens zu Ornatosfsko- Jetzt war sie zwar schöner, lebhafter, jugend- lichier« — doch auch viel ungeduldiger, reizbarer, lauuen- haster. Was in ihrer Innern Welt vorging, welche! Gefühle da gegen einander wogten, treibend und drängend/, das verstand und ahnte der Knabe freilich nicht, er empfand es nur in dem natürlichen Feingefühl mancher Kinder, daß sein Mütterchen ihn zwar noch liebe, ihr volles Interesse jedoch nicht mehr ihm gehöre. Nicht, er, und sein Wohl füllten mehr ihre Gedanken aus —( Fremdes, ihm noch Unverständliches war dazu gekommen.;
Sah er seine Mutter int Salon mit jenem gekünstelten! Mesen, das weder gefallsüchtiges Spiel verschmähte/ noch andererseits vergaß, in stolzem Selbstbewußtsein ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen, dann wurde -er still, und scheu. — Fast schüchtern zog dann der lebhafte Knabe sich zurück, meist in Claritas Nähe; sie blieb! ihm allzeit sympathisch, auch mitten unter den fremden! Gästen, welche er nicht mochte.
Dessen ungeachtet hatten die Gesellschaftsabende feiner! Mutter einen Reiz für ihn, der ihn magnetisch in deu Kreis zog, und ihm selbst den für seine Begriffe engen! — weil glänzenden — Salon lieb machte. Das war die Musik. Gr lauschte ihr für fein Leben gern, aber nichts kam feiner Freude gleich, als wenn Clarita fang. Ihres melodischen Stimme, ihr ausdrucksvoller Vortrag begeisterten! ihn, und füllten gleichzeitig zuweilen seine Augen mit Thräneu. Alsdann vermochte er gerade so traut zu' ihr zu sprechen, wie einst Alexis gethan. Clarita deuchte; es wenigstens so. Des Knaben sprechende, zärtliche Augen! machten ihr das Herz so froh und trüb, daß der Widerhall davon wohl durch ihren Saug zitterte, und ihr deu ergreifenden Ton gab.
So war es auch eines Abends im April gewesen!.; Ostern stand nahe vor der Thüre. Die Freuden der! Wintersaison, welche bereits mit der Butterwoche Ihren! Höhepunkt erreicht, und während der langen Fasten langsam dahinsiechten, waren nunmehr gänzlich verstummt x selbst in Frau Wera's kleinem Zirkel zeigten sich bedenk-! liehe Lücken. Nur ein paar intime Bekannte hatten sich, eingefunben, sie saßen eifrig plaudernd mit der Frau im Boudoir- Nur Lisavetta mit zwei jugendlichen Gefährtinnen betrachteten im Salon Albumblätter und Zeichnungen, während Herr von Karin sich mit Feodor und Clarita Unterhielt. Plötzlich tönte zwischen diese Unterhaltung Wera's Stimme, sie hatte einen nahezu schärfest Klang- obgleich die Herrin in höflichen Worten Clarita zurief: Etwas zu spielen, und zu fingen!
Die Gesellschafterin entsprach augenblicklich dem! geäußerten Wunsche; sie fang, wie fast immer, in Spanisch, bis einer der Gäste aus der Frau von Ornatoff umgebenden Gruppe die Bitte aufwarf r Fräulein de la Para möge doch nur ein einziges Mal ein kleines russisches Lied singen. Clarita hatte allerdings bislang ihre durch Alexis erlangte Kenntnis der russischen Sprache als! ihr eigenes Geheimnis gehütet in der vergeblichen Hoffnung, vielleicht einmal daraus Nutzen ziehen zu können; jetzt nach ihrem Monate langen Weilen in Petersburg,;
Feodor Iwanowitsch war's, des Hauses junger Herr, ein etwa zehnjähriger, dunkellockiger, frisch aussehender Knabe, dessen große, muntere Augen sich voll und klar auf die fremde Dame richteten, welche ihm, statt des erwarteten Mütterchens -entgegentrat. Das fröhliche Wort verstummte auf feinen frischen Lippen, verwundert, fragend schaute er Clarita an, welche, kaum fähig, ihre innere Erregung niederzudämmen, unwillkürlich dem schönen, freundlichen Knaben beide Hände zum Willkommen entgegen bot. Am liebsten hätte sie ihn umschlingen, und au ihr Herz ziehen mögen, derart fiihlte sie sich ergriffen; denn die unschuldigen klaren Augen, in die sie schaute, die kannte sie. Deren reine Bläue, ihr lichter Glanz erinnerten an die leuchtenden Augensterne ihrer süßen, kleinen Dolores, die das Abbild ihres Vaters gewesen.
Feodor war ein Ornatoff, obgleich er von seiner schönen Mutter den regelmäßig seinen Schnitt der Züge geerbt. Der Ausdrstck darin war ■ jedoch ein anderer. Sein Lachen, wie der gewinnende Zug bestechender Liebenswürdigkeit, den Clarita sowohl an Alexis gekannt, belebte ebenso das Helle Antlitz des Knaben, dessen Stimmenton selbst dem armen Weibe wie bekannte Musik deuchte. Eine unverkennbare Aehnlichkeit zwischen den Brüdern bestand sicherlich, wenigstens für die: welche das Andenken des einen so lebendig im Herzen trug, und den andern zum ersten Male erblickte. Ihr ganzes Wesen atmete daher dem kleinen unerwarteten Gaste toarime Herzlichkeit entgegen ; er erwiderte dieselbe mit kindlicher Unbefangen^ beit. Der erste Moment entschied bei ihm für die liebliche, freundliche Fremde mit dem seelenvollen, bleichen Gesicht. Er urteilte anders, als seine Mutter —• er sand Clarita schön, ihre fremdartige Erscheinung machte besonderen Eindruck auf seine lebhafte Phantasie, ihre herzlichen Begrüßungsworte in gebrochenem Russisch belustigten ihn.
„Ja" — bestätigte er lachend — „ich bin Feodor, und sehr froh, wieder daheim, dem Zwang der Klasse entronnen zu sein, aber wo ist mein Mütterchen, mein Mütterchen — ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen!"
Lisavetta übernahm eilfertig die Beantwortung seiner Frage, und flüsterte ihm gleichzeitig zu, wer Clarita sei. Wie ein Schatten glitt es dabei über des Knaben offenes Gesicht; er hatte die Dame nicht für eine Untergebene! zehalten, die bezahlte Gesellschafterin seiner Mutter nicht n ihr vermutet. Bei seinem beweglichen Sinn veftlor ie dadurch ein wenig von dem Nimbus, den ihre ftemde Erscheinung für ihn gehabt, wenngleich die geheime Sympathie blieb, die beide zu einander hinzog, und künftige Freundschaft ahnen ließ.
Jene Slhnung log nicht. Feodor wurde Claritas kleiner Freund, ihr jugendlicher Ritter, ihr begeisterter Verehrer, er liebte sie bald nach schwärmerischer Knabenart — jedoch mehr schüchtern als offenkundig. Das lag in seiner Natur, und bildete einen eigentümlichen Gegensatz zu seinem sonst ungestümen, eigenwilligen Mesen. Gr hatte etwas von dem Temperament seiner! Mutter, auch ihr Hochmut lag ihm nicht ferst, doch er schmolz, sobald sein Gefühl, seine Zuneigung mit ins Spiel kam: Und feine Zuneigung war noch ganz die des Kindes — weich, hingebend, und schüchtern zugleich.
Mit des Knaben Heimkehr brach für Clarita ein anderes Leben an, oder richtiger, das ihre gewann etwas Licht und Farbe. Feodors Zutraulichkeit, seine bald, wenn auch nur still sich äußernde Vorliebe für sie, seine Füg- Jamkeit ihr gegenüber beglückte sie; die unschuldige Liebe es Kindes, dessen Vertrauen kamen ihr, der ©infamen, vor wie ein Geschenk des Himmels; es erleichterte ihr die drückende Gegenwart, es konnte zu einer lichtern Zukunft führen. Feodor plauderte ihr ja unaufhörlich
grüßungslaute zu ihr herein. Ein jähes Verständnis ging ihr auf; sie erhob sich hastig, und schritt der Thüre entgegen, doch ehe sie diese noch erreicht, wstrjde dieselbe ungestüm aufgerissen, und Hand in Hand mit der Der nun fröhlich lachenden Lisavetta stand Feodor Iwanowitsch Ornatoff vor ihr.


