Montag drn 27, Januar.
Ur. 15.
1902.
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Au Kaisers Geburtstag.
27. Januar 1902.
(Nachdruck verboten.)
Ob rauher Sturm auch Flur und Feld Durchbraust mit kalten Schwingen, Es geht heut durch die deutsche Welt Ein frühlingsfrohes Klingen!
Die Trommeln wirbeln lang vor Tag, Dazwischen dröhnt Kanonenschlag;
Bald rückt der Landsturm, Mann für Mann, Umschwärmt von frischer Jugend an: Hurra! Das gilt dem Kaiser!
Die Glocken von den Türmen rings
Ihr Festgeläut beginnen. Und Fahnen flattern rechts und links Von Dachgebälk' und Zinnen:
Schwarz, weiß und rot, in Süd und Nord, Auf hoher See, in fernem Port, Die Farben, die Alldeutschland führt, Seit es in Einigkeit gekürt Den Zoller sich zum Kaiser!
Zwar wacht der greise Held nicht mehr, Der einst den Bund gegründet, Als fest zu deutschen Herdes Wehr Die Stämme sich verbündet;
Längst ruht er, wie sein tapfrer Sohn, Der hehre Dulder auf dem Thron;
Doch führt das Reich auf sichrer Bahn
Der Enkel, treu wie einst der Ahn:
Drum: „Heil dem deutschen Kaiser!"
Ob auch der Hatz in Funken glimmt, Der einst in Flammen glühte, Manch Grollenden schon umgestimmt Hat seine weise Güte!
Sein weiter Blick, sein ernster Sinn, Lenkt uns durch Sturm und Klippen hin;
Will's Gott, klingt's ihm noch manches Jahr Ms Dank au diesem Januar:
>,Heil unserm Ariedenskaisev!. , r- Mwtn Römer), .
('Nachdruck verboten.)-
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
Es ivar an einem Märztage, als sie unter diesem geistigen Drucke seufzend, in Wera Sergcwna's Salon faß, eine feine Handarbeit fördernd, die jene mißmutig beiseite geworfen, es ihrer Gesellschafterin überlassend, zu erledigen, was sie langweilte. Die Dame war in den letzten Tagen rastloser und unruhiger beim je gewesen. Um sich zu zerstreuen, ivar sie ausgefahren, Besuche zu machen.
Clarita befand sich indes nicht allein in dem Salon. An einem der Fenster lehnte ein junges, etwa sechzehnjähriges Mädchen, Lisavetta Sergewna Massowsky, dis Schwester Frau von Ornatoffs- Sie weilte in deren Haus seit einigen Tagen. Es sollte fortan der kleinen, dem Kloster Srnolna*) eben entwachsenen Jnstitutka Heimat sein. Das junge Mädchen mochte dieselbe jedoch nicht sonderlich nach Wunsch finden; denn seine hübschen, klaren Augen zeigten deutlich die Spuren still vergossener Thronen. Frau von Ornatoff hatte sie in der That reichlich genug gequält durch fortgesetztes Mäkeln, Tadeln und Spotten, bald über ihre linkischen Jnstitutsmanieren, bald über ihr blödes Benehmen, ihr einfältiges Reden, ihr langweiliges Schweigen. An letzterm hielt die kleine Lisa, vetta am entschiedensten fest. Dumm sah sie indes keineswegs aus, wohl aber gab ihr die jugendliche Schüchtern- heit ihres Wesens etwas Bescheidenes, Kindliches. Sie war in der That noch ein Kind. Ms solches nahm sie sich der Schwester ewiges Tadeln. zn Herzen, das ihr wehe that, und zugleich ihren Totz weckte. In einer Anwandlung des letzter« preßte sie jetzt fest die kleiner« Zähne aufeinander, verharrte schweigend in ihrer Fenster, irische, und schien gewillt, die ganze Welt um sich he» zu verachten- Clarita war ihr noch zu fremd, als daß sie bei dieser hätte Trost suchen mögen; sie zog es daher vor, ihre ganze Umgebung zu ignorieren, uud sich gleich der stillen Mademoiselle de la Para den eigenen Gedanken zu überlassen- Beide jedoch wachten plötzlich aus - dem selben auf. Unten vor dem Hause hörte man das hellt Glocken geklingel eines eleganten Schlittens, nun hielt e» am Thore; Lisavetta warf einen Blick durch die Scheiben, und alles — Kummer, Trotz und Schweigen vergessend, flog sie mit einem lauten Freudenausrufe durch bet' Salon, hinaus durch die weiten Korridore, die Teppick belegten Stiegen hinab, dem kommenden Gast entgegen
Durch ihr lebhaftes Gebühren wurde Claritas New gierde erregt, erwartungsvoll blickte sie auf; denn vor außen klangen silberhelle, lachende Stimmen, frohe Ba
*) Kaiserliche Erziehungsanstalt-


