Ausgabe 
26.11.1902
 
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Mittwoch den 26. November,

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1902. Nr. 176

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Schluß.)

Anfangs ging alles nach Wunsch'. Der Kammerdiener ließ sich verführen, wurde trunken gemacht und seiner Kleider entledigt. Querzewski gelang es, gegen zwei Uhr morgens in das Palais zu gelangen; er schlich sich unbe­merkt die Tienertreppe hinauf, erreichte sprungweise den Herrschaftstrakt und stand endlich an der Thür des Ateliers. Doch in dem Augenblick, da er versuchte, die Thür zu öffnen, stürzten sich zwei Männer, die hinter der Wandver­kleidung versteckt gewesen waren, auf ihn, packten ihn gleich­zeitig an den Armen und banden sie ihm kreuzweise über den Rücken, um seine Bewegungen zu verhindern.

In diesem Augenblick trat Müller vor und sagte zu

ist unnötig, sich in das Atelier zu bemühen, mein lieber Herr Querzewski: die Million ist nicht mehr darin. Man hat sie heute vormittag in die Kasse der Depots und Konsignationen gebracht. Also vorwärts! Auf den Weg! Und keinen Widerstand, wenn ich bitten darf; wecke mir niemand im Palais auf! Wenn nicht, behandle ich Dich, Schurke, als gemeinen Sträfling und brenne Dich nieder. Marsch!"

Querzewski ließ sich, ohne ein Wort der Verteidigung, ohne sich zu sträuben, willenlos fortschleppen, wie sich vor kurzem Julie hatte verhaften lassen. Müller flößte ihm Entsetzen ein.

Unterwegs sagte ihm der Kriminalinspektor:

Ich hätte Dich schon in dem Hause verhaften können, wohin Tu heute abend diesen Esel von Bedienten gelockt hast. Ich habe das ganze Manöver verfolgt. Aber es hat mir Spaß gemacht. Dich in Deiner Livree, in Deiner neuen Maskerade zu fangen und dann auch kn jenem Valais, in dem ich Dich schon einmal verhaftet habe. Ja, mein Lieber! In Deiner Schule wird man-zum Künstler!"

Und Julie?" fragte Querzewski.

Auf dem Polizeipräsidium."

Wessen wird sie beschuldigt?"

Desselben Verbrechens wie Du: der Ermordung der Frau von Sanden."

Wir sind unschuldig."

Tas kannst Tu ja dem Untersuchungsrichter sagen. Na, der wird lachen!"

79. Kapitel.

Es gießt gewisse Verbrecher, die eine unerhörte Frech­heit entwickeln, wenn es sich darum handelt, ein Verbrechen einzufädeln und es dann auch auszuführen, die aber ihre ganze Energie verlieren, die sich willenlos der Justiz hin- geben an dem Tage, da sie entdeckt und verhaftet werben.

Bor und während des Verbrechens beherrschen sie nu« die zu erwartenden Genüsse, die durch das Verbrechen ge- sättigte Leidenschaft; hinterher kommt die Furcht vor der Strafe, die ihnen droht, der brennende Wunsch, sich aus der Schlinge zu ziehen, aus dem Verbrechen so viel Nutzen wie möglich zu ziehen, sich an ihm zu erfreuen. Das alles hält sie aufrecht, reizt ihre Nerven und verleiht ihnen eine oft verblüffende Kühnheit. Wer sobald sie einmal im Kerker, in der Einsamkeit sitzen, stürzt mit einem Male alles Zusammen, alles läßt nach, wird schlaff: Nerven, Ge­schicklichkeit, Kühnheit. Oft richtet der Untersuchungsrichter seine schönsten Waffen her, um gegen einen ernsthaften Gegner zu kämpfen: der Feind hingegen kapituliert schon nach den ersten Schlägen, die er bekommen hat.

So war es auch, mit Paul Querzewski, der vollständig besiegt und vernichtet war, nicht allein, weil man endlich seiner habhaft geworden war und ihm das Zuchthaus oder das Schaffst drohte, sondern mehr noch, weil ihm die Hoff­nung seines Lebens, seine so lang ersehnte Million, ent­schwunden war. Ter bloßen Form halber, aus Gewohnheit und Eitelkeit versuchte er einen Augenblick zu kämpfen:Zu­gegeben! Ich heiße Paul Querzewski und gehöre Euch in der Eigenschaft eines Sträflings! Wer ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wollt, wenn Ihr mir von einem Zeugen Keßler sprecht in einer Sache, von der ich kein Sterbenswort weiß."

Wenn er also nicht die Rolle des Keßler gespielt hatte, wie hatte er seine Zeit seit seinem Entspringen aus dem Zuchthause zugebracht? Wo hatte er gelebt? Unter welchem Namen hatte er sich verborgen? Welchen Beweis konnte er über seinen Aufenthalt anführen oder über eine Uebersiede- lung an irgend welchen anderen Ort? Oder konnnte er etwa leugnen, daß die Julie Farkas, seine Geliebte, sein zweites Ich, seine verdammte Seele, lange Zeit Minna hieß und Kammermädchen der Frau von Sanden gewesen war? Es häuften sich gegen ihn Beweis auf Beweis. Sie erhoben sich von allen Seiten wider ihn: jetzt sah man ihn, erkannte man ihn wieder unter den verschiedensten Verkleidungen, in all seinen durchlebten Rollen,

Endlich, ermüdet, angeekelt um rascher ein Ende zu machen, um nicht mehr in der einsamen Zelle zu leben, um Gefangenhausgenossen oder andere Zuchthäusler als Gesellschafter zu erhalten, um neuerdings auf Staats­kosten die Reise nach dem Zuchthause anzutreten und viel­leicht auch diesmal zu entkommen endlich gestand er. Was lag ihm jetzt nach alledem an einer neuen Verurtei­lung? Seine Zeit war noch nicht abgelaufen. Man wurde ihn für immer dorthin schicken für das ganze irdische Leben, das ist wohl wahr, für stets für die Ewigkeit!.. Er glaubte nicht an die Ewigkeit.

Hatte er aber nicht als Rückfälliger, als Sträfling z» fürchten, daß man ihn statt zum Zuchthaus zum Tode ver­urteilen würde? Er wird sich schon mit gewohnter Geschick- lichkeit -u verteidigen und zu beweisen wissen, daß er zu