Ausgabe 
26.9.1902
 
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Liebe und Werbung im Reiche der Mitte.

. Ort .ihremglücklichsten" Tage wird die Braut von oefrermdcten Matrone in ihre reichste Kleidung ge­steckt, ^jhr Haar wrrd flach auf dem Kopfe zusmnmengedrückt und darüber eine helmartige Frisur mit vielen Federverf- zierungen. unÄ, sonstigen, goldenen Ornamenten versehen. Tns Antlitz wird rötlich-weiß gepudert, die Augenbrauen

Sinne Fen' KcüE VeS Redens, die schwere, rastlose Avbeit, die Traume des Ehrgeizes und die ihn ganz er- füllende Bruderliebe rn den Hintergrund gedrängt und gedampft worden waren, fühlte jetzt plötzlich, wie sich in rhm Sehnsüchten aus vergangenen Zeiten regten, wie in d ueue Gelüste erwachten, vor allem das Bedürfnis, der hesnge Wunsch, das ihn umgebende Geheimnis auszudecken, dre Göttin jenes Tempels kennen zu lernen, in den einzu­dringen er gewagt hatte. 9

Plötzlich glaubte er in dem großen Schweigen des verödeten Hauses em Geräusch vernommen W haben, er Kielt den Atem an und lauschte. 7

.. 3«. Untenim Vestibül hatte jemand die Thür, die auf die Straße führte, soeben aufgeschlossen. 1

^asch eilte er in das Schlafzimmer.

n.n^nU5 das Sttegenhaus weitgeöffnete Thür ver- hAaSm®erru^ etneg iei^icn Schrittes auf der

Treppe, das Rauschen und Knistern von Sammet- und ^^dengewandern, die durch den Korridor schleppten. I

Kem Zweifel mehr war möglich: sie war es

Bor Aufregung bebend erwartete er die Unbekannte.

Die Liebe, sagt eine englische Wochensckritt ift w« Chinesen ein dehnbarer Begriff, und so keimt er Jrrfi w-mge Verhältnis zwischen Verlobten oder Eheleuten wie es hierzulande besteht, nicht oder kaum Meist UpM »v smne Gattin erst nach der vollzogenen $ermöfir mlkL A-t sich -,M°Äch

ganj und gar unterscheidet. Was der bezopfte Sohn des Mmmels von seinerbesseren Hälfte" weiß ist ihm von Freunden oder von der Heiratsvermittlerin zugettagen wor- r «io. ^re,n i^er vornehme Chinese bedient. Tie Braut sÄbst hat kerne Wahl, und wie sie im Hause ihrer Eltern schwere Pflichten und Dienste verrichten muß, so ist ihr por.f. Hause des Gatten und ihr Verhältnis zu den Schwiegereltern auch nicht gerade beneidenswert. Aus- uahmen finden natürlich statt und so ist die Ehe zuweilen zwischen chinesischen Eheleuten eine recht glückliche. Ueber- wiegend sind jedoch die Fälle, wo die Frau ihre Neigung ^'n^"icht erwidert findet, oder solche für den Gatten

linh häufig und da dem Bewohner des himmlischen Reiches das Sterben weit leichter wird als uns, zieht auch das weibliche Geschlecht oft die Erdrosselung

Leben doller Mühsal oder einem allmählichen Dahin- flechen vor Ter Mann ist unbeschränkter Gebieter in seinem Hause; es steht ihm srer, eme zweite Gattin zu wählen, oder

I fTe versäumte, ihn mit Kindern zu be­

schenken auf Scheidung zu verklagen. Nur solche Frauen

I hen Anspruch darauf machen, als legttim vermählt I betrachtet zu werden, die eine glückliche Fügung des Schick­sals gesegnet, alle «a.nderen gelten alstsieh" oder Ver­stoßene und sie stehen im Range weit hinter der ersten, der legalen Frau. Einetsieh" kann ihren Eltern wieder zur Verfügung gestellt werden, die meist von ihrem Rechte Ge- abermals zu verkaufen. Der Kaufpreis etm "Adriger, da der Heiratsmarkt mit solchen unglücklichen Geschöpfen sozusagen überschwemmt ist, die als Sklavinnen in der Bedeutung des Wortes in einem Kultur reiche verschachert werden, das sich schon auf emer hohen Entwickelungsstufe befand, da Europa noch in den tiefsten Stand der Barbarei versunken war.

halten frühzeitig Ausschau nach passenden Schwiegersöhnen oder -töchtern, deren Vermitte- lung man der vorerwähnten Heiratsagenttn, dermei-jin'< übertragt Sie hat in der chinesischen Gesellschaft eins "?ie, führt unter Beobachtung strikter, ge­schäftlicher Grundsätze Bücher über beide Arten Kandidaten und ruft, wenn sie glaubt, für die eine oder andere der Parteien eine passende Wahl getroffen zu haben, die Eltern- haarezu einer Besprechung zusammen. Das geschieht ver- mtttelst einer roten Karte, auf der Jahr, Monat, Tag und fttunde der Geburt des Klienten oder der Klientin vermerkt sind. Auf der an die Eltern des Heiratskandidaten er­gangenen Einladung sind außerdem in überschwänglichen Worten, tote sie eben nur die chinesische Sprache kennt die Vorzüge der Braut, tote diekleinen, goldenen Lilienfüße", ^^/perrenweißen Rosenzähne", dieschlanke, biegsame, gottt ähnliche Gestalt u. a. m. aufgezählt. In diskretester Form wird auch der von den Eltern geforderte Kaufpreis genannt, der je nach dem Stande der Eltern oder der Borrüae der Braut 100 MB 800. Mark beträgt, etaX KW» dfe Kosten für die Ausstattungsstücke ersetzen soft. Sind die Verhandlungen zwischen den Elternpaaren soweit ge­diehen, daß Aussichten für eine Eheschließung der Kinder vorhanden sind, so tauscht man gegenseitig Geschenke aus, die in Seide, Reis, Hühnern und Gänsen bestehen. Gleich- zeitig wird aber auch der Wahrsager zu Rate gezogen, der die Aussichten des Bundes zu verkünden hat. Wenn sblue astronomischen Forschungen und sein mit kleinen Bambusschnitzeln angestellter Hokuspokus auf glückliche.Vor­bedeutungen Hinweisen, werden die roten Karten mit einer roten seidenen Schnur zusammengebunden, eine Ceremonie, b/b die vollzogene Eheschließung anzeigt, durch das Opfern eines FuchfE oder einer KUH aber erst den rechten Grad der Weihe erhalt.

19. Kapitel.

stand gegen die mit Seide bezogene Mauer von emem Flügel der weit offenen Thür. Denn, bftÄ er mitten ttn Zimmer stehen, so konnte sie ibn « beJrt Eintreten vom Kvrridor aus erblicken und J1 "" stände, wenn fte tn dem Unbekannten nicht Franz von Sempach erkannte, nach der Treppe zu stitrzen und S wie möglich zu" entkommen

lassen^ ^r ke ner Bedingung sie entwischen

zu sprech f ^tMofsen, fte zu sehen und mit ihr

?v eine junge, warm vibrierende uur doch Ich fef)e ja benähe nichts.

2tiarnt hast Tu kein Licht unten gelassen?" 7

Er verharrte regungslos und in tiefstem Schweigen

sie abermals- Käufen der Treppe angekmnmen, ries jte aoermals.Bist Tu mir böse, weil ich Mick versvätet habe, und kommst mir deshalb nicht entgegen? Es war meine Schuld nicht, ich schwöre es

^treten. Ie^ten $8orten war sie in das Schlafzimmer Ist" war es Zeit. Ohne zu zögern, stieß er die Thür zu.

wendete sich rasch um, stieß bei feinem Anblick I "heften Schrei aus und floh'bis" an die Mamr Zurück t,rvi, ~,a st^^wf ste nun emer dem andern gegenüber- sie I toor dem Kamin, an die Mauer gedrängt, da sie nickt I w?ter zurückweichen konnte er gegen die Thür gestemmt

iU Einklang zu der That," die er ebeit aus ührte . .Gnädige Frau, haben Sie keine Furcht' Ick bin ein I S^euttb Von Franz von Sempach Er mag Ihnm Rakenius."^" mir gesprochen haben. Mein Name ist .. Zu einem weiten Mantel gehüftt, den Kopf stoft in rickttt'^liek^^ Are Augen unverwandt aus iht/ge- I 'iktSi* »B -rschch.

«- sk"

.?antt, toie plötzlich von einem Gedanken erfaßt ueiate I reckench-" torn unb rief, ihm den Arm entgegen»

züteiftn?" E ^as zugestoßen? Sie kommen, es mir mit- I eigni?-W ein entsetzliches Er-

"Was Mr ein Ereignis? So reden Sie doch !" Man^klagt ihst eines! Verbrechens an!" "

"|e^c xUlörgen hat man ihn verhaftet."

Mne^ nM^ ~ W forr das bedeuten? = Ich glaube es

Wortsetzung folgt.)