Ausgabe 
26.9.1902
 
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unßeTannt war, eftteit Fremdling, der die Frechheit hatte, sie auf offener Schuld zu ertappen, ihr tiefstes Geheimnis zu rauben.

Welche Haltung füllte er vor ihr beibehalten? Wie sollte er fvdji benehmen? Nie hätte er, wenn es ihm Bertha nicht geraten hätte, den Gedanken gefaßt, sich hier einzuschleichen und die Rolle desjenigen zu vertreten, den sie hier zu finden glaubte. Er bangte vor dem Schritt, den er unternommen.

Wer ihn mit seiner Größe, feinem gebräunten Teint, seinen mächtigen Schultern, so schön gebaut, wer dieses männliche Antlitz gesehen hätte der würde ihm jegliche Tapferkeit und jeden Mut zugetraut haben. Darin aber täuschte man sich; hinter diesem männlichen Aeußern barg sich, wie so oft, ein etwas zaghaftes Herz. Er, der sich nur seinen Studien, seinen Arbeiten und Bruderpflichten ge­widmet hatte, war zu wenig in der Welt gewesen; er hatte nicht genug gelebt, um zu wissen, daß er als schöner Mann nichts zu fürchten brauchte. Und trotzdem er an dem Kommen der Erwarteten Zweifel hegte, wünschte er leb­haft ihr Erscheinen. Um mit ihr über Franz zu sprechen, mit ihr das Mittel zu beraten, ihn zu retten? Gewiß. Aber zu diesem Wunsch gesellte sich nc^ch ein anderes^ unbewußtes Gefühl, das er sich selbst nicht eingestehen wollte: er war begierig, jene geheimnisvolle Frau zu sehen und kennen zu lernen, für die Sempach diesen ent­zückenden Winkel mit solcher Sorgfalt ausgesucht, den er mit so viel Liebe hatte einrichten lassen. Daß er sich für jene Frau so viel Mühe gegeben hatte, war ein Zeichen, daß er sie anbetete und daß auch sie eine hochgestellte Persön­lichkeit sei.

Georg blickte um sich, um irgend welche Anhaltspunkte zu finden, die ihm etwa ermöglichen könnten, sich die Be­treffende vorzustellen. Er konnte nichts finden. Tie Farbe dieser Stoffe, die Vorhänge sagten ihm bloß, daß sie blond sein müsse. Der zartfühlende Sempach hatte ihr jedenfalls für ihren Teint und die Farbe ihres Haares einen harmo­nischen Rahmen geben wollen. Aber es gießt im Blond so viele Abarten, und es gießt so viele Blonde!

Tann überlegte er, daß er etwa im anstoßenden Toi­lettenzimmer, das er bloß vom Stiegenhaus eingesehen hatte, irgend ein wichtigeres Zeugnis des Geheimnisses entdecken könnte, jenes Geheimnisses, das er im Interesse seines Freundes unbedingt versuchen mußte zu lösen, um jene Unbekannte vielleicht eines Tages erraten oder ent­decken zu können, falls sie aus Vorsicht oder aus Furcht nicht mehr in dieses Haus wiederkehren soMe.

In der festen Ueberzeugung, bloß von diesem einzigen Gefühl geleitet zu fein, und daß keine Neugierde dabei im Spiele war, hob er die Portieren, die die beiden Zimmer von einander trennten, und trat in das anstoßende Boudoir.

Baron Sempach hatte sich jedenfalls Mühe gegeben, aus diesem Gemach einen lauschigen Winkel zu machen. Er hatte jedenfalls gewollt, daß sie in ihm den Luxus Und die Bequemlichkeit ihres eigenen Hauses vorfinde, daß nichts an ihren Gewohnheiten geändert, daß alle ihre Wünsche befriedigt würden.

Tie Vorhänge, Stoffe und der Ueberzug einer großen, sehr niedrigen Ottomane waren aus rötlich violetter chine­sischer Seide, die in warmgehaltenem Tone mit großer Feinheit ausgeführte Tessins von Vögeln und Blumen trug. Ter Marmor des riesigen Waschtisches, der eine ganze Seite des kleinen Raumes einnahm, verschwand vollständig unter einem schleppenden Ueberwurf von venetianischen Spitzen, worauf sich zwei Becken aus massivem Silber, sowie Flaschen aus geschliffenem Krystall befanden. Da­neben als Seitentisch ein kleiner, mit englischen Spitzen bekleideter Toilettentisch mit einem von Silber umrahmten Spiegel und daraus eine ganze Kollektion von Mmmen, Bürsten und Schachteln aus Schildpatt, Scheeren und Feilen an allen Größen. Gegenüber ein hoher, vierteiliger Spiegel­schrank, der in Frankreich aus tonkinesischem Trae-Holz geschnitzt war, eichene Farbe hatte und feine Perlmutter­auflage aufwies.

Georg staunte und' starrte, toter aber nicht int stände, Awas zu entdecken, das ihm Aufklärung verschafft hätte. D-re Necessaires, Bürsten und Schachteln trugen allerdings «inen Namenszug, jedoch den Franz von Sempachs. Neben dem Divan auf 'einem großen Eisbärenfell standen ein Paar Commodeschühe, ebenfalls aus Satin mit Spitzen. DM Eomnlpdeschuhe gelten nicht immer die genaue Größe

des Fußes att; ost reichen die Zeheik nicht bis an die Spiß'eb und ost ragt die Ferse wieder über sie hinaus.

Er bedachte, daß ihm vielleicht der Spiegelschrank zur Lösung des Geheimnisses verhelfen könnte:Ein Geheim­nis, das zu durchdringen meine Pflicht ist", wiederholte er sich fortwährend, um sein Gewissen zum Schweigen zu bringen.Wenn sie nicht mehr kommt und das thutj sie nicht mehr, dazu ist es zu spät muß ich alles versuchen, sie zu entdecken, kennen zu lernen, sie zu sehen, sie zu sprechen." '

Infolge dieses Selbstgespräches etwas beruhigt undl weniger ängstlich, ging er auf den Schrank zu und öffnete die Flügelthüren desselben. Ans den einzelnen Lagen fahen fymmetrifch geordnet schneeweiße, aus feinster Lein­wand hergestellte Laken, einige Stöße von Servietten aus dem Schrank. In einer Ecke befanden sich zwei Buchstaben eiugestickt; doch es war immer nur ein F und ein S mit der Freiherrnkrone.

In dem zweiten Abteil des Schranks waren die Lagen durch Kleiderhalter ersetzt; ein einziges Kleidungsstück war in ihm aufgehängt: ein Schlafrock ans Crepe de Chine von Theerosensarbe, mit altvenetianischen Spitzen eingefaßt. Er betrachtete ihn lange; er maß ihn mit fachmännischem Blick, studierte ihn, indem er versuchte, den Körper, den dieser Schlafrock zu verhüllen hatte, zu rekonstruieren. Mr ihn als Künstler war dies nicht allzu schwierig. Er er-, kannte sofort, daß die Trägerin desselben eine stolze/ majestätische, üppige Gestalt sein mußte, obwohl die Un­bekannte dieses Kleidungsstück nicht oft getragen zu haben schien.

Jedoch trotz all seiner Diskretion und Zurückhaltung/ beinahe trotz seiner Unberührtheit hatte dieses Kleidungs-, stück Georg trotzdem verraten, daß die, die er kennen zu lernen wünschte, eine Gestalt über die Mittelgröße hatte und von stark entwickelten Formen war.

Nachdem er alles sorgfältig untersucht hatte, verschloß er wieder den Schrank und blieb in nachdenkliches Sinnen verloren.

Schon seit geraunter Zeit hatten ihn dieser geschmack­volle Luxus, der Duft der Blattpflanzen, der aus demj Vestibül des unteren Stockwerks empor stieg, diese ganze Treibhaustemperatur, der Anblick der Toilettegegenstände/ dieser Kleider, die den weiblichen Gebrauch verrieten,1 alles das hatte ihn allmählich berauscht, ohne daß er selber Kenntnis davon gehabt hätte. Seine Erfolge, sein plötz-i liches Emporkommen hatten es ihm gestattet, gut zu leben, und er lebte auch gut in der That. Er umgab sich mit! großer Bequemlichkeit, aber mehr mit der eines Künstlers/ eines Junggesellen, der seine Wohnung nur um seines Jchs willen verschont: mit Vergnügungen fernes Geistes/ mit Werken, die sein Ange erquickten. Er hatte aber wieder keinen Begriff von gewissen Anschaffungen des Luxus und sybaritischen Bequemlichkeiten, womit sich manche Frauen und auch Männer, wenn sie für sich allein leben, um­geben. Gewiß wußte er auch die Schönheit eines Gesichts/ eines Körpers zu schätzen und zu würdigen. Müher in Newyork und jetzt in Berlin hatte er sich wiederholt bald für ein schönes Mädchen, bald wieder für ein hübsches Modefl begeistern können. Wer alle waren an ihm vorübergehuscht, ohne ihn von seiner Arbeit abgewendet/ ohne irgend eine Stelle in seinem Leben eingenommen! zu Haben. Er mochte sie wohl angesehen haben, doch hatte er sie niemals näher kennen gelernt. Am allerwenigsten wußte er etwas von der wirklichen Lebedame, der Frau der großen Welt, die durch Geburt und Vermögen hoch- gestellt war, von jenem zarten Wesen, jener Künstlerin, jenen in allem und jedem raffinierten Frauen, die abgespannt und überreizt von den Aufregungen ihres lärmenden Lebens nach allen Ueppigkeiten, die ihnen der Luxus bieten kann, begehren, deren Geschmack äußerst wählerisch ist die, wenn sie anständig find, in ihrer Art diskreti wenn sie es nicht sind, ohne Zurückhaltung leben, auf steter Suche nach aHett erdenklichen Raffinements, die noch ihre Phantasie und die jenes Mannes, den sie momentan be­herrschen, entflammen können.

Wenn er auch diese von der Regel abweichende Frauen-- gattung nicht kannte, wenn er auch niemals Gelegenheit gefunden hatte, diese zu beobachten, sich mit ihr abzugeben oder sie zu lieben, so begann er doch seit einigen Augen-? blicken sie zu verstehen, sie zu ahnen, sie zu fühlen. Er/ dessen Eiubildnugsvermögen und schon früh entwickel