Nachdem er die Kerzen angesteckt hatte, konnte er er«* kennen, daß das Haus, wenn es miri) von außen einen! recht spießbürgerlichen Eindruck machte, im Innern Volk«* kommen anders aussah. Alte, wertvolle Tapeten bekleideten die Manern des Vestibüls, und reichten auch längs de« breiten Treppe nach oben. Schwere Teppiche bekleideten den Boden und lägen auch von Stufe zu Stufe, ließ er das Treppengeländer, um das Holz und Eisen desselben zU maskieren, war ein breiter orientalischer Stofs von rote« und goldener Farbe geworfen, der von dem matten Don« der Tapeten abstach.
Er erfaßte sofort, daff; düs Erdgeschoß des Hauses keine Mvhnräume enthielt. Das ganze Vestibül, die mit Teppichen verkleidete Treppe, ausgestattet mit da und dort angebrachten riesigen Blattpflanzen in mächtigen, japanischen .Basen, alles dies schien nur vorhanden zu sein, unk Stimmung zu machen und die Erwartungen zu spannen.
Er stieg hinauf, sonderbar berührt, in diesem verödeten Haus ein Gefühl des Wohlbefindens und wohliger Wärm« zu empfinden. Da nirgends Oefen zu entdecken warem erzeugte vermutlich Luftheizung diese umschmeichelnde Temperatur.
Bou dem Korridor des Oberstockes führten zwei offenstehende Thüren, die eine in ein Schlafgemach, die ander« in ein Toilettenzimmer. Er trat in das erstere ein. Es war vollständig mit Seide ausgestattet und tapeziert, den Plafond mit inbegriffen, mit einem hellgelben Satin und Schattierungen in dunkles Violett. Aus gleichem Stoff waren Vorhänge und Portieren, mit gleichem Stoff über» zogen die Chaiselongue und die sehr niedrigen Fauteuils. Ter Kamin, der unter der Flut von Satin vollständig verschwand, trug fein gearbeitete Kandelaber und eine Steh- uhr im reinsten Stil Louis XVI.: zwei Amoretten, das Zifferblatt haltend. Auf dem geschnitzten Holzbett, einer Nachahmung des Bettes Marie Antoinettens aus Trianon, eine Decke, Laken von feinstem Linneuzeug und von Spitzen umfaßte Kopfkissen. Es war unbedeckt.
Nachdem er das reizende Zimmer mit einem Blick gestreift hatte, das wohl der Tapezierer hergestellt, jedenfalls aber Sempach ersonnen haben durfte, sah Georg auf seine Uhr. Ein viertel neun. Ob sie wohl kommen würden die er erwartete?
Er zweifelte daran. Er wagte es nicht, zu hoffen, gerade weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach erst bent vorigen Abend hiergewesen war. Die Damen der großen Welt haben selten zwei Abende hintereinander frei. Schon vorsichtshalber pflegen sie zwischen ihren Zusammenkünften immer eine gewisse Zeit zu lassen. Es schien ihm unmöglich, daß ihr das Gerücht von der Verhaftung Sempachs nicht zu Ohren gekomtnen wäre. Wozu sollte sie dann heut« abend hierher kommen? Und falls sie doch käme, dann würde sie hier in diesem Asyl, wo sie sich vor jedem unberufenen Blick so sicher glaubte, einen Mann treffen, bett sie noM nie gesehen, dessen Existenz ihr vielleicht sogar
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l-
(Fortsetzung.)
Sie waren daheim angelangt; der Wägen hielt an.
„Wenn ich mit Dir ginge", überlegte sie. „Ich werde unten im Wagen warten, wie eben jetzt, — aber nicht vor dem Thore, sondern weit weg. Kein Mensch würde mich sehen, und ich würde früher Nachricht erhalten."
„Nein, nein, das will ich nicht."
„Gut. Ich will vernünftig sein. Ich habe es' Dir versprochen. Du .mußt mir aber auch versprechen, mich noch aufzusuchen, wie spät es auch immer sei. Ich werde auf Dich warten. Ich kann doch kein Auge schließen."
„Ja, ich verspreche Dir's."
„Gut. Lebe wohl, mein Georg. Eile Dich, es ist bald 9 Uhr!"
Sobald seine .Schwester int Thorweg verschwunden war, ließ er sich nach Friedenau fahren bis an die Ecke der Menzelstraße, wo die Häuser bereits anfangen, vereinzelt zu stehen, und neue Straßen angelegt wurden. Tort schickte er den Wagen fort und' begab sich zu Fuß nach, bent ihm bezeichneten Hause.
17. Kapitel.
Franz hatte bas Haus, bas ihn vor der Welt verbergen sollte, gut gewählt. In ber ganzen Umgegend desselben kein Laden, nirgends Fenster, aus denen man beobachtet werden, von denen aus geklatscht werden konnte. Dem Hause gegenüber eine einsame Reihe von Bäumen und die Eisenbahnstrecke, die etwas tiefer lag; rechts und links zwei umzäunte Grundstücke; also weder Nachbarn noch ein Vis-a-vis. Trotzdem ist der Ort nicht einsam, uttb man kann sich ruhig hinwagen, ohne sich einer Gefahr auszusetzen. Mit ein paar Shritten ist man in Neu-Friedenau, von wo sowohl die Eisenbahn als' auch die elektrische Bahn bis in das Zentrum Berlins bequem führt.
Tas Haus war klein, von bescheidenem Aussehen. Sein Stil lenkte nicht wie einige Nachbarhäuser die Blicke der Passanten auf sich! Man würde vermuten, daß es von gewesenen Handelsleuten, von Mann und Frau, bewohnt sei, die ftd), vom Handel zurückgezogen haben und von einigen Renten leben.
Nach diesen Betrachtungen und einem raschelt Mick um sich steckte Georg, der inzwischen die einsam« Villa erreicht hatte, den Schlüssel in das Schloß. Tie Thür öffnete sich. Er schloß sofort wieder hinter sich zu. •
Vollkommene Dunkelheit umgab ihn. Wer als Raucher hätte er immer Streichhölzer in der Tasche; dank dem angesteckten Licht bemerkte er auf einem Tische von geschnitztem Eichenholz einen Leuchter mit zwei Kerzen. Alles war bereit für die Ankunft des Herrn.


