Ausgabe 
26.7.1902
 
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Samstag den 26. Juli.

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1902. Nr. 110.

Natta geriet durch diese Mitteilung in fieberhafte Auf­regung. Eie hielt jetzt Almas Schuld für erwiesen. Das Datum von Löschnttz Mitteilungen an Stauffen stimmte genau mit Almas Verlobung zusammen, und das Rendez­vous im Park konnte er nur mit ihr gehabt haben, während! der Abwesenheit ihres Gatten.

Ich dachte es mir", ries Natta triumphierend,sie hat bereits vor der Ehe ein Verhältnis mit ihr gehabt/ aber den armen, verschuldeten Leutnant natürlich nicht heiraten wollen. Zum Heiraten waren Onkel Pauls Geld­säcke gut, nur wollte man nachher das Leben auch noch genießen! Du mußt mir das Mld geben, Traute! Ich schwöre Dir, daß ich es nicht öffnen will, aber in meiner Gegenwart soll Löschnttz es öffnen, ich werde ihn dazu zu zwingen wissen!" r ,

Traute zögerte, ihre Einwilligung zu geben. Die hef­tigste Angst vor einer gefahrvollen Katastrophe packte sie. Sie fürchtete, daß Nattas Leidenschaft alle Beherrschung verlieren und unheilbares Unglück anrichten könne. Außer­dem hatte sie kein Recht, das Bild einem dritten zu über­geben. Wenn Unheil daraus entstände, fiele die Schuld auf Camill zurück. , ...

Sie setzte dies Natta auseinander, aber das zunge Mädchen fuhr fort zu bitten und zu flehen. Endliche sagte Traute nicht ja, nicht nein, sondern gab ausweichende Ant­worten, sie wolle sich die Sache überlegen.

W war unterdessen so spät geworden, daß Natta an di? Heimkehr denken mußte. Traute wollte bei Graumanns bleiben, der Arzt hatte gesagt, daß der Kranke die Nacht nicht überleben werde, und sie wollte ihn in der letzten/ schweren Stunde nicht verlassem

So saß sie bei ihm die lange, bange Nacht hurdurch, den Aufruhr eigener Kämpfe und Seelenqual niedergebalten und überwältigt von der nahenden Majestät des Todes- sodaß sie nur als bleischwerer Druck auf ihrem Herzen tasteten, Der TvdeMmpf hatte .begonnen/ M WMiL

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Traute lehnte sich, schwer an den Lattenzaun und wandte das Gesicht ab.Wenn Du an Löschnttz' Treue zweifelst, wie kannst Du ihn lieben?" fragte sie matt.

O, ich weiß, daß er mich liebt, mehr, tausendmal mehr, als er je das herzlose, eitle Weib geliebt hat aber das ist es eben er hat mal etwas nut ihr gehabt dafür möchte ich meinen Kopf wetten, und nun ist er in ihrer Schlinge und sie läßt ihn nicht los) sie hält ihn fest mit allen Künsten und aller Schlauheit, die ihr zu Gebote steht. Ihre Mutter ist ebenso schlecht wie sie. Sieh nur, wie abscheulich die alte Hexe ihren Schwiegersohn behandelt und wie süß sie mit Herrn von Löschnttz thut. Ich wette, es ist ein abgekartetes Spiel zwischen Mutter und Tochter. Seitdem Löschnttz durch! die Erbschaft ein wohlhabender, an­gesehener Mann geworden ist, bereut Alma, nur Frau Leh- migke und nicht Frau von Löschnttz geworden zu sein. Du weißt nicht, wie eitel und hochmütig sie ist. Und zu ihrem Aerger haben fast alle ihre Freundinnen. adelige Offiziere geheiratet. Ihre Mutter und Frau Stroppa, dieser bos­hafte, bucklige Schmachtlappen, stecken alle Tage die Köpfe zusammen und beklagen, daß Almä, dieser Ausbund aller Vortrefflichkeiten, nicht eine bessere Partie gemacht habe. Als ob Onkel Paul nicht zehntausendmal zu gut für sie Wftte */z

Warum beantragt Frau Lehmigke nicht lieber die Scheidung, statt ihren Gatten zu hintergehen?" Iragte Traute kopfschüttelnd,ich! glaube, Natta, Deine Selben- schäft und Eifersucht lassen Dich die Dinge in übertriebenem Siebte

O, Du kennst diese Geldmenschen nicht! Alma kann sich! von dem Golde ihres! Mannes nicht trennen, und außer­dem müßte sie doch! ihres Geliebten sicher sein, um den ersten Schritt zur Scheidung zu khun. Herr von Löschnttz denkt ja nicht daran, sie zu heiraten! Ich wette, sie strengt alles an, um ihn zum Aeußersten zu treiben, und ihre furchtbar schlechte Laune nnb Gereiztheit kommt nur daher, weil es ihr nicht gelingt, ihn. zu ihrem Willen zu bewegen. O, meine Angst, meine Todesangst, daß sie ihn durch! Jn- trtguen doch noch gänzlich in ihre Gewalt bekommt!"

Natta rang die Hände und preßte sie gegen. ihre brennende Stirn; Traute sah eine Zeit lang schweigend vor sich nieder. Sie kämpfte mit sich, ob sie Natta das! sagen sollte, was! sie selbst wußte. Endlich! hielt sie Offen­heit iür Pflicht.

Bei Camtlls letztem Besuch! hatte sie erfahren, daß derselbe Herr von Löschnitz, der einst als ein Schiff­brüchiger von ihm Abschied nahm und ihm ba# Bild einer treulosen Geliebten rur Nernichtung übergab,, jetzt als ein

Geretteter aus Amerika heimgekehrt und in Brantikow sei. Camill hatte ihr jenes Bild damals im verschlossenen! Kouvert anvertraut und forderte es nun zurück Sie hatte es jedoch! in der Eile seines kurzen Besuches nicht finden können, und schließlich! meinte Camill, es käme nicht darauf an, sie solle es nur verbrennen, wenn sie es fände, er würde sich wohl unterdessen längst über seinen damaligen Liebest schmerz getröstet haben. -vv. _ L

Sie fand das Bild wirklich!, als Camill fort war,, und als gleich darauf ihre Reise nach Brantikow beschlossen wurde, legte sie es, einem augenblicklichen Impulse folgend, in ihren "Koffer, mit der Idee, fie könne vielleicht Herrn von Löschnttz durch! die Rückgabe einen Gefallen erweisen., Natürlich! wollte sie ihm sagen, daß CaMill Stauffen e$

Sie erzählte nun Natta die Geschichte dieses Bildes! und zugleich auch ihre Begegnung mit Herrn von Löschnttz

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