Ausgabe 
26.5.1902
 
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Kch mit dem Kampf für die kleinen Leute, als daß er sich so ohne weiteres von der Liste streichen lassen wollte, er gedenke aber, das Herz und die ruhige Vernunft ein wenig mehr zu Rate zu ziehen als bisher.

Das Herz? Was hatte nur das Herz mit der Politik *u thun? Wenn es schließlich darauf ankam, so sei die Mcksichtnahme auf das, was der eigenen Person dien­lich sei, das einzig haltbare Prinzip, und in Wirklich­keit die Triebfeder aller Parteien und jedes einzelnen Menschen.

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Ja, weiß Gott, so ist es! Es handelt sich darum, für "uns selber so viel Sahne als möglich vom Leben zu schöpfen und unfern Gegnern so viel Essig als mög­lich zu brauen."

Du hast eine schlechte Ansicht von der Menschheit", meinte Böje.So verdorben ist sie denn doch noch nicht." (Fortsetzung folgt.)

Oberst Cumberland.

Humoreske von Tev von Torn.

(Nachdruck verboten.)

Wenn zwei Menschen sich ewig in den Haaren liegen und einander doch nicht entbehren können, so gießt es nur drei Möglichkeiten: Entweder sind diese beiden Menschen ein Männlein und ein Weiblein dann sind sie mitein­ander verheiratet!und leben wie man so sagt in glücklicher Ehe; oder es handelt sich um zwei Weiblein dann sind sie wegen einer unglücklichen Liebe gemeinsam zu alten Jungfern herangereift; oder es sind zwei Männlein dann ist ider eine Regimentskommandeur und der andere sein Adjutant. , i

Mer wie alles beim Militär, so ist auch die Möglich­keit resp. die Art, sich zu zanken, streng geregelt. Während der eine mit beiden Händen erregt agieren oder die nervöse Rechte zwischen den vierten und ftinfteu Knops des Jnte- rimsrockes bohren kann, darf der andere mit den Gruß­fingern am Helm oder am Mützenschirm unentwegt fesch stellen, wo ihm der Kopf steht oder bei ungeschütztem Haupte die ungefähre Gegend seiner Hosennat in hilfloser Empörung absuchen. Während der eine alles sagen kann, was er auf dem Herzen hat, darf der andere sich dasselbe nur denken dafür allerdings noch einiges mehr, so zum Beispiel:Steig' mir den Buckel 'naus, aber mit Filz­schuhen" oderDu kannst mir mal schreiben, wenn möglich frankiert". Dadurch, wird zwar der äußere Eindruck der Einseitigkeit eines solchen Zwistes nicht abgeschwächt, aber der passive Teil hat so wenigstens ein Ventil, aus daß der dunklen Gesühle Gewalt ihm nicht die Luft abdrückt.

Leider hatte der Leutnant von Reifferscheidt das Pech, einem Oberst attachiert zu sein, welcher auch mal Regi­mentsadjutant gewesen war. Oberst Freiherr von Böhle hatte seiner Zeit lange genug die Schärpe quer über der stolzen Männerbrust getragen, um alle damit zusammen­hängenden Empsindungen genau zu kennen. Er wußte, daß der Kommandeur in beit Augen seines Adjutanten immer nur deralte Herr" ist, dessen Dummheiten man gar nicht aufmerksam genug verfolgen und korrigieren kann.

Daraus ergab sich für den armen Leutnant eine recht schwierige Position und zwar noch nach einer andern Richtung hin. Ist es schon unangenehm, einen Cumber­land von Vorgesetzten zu haben, welcher hellseherisch die geheimsten Falten der Seele durch,dringt, so wird die Situa­tion noch! komplizierter, wenn man diesen Vorgesetzten sich heimlich zum künftigen Schwiegerpapa erkoren hat und es ihn noch nicht merken lassen darf.

Tas führt zu schweren inneren Konflikten. Auch heute wieder und eben zu dieser Stunde hätte Franz von Reifferscheidt seinen Oberst liebend gern einen alten Ekel oder wenigens einen Grobian gescholten. Wer konnte eh das gegenüber einem Manne, welcher eine so wunder- liebliche Tochter hatte? Durfte er das riskieren gegenüber einem Vorgesetzten, der--

Also es bleibt bei der Besichtigung, wie ich sie arm gesetzt habe">, Resümierte der Herr Oberst sich kurz und. barsch,.Ihre Einwände sind haltlos. Volländig haltlos!- Ich begreife überhaupt nicht, wie ein sonst ganz befähigter Mensch einen solchen Unsinn dahcrredeu kann! Außerdem

muß ich dringend, sehr dringend bitten, daß Sie ein anderes Gesicht machen, wenn ich mit Ihnen rede"

Herr Oberst, ich--"

Weiß schon, was Sie einwenden wollen. Hab' ich auch mal gesagt. Mir können Sie nix vormachen. Dieses Gesicht ist eine Unart, mein lieber Reifferscheidt, welche Sie sich abgewöhnen müssen. Unbedingt abgewöhnen müssen. Ich würde mich sonst in der Notwendigkeit sehen, Ihnen einmal sehr grob zu werden!"

Herr Oberst, bitte gehorsamst"

Zunächst bitte ich, Herrrr und zwar, daß Sie ge­fälligst den Schnabel halten, wenn ich mit Ihnen rede! Zum 'Donnerwetter nochmal, das wird ja immer schlimmer mit Ihnen! Zuerst machen Sie unhaltbare Vorschläge, dann machen Sie ein subordinationswidriges Gesicht und nun machen Sie gar Einwendungen! Schließlich machen Sie aus Ihrem Herzen überhaupt feine Mördergrube und sagen mir ins Gesicht, was Sie sich clam-heimlich denken. Aber das weiß ich ohnehin, mein Lieber. Das weiß ich ganz genau . Ich bin nach Ihrer Ansicht ein grober Kerl, der nix versteht und der lange reden kann, bis Ihnen was gefällt. Es ist aber im höchsten Grade ungehörig, daß Sie so was denken. Verstehen Sie mich!? Höchst ungehörig. Und ich werde Ihnen bei der nächsten Gelegenheit das mal mit allem Nachdruck klar machen. Mor'n."

Oberst von Böhle stülpte mit einem energischen Wupp­dich feine Mütze auf ,rückte noch zweimal heftig an dem Schirm derselben und verließ mit klingenden Sporen das Regimentsbureau. '

Der Adjutant hatte seine Knochen noch nicht ganz ge­lockert nur seine Hände schlossen und öffneten sich, als wenn er etwas greifen wollte. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür noch einmal--

Ich bitte d ringend, daß Sie sich nicht damit auf­halten, mich zu allen Teufeln zu wünschen, mein Lieber! Und den Buckel steige ich Ihnen auch nicht 'nauf. Da! können Sie sich drauf verlassen. Führen Sie unverzüglich ans, was ich Ihnen befohlen habe und damit basta! Mor'n." . . .

Der junge Offizier behielt noch eine kleine Weile )etne dienstliche Haltung bei und fchielte nach der Thür. Man konnte nicht wissen der alte Kribdelkopf hatte möglicher­weise noch was auf dem Herzen. Wenn er wirklich Ge­dankenleser war, bann mußte er sogar noch einmal wieberkommen; benn was sein Adjutant jetzt wirklich dachte, das durfte er sich unmöglich gefallen lassen. Aber er kam nicht.

Dafür trat eine Ordonnanz ein mit einem großen, anscheinend amtlichen Briefe an Seine Hochwohlgeboren Leutnant Herrn Franz von Reifferscheidt und Welzenbors. Nachdem dieser bas Schreiben mit ben heftigen Bewegungen eines geärgerten Menschen erbrochen, es bann aber mit bem strahlenden Gesichte eines Glücklichen zu Ende gelesen hatte, bekam die Ordonnanz einen Thaler und gleich barauf die Maulsperre. Es wurde ihr nämlich der ungewöhnliche Genuß zu teil, in der ernsten Schreibstube be§ Infanterie- Regiments Karl Wilhelm einen kunstgerechten Jodler zu hören und zwar von einem Offizier, welchem man solche munteren Ungezwungenheiten gemeinhin nicht nachsagte. Im Gegenteil er pflegte die Ordonnanzen viel eher anzupfeifen als anzujuchzen.

Immerhin war es wirklich so, tote der Soldat staunend vernommen hatte: Leutnant von Reifferscheidt hatte ge­jodelt mit der Lungenkraft und Kehlfertigkeit eines steirischen Aelplers- Auch schien es, als wenn er noch zu einem flotten Schuhplattler einsetzen wollte. Tie runden Augen und der offene Mund der Ordonnanz brachten ihn jedoch zur Besinnung und er beschränkte sich auf die zwei schallenden Klapse, welche er sich auf die Schenkel appli­ziert hatte. Dann drückte er die Mutze aufs Ohr und stürmte davon.

Oberst von Böhle wußte nicht recht: war er in übler Saune, weil er um sein Mittagsschläfchen gekommen war, oder war er um sein Mittagsschläfchen gekommen, weil er sich in übler Laune befunden hatte. Jedenfalls schritt er nun schon seit einer Stunde in feinem Arbeits­zimmer auf und nieder, zog an feiner schief gekohlten Zigarre und boste sich. Zuerst der Aerger mit Reifferscheidt und nun noch der mit den Frauensleuten. Es war zum Teufelholen. Aber das kam davon, wenn man sich tu feiner