306

Es war auch ein harter Schlag für mich."

Ja, es ist schwer, Abschied zu nehmen! Es sollte ja nicht sein, aber wir sind so schwach. Ich denke so oft daran, wie herrlich es gewesen sein muß>, in den ersten Zeiten des Christentums zu lebeu. Damals trugen die Christen keine Trauergewänder, sondern Festkleider Lei den Beerdigungen, und den Todestag nannten sie den Ge­burtstag. Wer doch einen solchen Glauben hätte!"

Eine Weile schritten sie schweigend neben ein­ander her.

Ich weiß nicht," begann sie wieder,woher es kommt, daß es im Grunde so lveuig geistige Kraft heutzutage giebt."

Thomas meinte, das sei fetzt wohl so, wie es immer gewesen: jeder habe sein Schicksal, man müsse sich in das finden, was einem einmal zugedacht sei.

Nein," rief sie aus und blieb stehen.So ist es nicht, Thomas! Ich habe es unzähligemale im Leben erfahren, daß wir selber viel thun können."

Indem er den Kopf nach ihr umwandte, streifte sie ein schwacher Arrakhauch aus seinem Munde.

Wir können fehlen und fallen das habe ich selber auch so oft gethan, aber wir können uns wieder aufrichten, wenn wir nur ernstlich wollen. Du kannst Dich darauf verlassen, Thomas, daß, wenn wir uns nur ernstlich vornehmen, im Gebet und im Kampf ernstlich auszuharren und alles Mißgeschick zu überwinden, dann wendet der Herr unser Leben so für uns, daß wir siegen! Das thut er wahrhaftig."

Thomas sah sie staunend an.

Sie gab ihn: noch eine kleine Strecke das Geleite.

Böje wartet auf mich. Ich mutz auch nach Hause und an die Arbeit gehen." Sie zog .ein Packet hervor, das sie bisher unter dem Shawl verborgen hatte.Das ist Leder, das ich aus der Stadt geholt habe. Ich nähe Handschuhe für ein Geschäft."

Sie reichte ihm die Hand und sah ihn mit ihrem alten milden, innigen Blick cm.

Er fühlte einen brennenden Stich durchs Herz. Wes­halb schlang er nicht die Arme um sie und preßte ihr Antlitz gegen seinen Mund? Einen Augenblick wollte er es thun, aber eine innere Stimme sagte ihm, daß er sie damit für immer verlieren würde.

Leb' wohl, Thomas! Leb' wohl! Und denk' an die Möwe!--Du weißt ja."

Er ging weiter. Von Zeit zu Zeit wandte er sich um, aber ein Hügel entzog sie seinem Blick.Denk' au die Möwe!--Du weißt ja!"

Ja, er verstand sie sehr wohl, und sie sollte sehen, daß er sie verstand. In Gedanken durchlebte er die an­strengende Bootsfahrt, er dachte an die Kraft, mit der sie zugegriffeu hatte, als seine eigenen Kräfte erlahmten.

Den ganzen Kopf voller Gedanken, kam er nach Hause. Es war ihm sehr peinlich, daß sie in der Stadt umher­laufen und sich nach Arbeit umsehen mußte, daß sie demütig an den Thüren stand und wie eine Bettlerin um ein wenig Verdienst bitten mutzte.

Einige Tage später wurden wiederum fünfzig Kronen abgesandt.

Thomas nahm seine Arbeit auf dem Hof, in der Mühle und der Bäckerei wieder mit voller Kraft auf. Als einer der Müllergesellen krank wurde und sortgeschickt werden mußte, übernahm Thomas selber seine Arbeit. An allen Ecken und Kgnten sollte gespart werden. Er fuhr nur selten aus, und wenn Besuch zu ihm kam, so wurde dieser in aller Einfachheit bewirtet. Seine eignen Flaschen standen unberührt im Schrank. Er hatte ausgerechnet, daß er zwischen sechs- und siebenhundert Kronen jährlich sparen könne, wenn er den Flaschenkorb bei seinen Fahrten in die Stadt zu Hause ließ. Dies Geld sollte von nun an einen andern Weg wandern. Es lag eine unsagbare Befriedig­ung für ihn in dem klirrenden Metallklang, der sich vernehmen lieh, wenn die ersparten Geldstücke in seine Geldschieblade rasselten.

Aber er hatte auch Stunden der Mutlosigkeit, in denen es ihm schwer wurde, seinen Hals im Zügel zu halten; es brannte ihm vor der Brust, seine Kehle lechzte nach einem einzigen Schluck Rum; aber jedesmal, wenn er im Geist nach der Flasche griff, stand ihm Helene mit ihrem magern Antlitz und ihrem versengten Shawl vor den Augen.

Oft wurde es ihm schwer, das ersparte Geld zu-, fammenzuhalten. Die Zeiten waren ungünstig, eine For­derung nach der anderen trat an ihn heran, und am Horizont stand der Johannistermin wie eine drohende Wolke.

Mitte Februar, als Thomas wieder zur Stadt fuhr, lebte Böje noch; aber er lag bleich und mit erloschenen Augen da. Es war Thomas, als zeigten sich schon kleine, halbkngelförmige Vertiefungen in den geschlossenen Angen- lidern.

Anfang März aber kam ein Brief mit der Nachricht, daß es ihm besser gehe; er sei wieder außer Bett und säße bei seinen Pflanzen.

Gott mochte wissen, was daraus wurde!

Eine Schanze von Thontrögen mit Hyazinthen und Krokus stand im Fenster hinter den Blattgewächsen. Böje atmete mit Wohlbehagen den feinen Duft ein und schaute vou Zeit zu Zett nach dem gegenüberliegenden "Garten hinüber, wo ein Holunderbaum im Begriff war, sein grünes Gewand anzulegen.

Helene sah es seinen Augen an, daß die Hoffnung wieder in sein Herz eingezogen war. Sie faßte den Gedanken, daß vielleicht doch noch Aussicht auf Genesung für ihn sei, wenn er einige Monate in Holmstrup sein und Seebäder nehmen könnte. Wenn sie doch alle eine Zeitlang in das kleine Haus ziehen, in ländlichem Frieden leben und sich mit dem Alten versöhnen könnten, den si« nun seit über sieben Jahren nicht gesehen hatte.

Wir können Thomas nicht so überfallen", meinte Böje.

Aber ich könnte doch da draußen ebensogut für Geld nähen, wie hier, und dann könnte ich den Vater pflegen, so daß Thomas die Frau nicht zu halten brauchte. Vielleicht könnte ich auch bei ihm in der Wirtschaft helfen. Du kannst mir glauben, ich wollte schon zugreifem Bedenke doch, Hans, daß es sich nur um eins handelt, daß Du wieder gesund wirst!"

Während sie mrt ihrem ewig regen Geist an der Nähmaschine saß oder in der Nachbarschaft mit allerlei Haus- und Gartenarbeit beschäftigt war, ließ sich Böje ihren Plan durch den Kopf gehen. Allmählich verwuchs er derartig mit seiner neuerweckten Lebenshoffnung, daß er schließlich ganz erpicht auf die Ausführung wurde.

Der Wunsch, zu leben, sich geläutert und stark zu neuer Thätigkeit zu erheben, erfaßte ihn mit brennender Leidenschaft. Und war denn nicht schon einmal ein Wunder mit ihm geschehen? Er dachte an jenen Sommer zurück, wo sich der Strom des- Lebens stärkend über ihn ergossen hatte, er atmete die salzige Seeluft ein und fühlte das Wasser über seinen glücken gleiten.

Nun denn, in Gottes Namen, schreibe!"

Im selben Augenblick kam Rudolf, um nach ihm zu sehen.

Na, how do Hou do, Sir? Du siehst ja wahrhaftig ganz munter aus!"

Ja, ich glaube beinahe, ich erhole mich diesmal noch wieder."

Und weshalb nicht? ,Es hängt alles vom Schicksal ab', sagt Vater Plinius, und Dein Schicksal hat vielleicht noch das Beste für Dich in petto."

Das WortSchicksal" verletzte Helenes Ohr, aber sie war gar nicht aufgelegt, sich mit ihm einzulassen.

Böje that eine Aeußerung, daß er, falls er sich wieder erholen sollte, sein Leben in mancher Beziehung ganz anders einrichten werde.

Mehr Feuer dahinter setzen?"

Nein, mehr -Ernst hineinlegen. Wir haben recht viel Lärm gemacht, Rudolf."

Kann sein. Du! Mir ist die ganze Sache auch bald über. Seit mich meine reichen Freunde im Stich ließen, bin ich so wütend auf die ganze Gesellschaft, daß ich ihnen in der Berlingsken Zeitung wohl eine tüchtige Lektion unter Chiffre Z. erteilen möchte,"

Böje lächelte.

Nein", fuhr Rudolf fort, streckte sich und gähnte. Ich will nichts mehr mrt der Gesellschaft zu schaffen haben. Ich glaube, ich mache es wie Monrad und reise nach Neuseeland, und binde mir eine Hängematte unter den Palmen an."

Das war Böjes Plan nicht. Sein Interesse war zu lehr mit den Kämvfen der Gegenwart verknüpft, nament-