1902.
Monkag den 26. Mak.
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ifäSU er Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Angen verliert, geht noch immer geschwinder, als der ohne Ziel herumirrt.
_________Lessing.
Lsri~j l._l (Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bända» von Zacharias Nielsen. Autorisierte tteßerfc^img aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Ende Januar reiste Thomas wieder in die Hauptstadt, diesmal mit der Eisenbahn.
Es war ein glitzerndes Frostwetter mit hellem, sonnengesättigtem Reifnebel, die Fenster des Wagens waren mit einer wolligen Eisschicht überzogen, die hie und da von warmem Atem aufgetaut und von- dem Abdrucke eines Geldstückes durchbrochen war.
In seinem warmen Schafpelz saß er in der Ecke des Wagens und schaute aus die Nsflammen der Fenster- scheibeu. Er hatte sich vorgenommen, Helene heute nicht zu sehen, es war nicht gut für ihn.
Als sich der Zug der Vorstadt näherte, in der sie wohnte, griffen seine Hände nach dem Lederriemen, und er versuchte durch die aufgetauten Stellen zu sehen. Endlich lieh er das Fenster fallen und starrte hinaus, als gelte es, jede Sekunde zu benützen. Dort drüben hinter dem Friedhof mußte ihr Haus liegen — nein, weiter nach links — das kleine Haus mit dem Ziegeldach und der Manfarde--
„Wollen Sie, bitte, das Fenster schließen!"
Er kam der Aufforderung nach und lehnte sich in seine Ecke zurück. Das Blut.pochte ihm in den Schläfen wie nach einer harten Arbeit. Er versank in Gedanken- Ein Bild nach dem andern glitt an ihm vorüber —< aber nein, er wollte sie heute nicht sehen.
Es dämmerte bereits, als er seine Geschäfte beendet hatte. Langsam schlenderte er bis an die Pferdebahnstation. Welch ein Treiben und Wimmeln! Verteufelt schöne Figur, die da in Rot! — Jetzt kam eine Pferdebahn, die in der Richtung von Helenes Wohnung weiter ging. Er sah nach seiner Uhr. Es fehlten noch zwei Stunden bis zum Abgang des Zuges. Er konnte ja immerhin bis an den Frederiks- berger Schloßgarten fahren und dort ein wenig spazieren gehen. Nein, nein, er wollte nicht! „Kling!" ertönte es vom Wagen, die Pferde zogen an — und dann, im letzten Augenblick, sprang er doch hinauf.
Als er in die Nähe des Hauses kam, verzögerte er feine Schrntte und sah sich scheu nm. Ein wenig umnebelt bopr Wein und Arrak, schleichend wie ein Hund,
ging er lange auf dem Trottoir dem Hause gegenüber auf und nieder. War es nicht doch am besten, umzuq kehren? Er ging ganz dicht an das Haus heran — an den Fenstern war niemand zu sehen — noch konnte er um-, kehren. Nein, er mußte sie sehen, sie nur sehen, ihr! die Hand drücken, und dann wieder gehen.
Er ging einen Augenblick hinein. Helene war nicht! zu Hause.
Auf dem Rückwege begegnete er ihr.
„Aber Thomas! Bist Du es! Guten Abend! WoheV kommst Du? Bist Du bei uns gewesen?"
„Ja, ich war einen Allgenblick da und sah nach Böje.^
Sie reichte ihm die Hand und erzählte, welch eine Freude sein Besuch und der Brief ihres Vaters ihr gewesen.
Sie trug eine schwarze gesteppte Nebelkappe mit blau- seidenem Futter und war in den ihm so wohlbekannten: alten grauen Shawl gehüllt, der jetzt an dem einen Zipfel den versengten Albdruck eines Plätteiscns hatte. Ein mildes, wehmütiges Lächeln lag auf ihren Zügen, die Frostluft hatte einen feinen Rofenschimmer auf ihre Wangen gezaubert, die dunkeln Augen schimmerten hinter den schwarzen Wimpern, das Haar hatte noch seinen tief- schwarzen Glanz. Ihr von dem blauseidenen Futter umrahmtes Antlitz sah so fein und rein aus, wie sie in dem weißen Licht des Vollmondes vor ihm stand.
„Willst Du nicht mit mir umkehren, Thomas?" „Nein, ich habe keine Zeit."
„Wie fandest Du ihn?"
„Nun — ja!"
„Thomas, er stirbt bald!"
Ihre Augen füllten sich mit Thränen, und sie schwieg eine Weile, um die krampfhafte Starrheit §n bezwingen, die ihr die Luftröhre zuschnürte.
„Ich habe ihn so unsagbar geliebt! Es ist vielleicht merkwürdig, daß ich Dir das erzähle; aber ich kenne keinen Menschen, dem gegenüber ich mich so offen aussprechen kann, wie Dir gegenüber!"
Sie fragte nach ihrem Vater.
„Du mußt ihn herzlich von mir grüßen. Ich habe Dir noch so viel, so viel zu sagen! Du könntest mich doch wenigstens eine Strecke Weges begleiten, oder soll ich mit Dir kommen?"
„Ja, wenn Du magst?"
Sie legte ihren Arm in den seinen. „Du lieber^ guter Thomas!"
Es lag etwas so kindlich Zärtliches in der Art und Weise, wie sie ihre Hand unter seinen Arm bohrte, und in oem Blick, mit dem sie zu ihm aufsah.
„Friert Dich", fragte sie.
„Ja, es kommt vom Stillstehen."
Sie gingen eine Strecke.
„Und Deine Mutter!" rief sie plötzlich aus. „Das vergaß ich neulich ganz und gar. Es that mir so leid,, als ich hörte, daß sie heimgegangen sei?'


