Ausgabe 
26.4.1902
 
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Ter Engel der Liebe aber eilte tiber die Lande und brachte den Menschen das göttliche Geschenk das Lächeln unter Thränen.

Die Schattenseiten des Champagners.

(Nachdruck verboten.)

Wohl nieniand denkt beim fröhlichen Knallen der Cham- Pagncrpfropfen, beim Genuß des perlenden Sektes, daß dieser Göttertrank, der die Traurigen erheitert und die Müden wiederbelebt, auch seine Nachteile hat. Aber leider ist es so. Die Champagnerkeller sind ebenso traurige Stätten, wie die Blei- und Silberhütten, die Weberdörfer und hundert andere Heimstätten der Industrie, welche ihre Erzeugnisse in glänzendes Gold verwandeln.

Selbst dem Eingeweihten bietet der Anblick einer weit­läufigen, unterirdischen Welt, die von Millionen von Cham­pagnerflaschen belagert ist nnd in denen Weine im Werte von vielen Tausend Mark durch Röhren wie Wasser fließen, einen reizvollen, fesselnden Anblick. Aber diejenigen, welche dazu verurteilt sind, in diesen Kellern Tag für Tag zu leben und ihre schwere Arbeit zn verrichten, sind minder von dieser Welt entzückt.

Tie merkwürdigsten dieser unterirdischen Bacchustempel liegen unter der alten Stadt Epernay oder den römischen Architektur-Denkmälern von Rheims, wo die Gänge in den soliden Fels gehauen, sich meilenweit nach allen Richtungen ausdehnen, nnd wo sich, wie in einem Bergwerk, ein Tunnel unter dem anderen befindet. Bis zu einer Tiefe von 140 Fuß steigt man hinab, und all die weiten Räume sind von den Schätzen des Bacchus erfüllt.

An den Wänden der endlos langen Gänge sind hundert­tausende von Weinflaschen aufgestapelt, deren Inhalt den Klärungs- und Reifeprozeß durchmachen muß. Ein Spazier- H.ang, zwischen diesen Flaschenbatterien ist saft ebenso ge­fährlich, wie das Kreuzen der Schußlinie einer feindlichen Batterie; denn jeden Augenblick kann eine der Flaschen zerspringen nnd ihre Scherben mit der Wucht eines Shrap­nels gegen den Besucher schleudern.

Jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr tauchen Hunderte von Arbeitern in diese Gewölbe unter, und erst 12 Stunden später erscheinen sie wieder an der Oberfläche. Leider sind die Bedingungen, welche für das Gedeihen des Weines so günstig sind, für die menschliche Bevölkerung im höchsten Grade nachteilig. Während des ganzen Jahres, im Hoch­sommer wie im Winter, muß hier eine gleichmäßige Tempe- ratur von etwa 7 Grad Celsius erhalten werden, und die Luft ist so gesättigt mit Feuchtigkeit, daß das Wasser an den Wänden herunterläuft, und die Scheidewände zwischen den einzelnen Kellern davon durchdrungen sind.

, In den dunklen dunstigen Gängen hinter diesen Wänden befinden sickp die Arbeiter, deren einzige Aufgabe darin bestehr, die Tausende von Flaschen, eine naich der anderen, etwas zu schütteln, um einen Bodenansatz, der sich stets darin, bildet, in Bewegung zu bringen, itttb sie dann mit dem Hals nach unten in beit Flaschenrahmen zu stellen. Und dieses monotone Verfahren, wohl das langweiligste, das man sicb denken kann, wiederholt sich Stunde um Stunde, Tag um Tag, ein ganzes Leben lang. Und dazu die stete Kälte, Feuchtigkeit und Dunkelheit, welche die Borbeding­ung zur Erzielung eines guten fröhlichen Champagners bilden. Welch' ein trauriges Leben!

Ein geübter Arbeiter dieser Gattung dreht bis 60 Flaschen in der Minute und hält diese Geschwindigkeit zehn Stunden des Tages aufrecht, sodaß er in einem Tage 36 000 Flaschen durch seine Hände gehen läßt. Ist es da ein Wunder, daß diese Männer nach vielen Jahren einförmiger Arbeit ein absonderliches Gebahreu zur Schau tragen? Sie werden trübsinnig und still und nähren die sonderbarsten Ideen in ihrem Kopfe. Manche behaupten, daß es in den Gewölben spuke, daß aus den dunklen Ecken Augen ihnen bei der Arbeit zuschauen. Welch ein trauriges Leben! Es ist, als ob jemand gefesselt unter einer Gosse steht, während ihm Tropfen um Tropfen auf den Scheitel fällt. Er kann gar nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr denken.

Eine Klasse von Leuten giebt es in dieser unterirdischen Welt, deren Geschick etwas weniger traurig ist. Eine Ab- teilung besteht aus einer kleinen Schar von Männern und

Mädchen, die mit dem Zukorken, dem Befestigen der Zinn­kapseln und dem Etikettieren beschäftigt sind.

Tas Oeffnen und Wiederverschließen der Flaschen geht mit der fast unglaublichen Geschwindigkeit von 100 Stück in der Stunde vor sich. In dieser Zeit werden die Flaschen in schneller Folge von einem Knaben einem Arbeiter zu­gereicht, der mit erstaunlicher Schnelligkeit die Korken herausschlägt, etwaigen Bodenansatz entfernt, mitLikör" nachfüllt, und dem Korker zureicht. Das Verkorken geschieht schon seit einer Reihe von Jahren mit der Maschine, welche den Kork erfaßt, ihn in die richtige Form preßt und dann in den Flaschenhals treibt. Die Flaschen sind dann fertig und werden nur noch von den Mädchen mit Zinnkapseln und Etiketten versehen. H o o d.

Gemeinnütziges.

Kalte Füße und kalte Hände beim Radfahren. Viele Radfahrer und besonders Radfahrerinnen klagen über Kälte in den Händen und Füßen, wenn sie längere Zeit gefahren sind, obwohl eigentlich durch das Treten eine Bewegung der Füße bedingt ist, und dadurch das Kaltwerden gar nicht eintreten sollte. Die Ursache liegt, nach demPraktischen Wegweiser", Würzburg, in den allermeisten Fällen in einer unzweckmäßigen Bekleidung der Füße. Die Stümpfe werden vielfach von enganschlie­ßenden Strumpfbändern gehalten, die den Blutlaus be­hindern und Schnürfurchen an den Beinen hinterlassen, ebenso enganliegend sind die Strümpfe und besonders beim weiblichen Geschlecht auch die Schuhe. Zu kleine Schuhe . verhindern aber die nötige Wärme-Ansammlung im Schuh, der enganliegende Fuß hat nicht die nötige Bewegungsfreiheit, die Ausdünstung desselben wird be­hindert und die Folge ist das Kaltwerden. Das Gleiche gilt von den Händen. Wer poröse Wollhandschuhe trägt wird nicht über kalte Hände zu klagen haben, wie der Träger von Lederhandschuhen. S.

Wann sind Obstbäume richtig gepflanzt? Von 100 Bäumen werden 90 zu tief gepflanzt, das ist ein Erfahrungssatz, den jeder Praktiker bestätigt. Das Tief­pflanzen hat schlechtes Gedeihen, Unfruchtbarkeit und Krankheiten im Gefolge, weil der Baum durch den tiefen Stand an der Entwicklung neuer Wurzeln gehindert wird. Das Zutiefpflanzen muß deshalb vermieden werden, ivenn unser Obstbau allgemein blühen soll und wer gepflanzt hat, sollte heute noch seine Bäume daraufhin ansehen. Findet er zu tiefe Pflanzung, gleich heraus mit den Stämmen und neu gepflanzt. Wie muh man nun pflanzen? 20 Zentimeter soll der Wurzelhals über dem Boden stehen! Unten in das Pflanzloch soll nie Dünger hinein kommen, obenauf ist er dienlich. Eine längere, sehr drastisch geschriebene Schilderung über richtiges Pflanzen finden wir in Nr. 2 desErfurter Führers im Gartenbau" unter dem Thema:Zu tief ist falsch, gerade richtig ist auch falsch, zu hoch wird richtig." Da unseren Lesern diese Nummer kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittels Postkarte an das Geschäftsamt des Erfurter Führers" wenden, dürfen wir sie wohl auf diese Studie über das Baumpfflanzen aufmerksam machen.

Bilderrätsel.

(Nachbildung verboten).

(Auslösung in nächster Nummer.)

Ä

Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe

Redaktion: I. V.: R. Dittmann. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.