Ausgabe 
26.4.1902
 
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blick an, wo ich mir darüber klar wurde, welche Art das Verhältnis zwischen uns sei, erstand eine neue Kraft in mir. Ich war erstaunt, verwundert nie zuvor hatte ich ein Herz kennen gelernt, das so für mich schlug. Allein das Bewußtsein, daß Sie mxdy den Tag über in Ihren Gedanken trugen, war hinreichend, um mich mit einer Spannung zu erfüllen, mit einer Unruhe--und von dem Augenblick

an, wo ich hörte, daß Sie frei waren, stiegen Gedanken in mir auf, oie mir sagten, daß der liebe Gott mit uns beiden etwas im Schilde führe. Glauben Sie das nicht selbst, Helene?"

Seine Worte vermehrten ihre Angst, riefen aber gleich­zeitig ihren Geist wach, auf der Hut zu sein.

Ich bin nicht frei, Böse! Erinnern Sie sich nicht dessen, was Sie selber über Verlobungen gesagt haben?"

Ja, aber Sie haben docy das Verhältnis nicht gelöst. Sie tragen keine Schuld daran; außerdem waren unsere An­schauungen damals wohl ein wenig einseitig."

Ich kann mich- nicht von dein Gedanken freimachen, daß die Schuld an mir lag, und darin irre ich auch nicht. Ach, id) habe ein so inniges Mitleid mit Thomas ich weih, daß er zu Grunde gehen wird."

Nein, das wird er nicht. Thomas ist eine starke Natur, er wird sich in die Verhältnisse finden und einsehen, daß alles eine Schickung des Herrn war."

Böse, ich glaube, wir dürfen den lieben Gott nicht allzuviel in die Sache hineinziehen."

Haben wir denn irgend eine Schuld auf dem Gewissen? Ist unser ganzes Verhältnis bis zu diesem Augenblick nicht so rein gewesen, wie das zweier Kinder?"

Ja von Ihrer Seite wohl aber"

Sie schwieg und faßte in einem Gefühl alle die heißen, aufrührerischen Gedanken zusammen, die sie daheim mit sich Herumgetragen alle diese schuldbeladenen Wünsche, die ihn früh und spät umkreist hatten, während sie einem andern Treue heuchelte. War es nicht grausam, daß sie alle die Wochen und Monate, während sie an ihrer Aus­steuer nähte, ihn auch nicht einen einzigen Augenblick aus den Gedanken gelassen hatte?

Womit sollten Sie gesündigt haben?" fragte er sie.

Ich kann es nicht so recht sagen, aber ich habe ein Gefühl, als sei ich! Thomas untreu gewesen, als habe ich- mich- gegen meinen Vater, gegen meine ganze Vergangen­heit aufgelehnt. Und doch weiß ich ganz genau ach, ich weiß es so sicher und wahrhaftig daß ich das Ge­schehene nicht verhindern konnte."

Und weshalb konnten Sie es nicht? Weil etwas Neues in Ihnen erwacht war, etwas, das tausendmal stärker war, als Ihr Wille, stärker als der Wille der ganzen Welt. Und wenn ich Ihnen nun sage, daß dasselbe starke, innige Gefühl -"

Böse, ich- fürchte wirklich, daß jemand"

Er dämpfte die Stimme, gab aber den Worten einen um so wärmeren Klang.

Ich- kann mit voller Wahrheit sagen", er legte den Arm leise um ihre Tailledaß Sie meine innerste Natur wachgerufen, mir einen Mut, einen Glauben ans Leben ge­geben haben, wie ich ihn nie zuvor besessen!"

Ter Wind drang in warmen Zügen zu ihnen mit einem säuerlichen Duft von Gras und Wasserpflanzen, be­rauschende Erinnerungen an jenen Sommertag im Birken­moor in ihr wachrufend. Ihre Brust zog sich krampfhaft zusammen, sie mußte sich von Zeit zu Zett aufrichten, um atmen zu können.

Endlich erhob sie den Blick zu ihm; da sie aber im selbeu Augenblick einen wunderlich fremden Schimmer, ein heißes Verlangen in seinen Augen zu entdecken glaubte, durchzuckte sie ein Angstblick gleich einer Warnung von oben, und mit einemNein, nein!" riß sie sich von ihm los und eilte über die Brücke.

(Fortsetzung folgt.)

Das Lächeln unter Thränen.

Von MaxBraunschweig.

(Nachdruck verboten.)

Wieder ließ sich Gottvater von den Engeln berichten über der Menschen Thun und Treiben. Einer nach dem Andern traten die himmlischen Sendboten vor des All­mächtigen Thron und meldeten, was sie auf der Erde ge­sehen.

Wie Neid und Mißgunst wuchern, wie allenthalben Hader und Streit herrsche, erzählte der Engel der Zwietracht. Von der Menschen Thorheit und Eitelkeit, von Lüge und Sünde sprach ein Anderer. Daß er in manchen Landen unermüdlich forschenden Geist und nie rastende Thätigkeit gefunden, kün­digte der Engel der Arbeit. Und alle die Anderen, wie sie nur heißen mögen, traten heran, um von ihren Erlebnissen auszusagen. So berichtete ein Jeder, und der Herr hörte, ihnen schweigend zu. Noch immer saß Gott in Schweigen da, das Haupt gedankenschwer. Erst jetzt bemerkten die Heerscharen, daß einer von ihnen fehle. Bestürzt schauten sie erdwärts, sie sahen nach dem Lieblingsengel des Herrn aus. Ter aber flog gerade durchs Himmelsthor.

Tie Liebe! Der Engel der Liebe!" riefen sie flüsternd.

Ter Engel der Liebe?" fragte Gottvater, ohne auf­zublicken.

Ja, Allmächtiger, ich bin es, den Du der Liebe Enge» nennst", entgegnete dieser und trat bescheiden an die Stufen des ewigen Thrones.

Von wannen kommst Du und so spät?"

Bon der Erde und den Menschen kehre ich zurück, Herr der Welten!"

Berichte!" befahl Gott.

Da Hub der Engel der Liebe an zu erzählen von ge- schlichtetem Völkerstreit, vom wiedergefundenen Sohn, von versöhnten Gatten, von manch stillem Friedenswerk, von allem, was Gutes und Schönes sein Erscheinen gestiftet.

Ich verzeihe Dein Verweilen auf Erden! Du hast die schönste Pflicht zu üben, doch auch die schwerste!" sprach der Herr.Zieht hinaus, meine Boten, aufs neue Eures Amtes zu walten!"

Nach allen Richtungen fuhren die Heerscharen ausein­ander, nur der Engel der Liebe blieb, als harre er des Allmächtigen Frage.

Weshalb steigst Du nicht erdwärts? Hast Du ein Begehr?" forschte Gott.

Ja, gütiger Vater, ich- habe eine Bitte an Dich, eins Bitte für meine Schutzbefohlenen."

So nenne sie!" Und das Auge des Ewigen lächelte.

Tie Liebe sprach:Auf meinen Wegen kam ich in ein rauhes Land, das abseits liegt, vergessen von den Menschen. Meereswogen schlagen an den kahlen Strand, und Dünen, Haide, Moor m. wilde Wälder trägt der harte Boden, Er spendet nicht gutwillig Nahrung, nach mühevollem Ringen mit der spröden Scholle ziehen sie die Frucht und bergen sie in ihren windumtosten Scheuern. Wie jenes Land, sind seine Mensch-en, von außen rauh und hart, doch innen ruht der goldene Kern.

Tort trat mein Fuß in eines Tagelöhners Hütte, auf armem Lager harrt sein Weib der schwersten Stunde ent­gegen. Du hast. Allmächtiger, Deinen gewaltigen Schwur gethan, da Du die Erdenkinder aus dem Paradiese banntest, und hältst ihn am Manne, daß er im Schweiße seines Angesichts arbeite, am Weibe, daß es mit Schmerzen Kinder gebäre. Der Mann verrichtet sein schweres Tagewerk unter Anstrengung und Entbehrung. Das Weib lernt jetzt Tein unbrechbar Wort kennen. Ich stand an ihrem Lager und sah der jungen Mutter schmcrzumzuckte Züge und angsterfülltes Zittern, und hörte ihr thränen- schweres Stöhnen und wortloses Seufzen. Ich sah den sorgenbelasteten Mann, unruhvoll bangend um seines Weibes Leben, wie seine feuchten Augen in inniger Liebe ihr Trost- um Trostwort zusprachen. Sein Mund blieb stumm. Da goß ich milden Schlaf über das Weib und Mut in die Brust des Mannes, daun flog ich hinauf."

Und Deine Brite, Engel der Liebe?"

Du hast es selbst gesagt, Allmächtiger, die Liebe fordert nicht."

Zur Erde schwebe, Geist der Liebe! In jene Hütte, jenes rauhe Land zieh' aus und fliege hin durch alle Welt, wo man mir dient. Küsse die Augen der jungen Mutter und küsse die Augen des jungen Vaters, und küsse jedes Auge meiner Menschenkinder. Des tiefsten, stummen Schmerzes Sprache sei auch die Sprache höchsten, stummen Glücks!"

In die Hütte des Tagelöhners trat der Bote Gottes und that wie ihm geheißen. nUd als das Kind geboren war, glitt über das Antlitz der Eltern ein Leuchten unsagbarer; Seligkeit, aus ihren Augen strahlte thrünenverklürtes! Lächeln.