246
gesündigt hatte — jedenfalls betrachtete sie es jetzt als ihre Pflicht, sich seinem Willen M beugen.
Schließlich zwang das Gewissen sie, Papier und Feder hervorzuholen und um Vergebung zu bitten. Sie schrieb zweimal- „Ziehe zu mir, mein Vater", hieß es in dem letzten Brief, „ich will Dich pflegen, so gut ich nur kann, und mit Gottes Hilfe werden wir beide mit dem auskommen, was ich verdiene."
Er würdigte sie keiner Antwort.
Sie war namenlos unglücklich. Es war ihr, als stecke sie tief in Haufen von Schuld, die sic zu ersticken drohten.
Und dann Thomas — der liebe, gute Thomas, der gewiß todunglücklich war! Sie sah jetzt immer mehr ein, daß sie und nur sie allein die Schuld an dem ganzen Unglück trug. Weshalb hatte sie ihre Liebe zu Boje nicht unterdrückt oder dafür gesorgt, daß er ging, als es noch Zeit war?
Nur eins vermochte ihren Schmerz zu mildern: der unerschütterliche Vorsatz, der Liebe, die in ihrem Herzen brannte, nicht nachzugeben, selbst wenn Böje sie aufsuchen und um ihre Hand bitten sollte. Sie fand eine Erleichterung, indem sie sich früh und spät mit diesem Vorsatz peinigte. In einer lebenslangen verzehrenden Qual sollte ihre Buße liegen.
Da begann ein Gedanke, mit dem sie sich schon früher beschäftigt hatte, festere Gestalt in ihr anzunehmen — der Gedanke, nach Holmstrup zurückzureisen und alles wieder ins alte Geleise zu bringen. Hier in der Stadt würde sie ja doch niemals Ruhe finden, Gott hatte ihr einmal ihren Weg vorgeschrieben, den mußte sie gehen.
Sie grübelte, bis sie oft ganz ivirr ward, aber es war, als umgaukele ihr eine geheimnisvolle Macht die Sinne und leite sie auf Irrwege, so daß sie die Kraft verlor, auf eigene Hand zii handeln.
Den ganzen Winter führte sie ein abgeschlossenes Leben, sich völlig ihrer Schularbeit widmend.
In der freien Zeit dachte und grübelte sie. Gleich Aeskulaps Schlange spähte ihr Gedanke nach den Heilkräutern aus, aber sie fand nur Dornen und dürre Stengel.
Als die Wipfel der Bäume zu grünen begaiinen, und der Duft des frischen Grases durch ihr Fenster drang, erwachte in ihr eilte unwiderstehliche Sehnsucht, in den großen lichten Raum hinauszukommen, wo die Gedanken sich erheben konnten, ohne gegen die Zimmerdecke zu stoßen.
So ging sie denn jeden Morgen, wenn sie ihr Haus besorgt hatte, in das nahegelegene Gehölz hinaus, wo sich ihre Stimmung in langen Atemzügen Lust machte.
Sie fühlte sich sehr gestärkt durch diese morgendlichen Spaziergänge und setzte sie den ganzen Frühling hindurch fort. Wie schön war es zu so früher Stunde, wenn die Morgenröte durch die gewölbten Laubkronen schien und den jungen Blättern einen lichten, seidigen Schimmer verlieh! Von allen Seiten Zwitschern und Piepen, überall munteres Flimmern von Sonnenflecken und kleinen bunten Flügeln und dazwischen ein kühler Lnfthauch, der die Mange streifte, und ein leichtes Zittern in dem seinen Cpitzenbehang des Laubes.
Dort barst die Schicht des langverhaltenen Schmerzes in ihrem Inneren, dort machte sich, ein unklares Sehnen geltend, ein süßes, gualvolles Verlangen, das wie eine fieberhafte Angst auf ihr Gemüt zurückwirkte.
Da konnte sie plötzlich stehen bleiben, sich nach dem Kops greifen, und sich auf eine Bank niederwerfen. Was wurde ihr der Sommer bringen?
Eines Sonntagnachmittags, Eiide Juni, wagte st? sich in den Frederiksberger Schloßgarten, wo sie nie zuvor gewesen war.
®1C war kaum durch die Pforte gegangen, als der Anblick der vielen Menschen, die in den Steigen auf und ab wogten, sie erschreckte, sodaß sie nahe daran war, umzn- wendcn. Ta sic aber bemerkte, daß ihr auch nicht ein einziger Mißtrauischer Blick begegnete, daß im Gegenteil alle so heiter und wohlwollend aussahen, faßte sie Mut, einen Gang durch den Garten zu machen.
Auf der schräge abfallenden Rasenfläche unten vor dem Schlosse tummelten sich Hunderte von frohen Menschen im lustigen Greifspiel. Hier stürmten ein hinkender Handwerks-
G»
bursche und ein dickhalsiger Artillerist in wildem Wettlauf dahin, hinter einem langbeinigen jungen Mädchen her, dort kreischte eine korpulente Madame in den starken Armen eines Gardisten zur unbeschreiblichen Erheiterung des Ehegatten, der gemächlich auf dem Magen int Grase lag. Ringsumher Blitze von Knöpfen und Tragbändern, Rascheln von srischgewaschetien Kleidern, Schreien und Lachen — ein ewiger Wechsel von Farben b Stellungen — und über dem Ganzen der Glanz des jungen Sommertages.
Sie hatte sich in dem breiten Weg hingestellt, wo eine ZHar von Menschen jeglichen Alters stand und dem frohen Volksleben zuschaute. Plötzlich erschallte hinter ihr ein Geräusch, gefolgt von vielstimmigem Geschrei. Alles stürzte nach dem Kanal hinab, wo ein Knabe ins Wasser gefallen war. Zu Tausenden strömten die Menschen herbet, sich Bahn brechend, währetid die dem Wasser Zunächst steh enden unter Rufen und Schreien bemüht waren, die Menge zurückzuschieben. Ein wildes Gedränge entstand. Flüche und Schreie ertönten von allen Seiten, Schultern wurden gegeneinander gepreßt, Ellbogen in Brustkasten und Rückenwirbel gebohrt. Helene, die sich mitten im Gedränge befand, zitterte vor Angst und war nahe daran, in der warmen Luft zu ersticken.
„Nur nicht verblüfft, Kleine!" sagte ein nach Branntwein stinkender Kopf neben ihr, und ein Arm legte sich um ihren Hals.
Sie stiech eitlen Schrei aus und wehrte den Frechen ab.
Im selben Augenblick wurde die ganze Menge wie durch einen gewaltsamen Druck beiseite geschoben.
„Ach, wie komme ich nur hier heraus!" Da entdeckte sie wenige Schritte von sich das von einem dunklen Bart umrahmte Gesicht eines Mannes, der sie mit innig et Freude anstarrte.
Menschen, Bäume, alles um sie her verschwamm in einer völligen Finsternis.
Im nächsten Augenblick hatte er sich mit ein vaar kräftigen Stößen zu ihr durchgearbeitet; er legte ihren Arm! in den seinen und bat sie, sich festzuhalten. Indem et sie mit dem linken Arm gegen das Gedränge beschützte, suchte er rückwärts mit ihr aus der Menge zu gelangen, und nach einem langen Kampf, der eine warme Röte auf seine Wangen zauberte, gelang es ihm endlich, sich sreizumacheu.
Ein tausendstimmiges Hurra erschallte im selben Augenblick zu Ehren eines Schusterjuiigen, der in den Kanal gesprungen war und den Knaben herausgefischt hatte.
Daß ich Ihnen hier begegnen sollte, Helene!"
Sie war vor Verlegenheit nicht int stände, ein Wort hervorzubringen, und bemühte sich- ihm ihren Arm zu entziehen.
„Gott sei Lob und Dank, daß ich Sie erblickte!" fuhr er fort. „Ich habe so viel an Sie gedacht."
„Ach, Böje — lassen Sie mich gehen!"
Er hielt sie zurück. „Glauben Sie, daß ich Ihnen ein Leid zufügen will?"
Willenlos folgte sie ihm in das an den Schlo^garten grenzende Gehölz, sie wußte nicht, was sie auf seine Fragen antwortete, sie empfand eine namenlose Angst, als gleite sie aus, in Sünde und Finsternis hinein.
Aus den unzusammenhängenden Antworten, die seine Fragen ihr abzwangen, begriff er, daß sie von Hause fortgejagt war, wie eine Unreine, und daß sie alle diese Monate hindurch in Kummer und Entbehrungen gelebt hatte.
Sie nahmen Platz auf einer Bank an dem südlichen Rande des Gehölzes, wo Rinnen und Kanalwindungen in einer moorartigen Niederung zusammenströmen mit einem rieselnden Ablauf nach Valb! zu.
Er konnte den Blick nicht von ihr lvsreißen. Wie hatten die Leiden sie verschönert! Ihre ganze Erscheinung war feiner geworden, der Ausdruck pes Gesichts edler, auf den Wangen glühte ein zarter Hauch von blassem Rosa, das unvergleichlich schön zu den langen schwarzen Wimpern 'tand.
Seine mühsam zurückgehaltenen Gefühle brachen in einem Strom von warmen Worten hervor; sie sah sich ängstlich nach allen Seiten um, als fürchte sie, daß jeder, der ie sah, sie für eine Frau halten müsse, die aus verbotenen Wegen wandelte.
„Sie ahnen nicht, Helene, wie jedes noch so kleineTrostes- wort von Ihnen mir Kraft verlieh I Und von dem Angen-!


