(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Einsam und verlassen, wie sie sich fühlte, lebte sie so zurückgezogen als nur möglich, fern von dem Treiben der Welt. Ter Bruder und die Schwägerin waren die einzigen Menschen, mit denen sie verkehrte, aber selbst vor ihnen empfand sie Scheu, denn sie fühlte, daß sie sie Halbwegs wie eine Gefallene ansahen.
Wie konnte es sie empören, daß man sie der Leichtfertigkeit verdächtigte! Es gab Zeiten, wo das Unrecht, unter dem sie litt, einen wilden Rachedurst in ihr erzeugte; aber wenn sie dann an die zufammengebrochene Gestalt dachte, die an jenem Tage in dem kleinen Stübchen vor ihr gestanden hatte, an diesen Wann, den die Liebe und das Glück emporgehoben hatten, der jetzt aber wahrscheinlich gebrochen war und in den Schlamm hinabsinken würde, da neigte sie ihr Haupt und weinte in schmerzlicher Verzweiflung, erfüllt von einem unklaren Gefühl der Schuld und der Reue.
Oft, besonders an einsamen Abenden, stieg ein anderes Bild vor ihr auf. Dies offene, schöne Antlitz, diese tiefen Augen, diese reinen, festen Linien, diese klangvolle Stimme, die bis ins Innerste der Seele drang — —! Edel und gut war er, wie kein zweiter Mann auf Erden, und doch — ach, warum mußte es so sein? — doch war es ihr, als fülle sich die Stube jedesmal, wenn sie an ihn dachte, mit Sünde.
Weshalb hatte Gott ihn zum zweitenmal auf ihren Lebenspfad gesandt?
Hätte Gott nicht auch einen andern Ort mit Seebädern Und liebevoller Pflege für ihn finden können? Dann wäre daheim a lles seinen ruhigen Gang gegangen, dann wäre dres ganze Unglück nie geschehen. Gott wußte ja recht gut, wie es enden würde!
Mer hatte sie selber nicht auch vorausgesehen, wie es kommen mußte? Weshalb hatte sie sich nicht, wie jene ängste
Samstag den 26. April.
1902. — Nr. 62.
ft eine Menichenart auf Erden, Die muß wie Buchsbaum gehalten werden. Den muß man stets l erunter schneiden, Sonst wird er lästig und unbescheiden.
Doch knapp gehalten und brav gestutzt, Ist er recht brauchbar, ziert und putzt."
Joh. Trojan.
erfüllte Eingebung im ersten Augenblick ihr zugeflüsterth seiner Aufnahme in Thomas' Heim widersetzt?
Ja, weshalb? Weshalb? Was helfen alle diese Fragen, die uns quälen, bis das Hirn schmerzt, und die doch schließlich stets damit enden, uns unsere eigene Schuld klar zu machen.
Aber wenn sie deswegen auch im ewigen Feuer schmacht teil sollte, so konnte sie es jetzt trotzdem nicht lassen, ihn zu lieben. . T 1
Wieder und wieder mußte sie an ein glückseliges junges Liebespaar denken, das sie eines Tages auf dem Bahnhof in Kopenhagen gesehen hatte. Sie hatte ihre Schwägerin dorthin begleitet pnn'd stand jetzt in der Vorhalle und sah die Hill und her eilenden Scharen an, die mit dein nächsten Zuge fahren wollten. Ein junges Mädchen im Reisekleide, sie mochte kaum mehr als siebenzehn Jahre zählen, ging bleich unb unruhig vor der Eingangsthür auf und nieder und schaute über beit Platz, wo sich Menschen und Wagen in endlosem Gewimmel dlrrcheinaüder bewegten.
Sie wartete offenbar auf einen Reisegenossen und schien sehr besorgt, daß dieser nicht rechtzeitig kommen würde. Endlich rollte eine Droschke vor das Portal und heraus sprang ein junger Mann, dem man den Künstler auf den ersten Blick ausah. „Eck, Eck!" rief das junge Mädchen und stürzte freudestrahlend auf ihn zu. Ein paar Koffer wurden vom Bock gehoben und hineingetragen, der Kutscher erhielt seine Bezahlung und der Wagen fuhr von dannen — das Ganze war ein Moment gewesen. Als aber das junge Paar zur Abreise fertig war unb in dem dunklen Raum vor dem Martesaal anlangte, blieben sie einen Augenblick stehen, schlangen die Arme umeinander, küßten uirb preßten sich leidenschaftlich und traten dann in den Saal ein.
Wie ging es nur zu, dan der Anblick dieser beiden sie so schmerzlich berührt hatte, und daß noch oft, wenn sie sich ihr Bild'ins Gedächtnis zurückrief, ein Gefühl unsagbarer Armut, tiefsten Elendes sie befiel! Weshalb sollte ein Mensch im Glück schwelgen, während der andere wie ein Wrack an einer Felsklippe zerschellt wurde?
Menn er nun eines Tages zu ihr ins Zimmer trat!
Sre konnte förmlich erzittern bei diesem Gedanken. Das Mort „Liebhaber" surrte ihr noch in den Ohrien. Mi« krümmte sich ihr Herz nicht unter der Beschuldigung, di« mit diesem häßlichen Wort gegen sie und ihn geschleudert ivar! Aber ihr Vater konnte ganz ruhig sein!
Tie Roheit, mit der sie am letzten Abend in der Heimat behandelt worden war, hakte ihr Verhältnis z!um Vater völlig verrückt; aber allmählich, im Laufe der Monate, drängte sich das vierte Gebot wie mit einer Donnerstimme auf, und mit der von der Mutter ererbten Neigung, stets nach einer Schuld in ihrem Innern zu suchen, verschob sich der Gesichtskreis, von dem aus sie das Verhältnis betrachtete, allmählich derartig, daß sie diejenige war, die gegen ihn


