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Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Berlag der Brübl'schen Universitats-Buch- und Steindruckerei ^Pietsch Erben) in Gießen.
In Ende.
Ich plötzlich Ich
der vierten Nacht aber fand das Schauspiel sein war in einen leichten Halbschlaf verfallen, doch erwachte ich bei dem Klirren des Fensters.
lag, das Auge auf die Oeffnung gerichtet, durch
Jetzt fuhr em zackrger Blitz durch die Nacht. Ein grollender Donner folgte, — der Graf fuhr erschreckt von seinem Bette auf.
Ich zündete Licht an und eilte zu meinem Freunde.
Ich fühlte ihm den Puls. „Was soll das jetzt?" rief er verdrießlich, „es ist alles vergeblich"
„Sei vernünftig! — Es muß sein. Ich will Dich einer schrecklichen Gefahr entreißen. So — nun mach! den Arm frei — ich muß die Haut untersuchen. — Warte, ich hole das Mikroskop!"
„Ich verstehe Dich nicht — was soll das alles?"
„Ich werde Dir erklären, — ich glaube des Rätsels Lösung gefunden zu haben."--
Als das Mikroskop zur Stelle war, untersuchte ich sorgfältig die Haut 'des Patienten. Plötzlich stieß ich einen Ruf der Ueberraschnng aus; ich, hatte gefunden, wonach ich suchte. Am Handgelenk und an den Armen befanden sich winzige Punkte, die durch das unbewaffnete Auge nicht wahrgenommen werden konnten, und durch welche auf irgend eine Weise ein langsam wirkendes, aber tätliches Gift dem Grafen eingeflößt worden war.
„Die Worte, welche Du vor einigen Tagen aussprachst, trafen das Rechte. Du wirst langsam gemordet."
Er sprang von seinen: Stuhle auf, sank jedoch mit einen: Schmerzensruf zurück' und preßte die Hand aus die Brust. Die plötzliche Erregung war zu viel für das geschwächte Herz; doch nach einigen Minuten erholte er sich.
„Um Gotteswillen! erkläre mir —"
, „Gut!" antwortete ich. „Wenn ein Verbrechen im Spiele ist, so muß es auch ein Motiv haben. Das einzig denkbare Motiv ist aber, Dich ans dem Wege zu räumen, um in den Besitz Deines Vermögens zu gelangen. Als Du mir erzähltest, daß im Falle Deines Todes das Gut an einen fernen Verwandten fallen würde, der in Indien gewesen, ■ griff ich zu einem alten Buche über Gifte. Es ist Eigentum unserer ausgezeichneten Stadtbibliothek. Ich entdeckte, daß in Indien ein gewisses Gift angewandt wird, welches die bewußten Krankheitssymptome hervorruft. Daß das Gift auch mit einer Spritze eingeflößt werden könnte, daran dachte ich erst heute nacht, da ich — den Schurken —i an Deinem Bette sah. Bei Nächt, im Schlafe ist Dir das Gift eingeimpft worden. Aber noch ist. es Zeit, Dich zu retten."
Der Graf erbleichte und konnte kein Wort hervorbringen.
Während der drei folgenden Nächte lag ich im Schlafzimmer verborgen, den Revolver schußbereit in der Hand, den Blick unverwandt aus das geöffnete Fenster gerichtet. —i Doch nichts geschah.
meinen Revolver erhob und feuerte.
Ein Schrei folgte dem Schüsse. — Die dunkle Gestalt fiel mit schwerem Krachen zu Boden.
Sofort entstand die größte Bewegung und Verwirrung. Die Dienstboten stürzten in das Zim:ner. Auf dem Fußboden lag der Körper eines Mannes mit einer Schußwunde in der Schulter — der Körper des Schurken, der schon zwei Menschen getötet hatte und im Begriff war, einen dritten zu töten — meinen Freund.
Edgar erkannte in ihm seinen Verwandten aus London — den Mann, der Horstehude geerbt hätte, wäre sein teuflischer Plan gelungen.
Die Schußwunde war nach! wenigen Wochen geheilt —: er sollte dem Zuchthaus nicht vorenthalten werden. — Im
welche der Unbekannte kommen mußte. — Und er kam.
Es war kein Gespenst — ein Mensch.von Fleisch und Blut ■— und sogar eine sehr kräftige, robuste Gestalt.
Langsam kroch der Schurke an den scheinbar Schlafenden heran und berührte ihn eben mit einer feinen Nadel, als ich
vorigen Jahre ist er in diesem verschieden.--,
Nachdem ich das Uebel selbst erkannt hatte, gelang es mir, Edgar von demselben vollständig zu befreien. Er ist mir ein wirklich dankbarer Freund geblieben und hat seine Liebe und Treue auch aus meine Tochter übertragen, welche vor einigen Jahren seine Frau wurde und an seiner Seite ein überaus glückliches Leben führt."
meinen Patienten das ganze Leben lang keine bessere wünschen mag.
Was >var nun zu thun?
Ich hatte die Dienerschaft fast unausgesetzt beobachtet. Ich studierte jede Bewegung der Leute, ihr Mienenspiel — ich bildete mir ein, alle Künste eines Kriminalkommissars anzuwenden, aber nichts, absolut nichts wurde entdeckt. Hin und wieder tarnen einige Herren und Damen Uns der Nach? barschaft — ich schöpfte gegen alle Verdacht und alle beobachtete ich! mit Argusaugen.
Der Zustands des Grafen verschlimmerte sich nicht jäh, aber doch so, daß ich dies jedesmal bei Untersuchung des Herzens zu konstatieren vermochte. Ich zermarterte mein Hirn, um einen neuen Weg zur Lösung des Rätsels zu finden. In einer Nacht, als ich so grübelnd auf meinem Bette saß, fiel es mir ein, daß es noch einen Verdächtigen geben könne — Edgar selbst. Der Gedanke fuhr mir blitzschnell durch den Kopf, ohne daß ich mir Rechenschaft von dem „Wie" und „Warum" zu geben vernwchte. Bei Tage geschah nichts Verdächtiges, das wußte ich nun genau — über bet Nacht?
„Wie steht es mit Deinem Schlaf", fragte ich Edgar am nächsten Morgen.
„Darüber habe ich mich noch nicht beklagen können", erwiderte er ganz harmlos.
„Es würde :nich aber sehr beruhigen, wenn ich hier bei Dir bleiben könnte", erwiderte ich Denn wenn eine Krisis eintreten sollte —"
„Sage die Wahrheit! ich werde bald sterben."
„Dein Befinden gießt allerdings zur Besorgnis, aber noch keineswegs zu Befürchtungen Anlaß. Indessen möchte ich nichts versäumen. Laß mich hier nebenan in Deinem Arbeitszimmer schlafen."
„Einverstanden! Ich werde das Zimmer einrtchten lassen.", _
„Nicht doch! — ich° werde auf dem Kanapee schlafen. Glaube mir — es ist das beste so — man darf die Dienerschaft nicht stutzig machen."
Dieser Einwand überzeugte ihn.
Ich hatte mir vorgenommen, nicht einzuschlafen. Das wurde mir nicht schwer — denn ich befand mich, in einer hochgradigen Aufregung,
Der Graf hatte die Gewohnheit, bei offenem Fenster zu schlafen, er hielt einen Oberflügel des Fensters offen. Ich konnte diese Maßregel aus hygienischen Gründen nur billigen, zumal das Fenster nach dem herrlichen Park hinaussah. Indessen hatte ich angeordnet, daß der Flügel bei regnerischem oder stürmischem Wetter geschlossen werden sollte.
Das fiel mir jetzt wieder ein, und ich dachte daran, das Fenster zu schließen, da ein Gewitter heraufzukommen drohte.
Als ich aber auf der Schwelle zwischen beiden Zimmern stand und den Grafen im festen Schlaf bemerkte, ging ich wieder nach meinem Lager zurück. Ich wollte ihn nicht stören. Kam das Gewitter herauf, fo war es immer noch Zeit, ihn zu wecken.
Da sich nichts Besonderes ereignete, so begann ich ruhiger zu werden und ivieder an die natürliche Entwicklung einer vererbten, wenn auch noch unaufgeklärten Krankheit zu glauben. Es ist ein Phänomen, aber wie oft müssen wir uns mit einem solchen abfinden?
Da plötzlich hörte ich ein merkwürdiges Geräusch an der Frontwand: Ein Rauschen des Laubes, mit welchem das Gebäude berankt war, dann das Schürfen eines harten Gegenstandes auf 'dem harten Wandputz. Ich glaubte vor Schreck zu erstarren. — Dann ein leises Klirren an dem Fenster des Schlafzimmers.
Ich wagte nicht zu atmen.
Das Fenster konnte ich von meinem Lager aus nicht sehen, aber ich hörte ganz deutlich, wie sich etwas auf leichten Sohlen nach dem Bette des Patienten schlich.
Ich weiß nicht, was mich an mein Lager gefesselt hielt, die Furcht vor dem Unbekannten oder das Verlangen, des Rätsels volle Lösung zu erfahren.
Mir war, als hätte ich. im Dunkel einen schwarzen Schatten gesehen, aber im nächsten Moment hörte ich w:eder das Scharren und Rauschen an der Außenwand.
Hatte ich geträumt?
War es ein Trugbild meines überreizten Hirns?


