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Ein Herr neben ihm gewinnt auf eine Nummer 60 000 Frs. Das regt ihn auf, er erkundigt sich nach dem geringsten Einsatz, er kann nicht widerstehen, und setzt 20 Fr. Die Karten werden aufgelegt — auch dos ist für ihn verloren! Da fühlt er plötzlich eine Hand auf feiner Schulter, feine geliebte Frau steht hinter ihm. Sie sieht ihn an und weiß, was geschehen ist. Sanft zieht fie ihn mit sich fort, er liest aus ihren Augen die inständige Bitte, nicht mehr zu spielen. Der stille Vorwurf rührt ihn, er geht mit ihr hinaus. Die frohe Stimmung ist dahin; sie können den Verlust nicht verschmerzen. Was hätten sie sich alles für 25 Fr. leisten können! Verstimmt gehen sie ins Hotel zurück. Wie schön hatte der Tag begonnen, wie traurig dagegen geendet. An das Konzert dachte keines von beiden.
Der junge Mann findet kein Ruhe, er macht sich die bittersten Vorwürfe, und plötzlich reift ein Entschluß in ihm. Wenn es doch nur schon Tag wäre! — Und der Tag kommt. Nach dem Frühstück, bei dem es recht still zugeht, entschuldigt sich der Gatte für ein Stündchen bei feiner Frau, da er sehr nötige Einkäufe in der Stadt zu machen habe. Er bittet sie, einstweilen vom Balkon ans die Aussicht auf das Meer zu genießen. Indessen eilt er in fliegender Hast nach dem Kasino, tritt ein und setzt gleich am ersten Tisch einige 5 Fr.-Stücke. Die Kugel fällt — heut lächelt das Glück; er hat das Doppelte gewonnen. 9hm noch einmal, vielleicht glückt es wieder. ---— — Unglaublich, aber
wahr, er hat das Dreifache gewonnen! Laut jubeln möchte er vor Freude. Mit beinahe 100 Fr. Reingewinn stürzt er hinaus, und wieder geht's in größter Eil« ins Hotel zurück.: Verstimmt kommt ihm seine Frau entgegen, aber im nächsten Augenblick hat sich die Stimmung geändert, denn beim Anblick des gewonnenen Gelbes jubelt sie laut auf, und fällt dem geliebten Mann um den Hals. Welche Ueber- raschung und Freude! Gleich wollen sie sich eine Wagenfahrt leisten, und — was die Hauptsache ist — fie können einen lang gehegten Wunsch verwirklichen und eine Tour nach Venedig machen. Ueberglücklich sitzen die beiden im Wagen. Wie ist doch die Welt so schön! Wie paradiesisch ist Monte- Carlo ---— — und wie wandelbar der Mensch.
Mehr Farbe.
Von Fred H o o d.
(Nachdruck verboten.)
Mer heute ein Cafö oder ein Bierhaus der jüngsten Berliner Baukunst betritt, dem muß es unbedingt auffallen, in welch üppiger verschwenderischer Weise man von der weißen Farbe Gebrauch macht. Riesige Wandflächen, weite Gewölbe sind glattweiß getüncht. Tiefes Weiß ist eine große Idee — wirkt sehr angenehm, sehr vornehm, sehr modern, und — kostet nichts. Die neue Schilling- Konditorei — weiße Gewölbe, das romanische Cafs — weiße Gewölbe; jedes Restaurant, das ganz vornehm fein will, strahlt in unschuldreinem Weiß. Höchstens versteigt man sich noch zu ein paar Goldlinien.
Wenn ich nach „mehr Farbe" schreie, so meine ich natürlich nicht, daß man noch mehr weiße Farbe über die Wände und Decken ausgießen soll; denn deren haben wir gerade genug. Ich denke mich in die Seele eines talentvollen jungen Malers hinein, welcher sich der praktischen Kunst zugewendet hat, nachdem er die „hohe Kunst" als ziemlich brotlose Kunst erkannt hat. Wozu hat man nur all die jungen Künstler für das moderne Kunstgewerbe mobil gemacht, wenn man ihnen nichts zu thun giebt?
Tiefe Flächen schreien ja ordentlich nach farbiger Behandlung. Oder ist es etwa vernünftig ein Kreuze gewölbe in glattes Weiß zu kleiden, so daß weder die Wölbung noch die Grate zur Geltung kommen? Der Erste, der auf die Idee kam, ein großes weißes Wandfeld mit einer breiten Goldlinie einzufassen, kann vielleicht die Ehre für sich in Anspruch nehmen, Originalität bekundet zu haben — obwohl diese auch nicht weit her ist. Der Zweite aber, der ihm das Kunststück nachmachte, das war ein — rechter Esel.
Wir fallen von einem Extrem ins andere. Vor einigen Jähren noch konnte man in Berlin gar nicht genug Farbe verpantfchen. Ganze Fayaden hat man von oben bis unten wie Jahrmarktsbuden mit Bildern bemalt; ich erinnere nur an das „Spatenbräu" und „Tücher", und selbst noch das sonst so gefällige deutsche Haus der Weltausstellung
hat man in ähnlicher Weise beschmiert. Mn« Pariserin fragte mich, ob die deutschen Dekorationsmaler wirklich so geschmacklos seien. „Nein", antwortete ich, „nur einige"/ Und warum hat man diese gerade nach Paris geschickt? „Vermutlich, weil man sie zu Haus am leichtesten entbehren konnte."
Vor einigen Jahren noch wurden in den Kneipen alle Flächen mit massigen Friesen bemalt. Alle Gemüse der Zentral-Markthalle schüttete man über die Flächen aus. Dazwischen sah man feuchtfröhliche Trinkszenen: Studenten, welche den Schoppen schwingen, Schützenlisl und den unvermeidlichen Kater. — Es war sehr gemütvoll. Noch schöner aber waren die klotzigen Tistelranken im Tucherl- bräu, welche einige Quadratkilometer Wandfläche bedeckten. Wo hatten die Leute nur all die grüne Farbe her? Die Folgen dieser grenzenlosen Farbenverschwendung sind denn auch nicht ausgeblieben. Die bunten Farben sind jetzt offenbar so knapp und so teuer geworden, daß man die Kaffeehäuser und Kneipen nur noch weiß tünchen kann. Vornehm nennt man das? Nein, ich lasse mir nichts weiß machen. Das ist geistiges Unvermögen im höchsten Grade. Jede große Epoche der Baukunst hat den Malern reichlich Beschäftigung gegeben; die Vornehmen be- schäftigten die ersten Künstler mit der Ausführung großartiger Freskogemälde oder farbenreicher Ornamente — man beschäftigte das Auge und die Phantasie.
Aber ich will garnicht einmal die hervorragendsten Beispiele monumentaler Kunst anführen. Halten >vir uns an das Naheliegende. Wenn jemand früher aus der Provinz nach Berlin kam, so fragte mcm ihn: „Du, bist Du schon im Cafs Bauer gewesen? Nein? Na da geh nur hin, und sieh Dir die schönen Wandgemälde an". Jetzt ist es ganz anders geworden. „Du, wir müssen nach dem D-Cafs gehen!" „So, — ist es da schön?" „Na ob! — höchst vornehm! — Denke Dir: — Alles weiß."
Hier haben wir ein Beispiel, mit wie wenig Witz die Welt regiert wird. Wenn man sehr kühn ist, kann man immer dem Spießbürger beikommen — sogar mit .einem Kübel weißer Leimfarbe. — „Großartig — alles weiß." Ist das nicht gerade so, als wenn uns jeniand sagt: „Höret mal, Leute, heute war ein sehr reicher Herr bei mir — der Kerl hat nie was in der Tasche."
Warum lassen sich das die Dekorationsmaler gefallen? Das ist ja der reine Boykott. Warum revoltieren sie nicht? denn das ist nicht nur eine Kunst-, sondern vor allen Dingen eine Brotfrage.
Sie wollte iljin gefallen.
(Nachdruck verboten.)
„Gütiger Himmel, Maria, schon wieder eine Rechnung von der Putzmacherin? Wozu in aller Welt brauchst Du nur soviel neue Sachen! Sich mich an. Seit drei Monaten habe ich nichts neues gekauft."
„Aber mit Männern ist es doch auch ctivas anderes, als mit uns Frauen. Möchtest Du denn, daß andere Leute Deine Frau für eine Vogelscheuche erklären?"
„Gewiß nicht. Doch ich meine, daß die heutigen Frauen in ihren Bemühungen, schön zu erscheinen, über das Ziel hinaus schießen."
„Aber man muß doch der Mode folgen, Willi."
„llnsinn. Der Geschmack sollte Euch in erster Reihe leiten. Tu kannst glauben, Maria, Du siehst jetzt lange nicht so hübsch aus, wie vor fünfzehn Jahren, als ich Dich heiratete."
„O, das kommt daher, weil ich älter geworden bin."
„O, nein, das ist es nicht. Ich liebte Deine einfache Kleidung in früherer Zeit. Du kleidest Dich jetzt nie so hübsch, wie damals."
„Nun, ich will mein Möglichstes thun, Dir zu gefallen."
Der Gatte vertiefte sich in feine Zeitung, während feine Frau sich zurückzog, um sich zu einer Spazierfahrt anzukleiden.
Nach einiger Zeit hörte der sparsame Ehemann dre Stimme seiner Frau: „Bist Du fertig, Liebster?"
„Um Himmelswillen", rief er aus, von seiner ZeAung aufblickend, „was in aller Welt hast Du angestellt! Weißt Du denn nicht, daß wir ausfahren wollen?"
Sie trug einen sehr kleinen Hut, ein großes, Chrgnon und so seltsamen Aufputz, daß dem Gatten tne Worte


