Ausgabe 
26.2.1902
 
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Barinitschi, der sie einst ihr Herz ausgeschüttet. Selbst in der Ferne haben die beiden sie nicht vergessen; ihr Goldknabe hat, da die Huld der Zariza ihm alle alten Rechte zurückvermittelte, Dimitris treu gedacht, und durch Nikolai Karin nicht allein dessen Befreiung vom Militär erwirkt, . sondern auch reichlich für sie alle gesorgt, und sie endlich dringend dem neuen Gutsherrn anempfohlen.

Und Nikolai Pawlowitsch Karin? Er selbst ist der neue Gutsherr, er hat Ornatoffsko übernommen, und dessen Ländereien mit seinem angrenzenden Gute Kars- kow vereint, aus welchem die bescheidene kleine Lisavetta als geliebte Barinitschi regiert. Seit Jahresfrist ist sie mit Nikolai vermählt. Ihre stille Geduld und Ausdauer- mochte es gewesen sein, die zuerst sein Augenmerk auf sie gelenkt, wobei er erkannte, daß das junge Herz sich in Liebe ihm zugcneigt. Gleichzeitig erinnerte ihn Lisa- vetta's äußere Erscheinung voll anmutiger Jugendfrische lebhaft an die Wera, die er geliebt; Lisavetta besaß ihrer Schwester äußere Vorzüge, aber ohne deren innere Gehaltlosigkeit. Sie liebte Nikolai wahr, und innig, und er mochte darin Ersatz und Entschädigung finden für die Enttäuschungen, durch welche er sich zu ihr hatte hiufindeu müssen. Sv schien auch ihm endlich die Sonne; ' denn die beiden sind ein zufriedenes Paar, und eine von ihren Gutsleuten mehr geliebte als gefürchtete Herrschaft, die nur selten das einfache Karskow verläßt.

Wera dagegen schweift unstet in der Welt umher, zumeist sich selber und ihre ganze Umgebung quälend. Bon Rußland verbannt, von dem leidenschaftlich geliebten Mann verschmäht, von ihrer hohen Freundschaft vergessen und verleugnet, irrte sie rastlos im Auslande von Ort zu Ort, nirgends zufrieden, weil überall das Elend ihrer Selbstsucht fühlend. Vielleicht daß für sie noch die Stunde kommt, wo gesäet, anfgeht, und als Frucht eine geläuterte Gesinnung zeitigt. Vielleicht! Noch aber zieht sie, ein unglückliches, einsames, müdes Weib rastlos in der weiten Welt umher ohne inneren Frieden, ohne Ruhe. Die Güter, die zu gewinnen sie selbst das Verbrechen nicht gescheut, sind ihr auf immer verloren, und ihr Kind, dem sie allein das Erbe, und die Ehre des Ornatoff'schen Namens zu erringen gewähnt das starb in der Blüte seines Lebens.

Feodor hat, wie er richtig prophezeit, sein Rußland und die geliebte Steppe nicht wiedergesehen. Er hatte es zu gut gewußt und gefühlt, daß der Todesengel ihm winkte, und die Stunde nahe sei, da er ihni folgen müsse. Die Stunde ivar gekommen, während er mit seiner Mutter noch in Locarno weilte. Clarita und Alexis standen " an seinem Sterbebett, und dort neben jenem Sterbebett lag für einen Moment Weras zitternde Hand in der von Alexis; er hatte sie der Mutter des scheidenden Bruders gereicht. Feodor sah es; ein verklärendes Lächeln flog

über sein Antlitz. Es war, als ob er nun seine Mission

erfüllt; seine Muiier sühnte ihre Schuld Alexis und ' Clarita waren glücklich. Seine Freundin noch mit dem

letzten Atemzuge seguend, gab er willig seinen reinen

Geist, sein schuldloses Herz in die Hände'seines Schöpfers zurück, und ging freudig hinüber zu schauen das eitrige Licht. Ihm strahlte die herrliche Sonne. Die finstern Wolken, die sein junges Dasein bedräuet hatten sie waren verschwunden in der Zeitlichkeit, er aber !var bei Gott, der seine liebsten Kinder frühzeitig rüst.

Für Rußland starb mit Feodor der letzte Ornatoff. Alexis fühlt sich wohl in der selbstgeschafseneu Heimat; sein blühendes Söhnchen ist ein Kind des Südens. Es. weiß nichts von dem hohen Norden und Sibiriens Eis­regionen; sein Vater aber, der nur all zu viel davon weiß, den zieht's nimmermehr nach Rußland zurück. Er denkt:Wo's mir wohl ergeht, ist mein Vaterland."

Tas alte Ornatoffsko ist nicht wieder aufgebaut, selbst der neuere Flügelbau zerfällt, er ist unbewohnt. Nur der Mrnd umbraust die verödete Stätte. Mit der Zeit wird er die alten stolzen Bäume brechen, und selbst die Er­innerungen an das vergangene Geschlecht verweben, von dessen Namen alsdann gilt: Vergessen Verschollen!

Monte-Carlo.

Eine Skizze von L. E.

(Nachdruck verboten.)

Der Himmel erstrahlt im tiefsten Blau, die Sonne ver­goldet die Spitzen der Berge und spiegelt sich in den Wellen des Meeres. Es ist, als ob sie ihre schönsten Strahlen auf das wunderbare Kasino gerichtet hätte, das in seiner gigantischen Pracht dein Beschauer feenhaft erscheint.

Monte-Carlo ein Paradies auf Erden!

Hier ist der Sammelpunkt der eleganten Welt. Das Auge wird geblendet von der Großartigkeit und Raffiniert­heit der Toiletten. Ein buntes Durcheinander aller Nationen, ein Hasten und Jagen, ein Bewundern, und mitten durch die Menschenmengen rasen die Automobils und die eleganten Herrschaftswagen. Und nun gar die Anlagen vor dem Kasino! Hier sieht man die herrlichsten, fremdländischen Bäume, und Sträucher, edle Blumensorten in der denkbar schönsten Zusammenstellung mit den einheimischen Ge­wächsen, hier ist südliche Vegetation.

Gewissermaßen als Gegensatz zu diesem farbenpräch­tigen Bild,liegt auf der auderen Seite des Kasinos das Meer in seiner Unendlichkeit. Bei seinen: Anblick kommen dem ernsten Beschauer unwillkürlich Gedanken der Ehrfurcht vor der Allmacht Gottes.

Durch die Anlagen wandelt ein junges Pärchen in ein- fachen Reisekleidern, dem man es ansieht, daß es auf der Hochzeitsreise ist. Doch sehen die beiden nicht nur sich allein, sondern mit offenen Augen und ehrlichem Bewun­dern genießen sie diese paradiesische Pracht. Nicht allein an der Naturschönheit wollen sie sich ergötzen, sie wollen auch das Leben in den Spielsälen kennen lernen, obgleich eigentlich beide eine Wneigung gegen das Glücksspiel haben. Fest entschlossen, nicht zu spielen, sondern sich nur die innere Einrichtung des imposanten Baues anzusehen, treten sie ein.

Nun beginnt ein beiderseitiges Staunen; er betrachtet die prnnkhafte, gesckpnackvolle Einrichtung ,sie wiederum die schicken Toiletten der Damen. Zunächst lassen sie sich eine Eintrittskarte auf den Namen ausstellen, und erleben noch einen heiteren Zwischenfall mit dem Beamten, der den Beruf des jungen Mannes nicht ins Französische übersetzen kann. Man liest, erfreut über diese Einrichtung, die neuesten Tele­gramme an der Anschlagtafel. Am Bnffet nehmen beide einen kleinen Imbiß, den sie für ihre Begriffe sehr teil ex bezahlen müssen. Weiter geht's in den Konzertsaal, den sie sehr geschmackvoll ausgestattet finden, dabei überlegen sie, ob sic nicht für den Abend Billets nehmen sollen; denn da sie nicht spielen, können sie das Geld auf diese Weise besser anwenden.

Alles drängt sich nach dem Eingang der Spielsäle. Unser Pärchen schwimmt mit dem Strom, zeigt seine Karte vor und tritt ein. Vorläufig sieht es nichts als Menschen, die sich um die Tische drängen, und hört die eintönigen Ausrufe der Croupiers. Mit vieler Mühe gelingt es den beiden, einen Platz zu bekommen, von wo'aus sie einen Tisch überschauen konneu. Ja, hier sieht man Geld, Geld und nochmals Geld, und die Leute setzen mit der größten Kaltblütigkeit einige Goldstücke auf eine Nummer. Tie Kugel saust herum, fällt in eine Nummer ein, und jetzt beginnt das Einkafsierenund Anszahlen, wobei die Crvupi.ws eine unglaubliche Gewandtheit und Sicherheit zeigen. Unser Paar ist erstaunt, daß man so gar keine Enttäuschung über die Verluste auf den Gesichtern der Spieler sieht; die Leute haben Geld, scheinbar macht ihnen der Verlust nichts ans; sie spielen ruhig weiter. Wieder ertönt der Ruf des Crou­piers:Messieurs, faites vos jeux!" Da durchzuckt es den jungen Ehemann; er will einmal den geringsten Einsatz wagen, ist das 5 Fr.-Stück verloren, schadet es nichts; gewinnt er um so besser!

Also setzt er auf rot, die Farbe der Liebe. Aber es glückt nicht CVuatre noir! Welche Enttäuschung malt sich auf den Gesichtern des Pärchens; das verlorene 5 Fr.-Stück wandert zu der großen Menge, die der Croupier vor sich liegen hat. Run wollen die beiden nicht mehr spielen, sondern der Gatte rät seinem Frauchen, die schönen Gemälde in den anderen Sälen zu betrachten, indessen er bei Trente-et-Quaraute einmal zusehen will und versuchen, dieses Spiel zu verstehen. Man trennt sich, und die junge Frau tritt ihre Wauderung an. Er erobert sich mühsam einen Platz und sieht zu. Uugeheure Mengen Goldes find hier stets in Umlauf, ganze Vermögen werden eingesetzt.