Mittwoch den 26. Februar.
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190 2 . — Nr. 31.
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o ein großes Gefühl das Herz erschüttcrr und den Menschen vorwärts treiben möchte, wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und alles Große wird lächerlich gemacht. Gustav Freitag.
(Nachdruck verboten.)
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Schluß.)
So hatte sie auch eines Abends singend und betend an der Wiege gesessen, während ein leichter Kahn über den See kam, und vor ihrer Thüre landete. Er brachte ihren Gatten heim, und dieser brachte einen Gast mit, einen längst ersehnten, und still erhofften Gast.
„Ich möchte meinen einstigen Wildfang Wiedersehen, und mein Patchen dazu!" grüßte eine tiefe, sonore Stimme die junge Frau, welche Alexis aus dem Kinderzimmer her- ausgeholt, um sie dem Gaste entgegenzuführen. Fast schüchtern stand die mutige Clarita da vor dem wettergebräunten, stattlichen Jose Almerez. Sie, die vor Zeiten als kleine Tyrannin den guten, alten Jose, stets nach ihrer Pfeife tanzen machte, sie stand jetzt hocherglühend, verlegen wie ein Kind, demütig wie eine sich ihrer Schuld bewußte kleine Sünderin vor dem treuen Freund und Schützer ihrer Kindheit.
„Verzeih Jose! Jose vergieb!" bat sie unwillkürlich zuerst mit denselben Worten, zu welchen einst ihr kleines eigenwilliges Köpfchen nur in Momenten tiefster Reue über irgend einen tollen Streich sich verstanden, und gerade wie damals' nahm der rauhe sanfte Seemann sie in seine Arme, trocknete ihre Thränen, und drückte einen innigen Verzeihungskuß auf ihre weiße Stirn. >,Unb nun laß mich mein Patchen sehen, ich sterbe vor Verlangen, die kleine Landratte kennen zu lernen!" hatte er darauf ausgerufen, rasch aller Rührung ein Ende machend. Aber dieselbe war wiedergekommen, sobald sie neben der Wiege standen, und den kleinen . Schläfer betrachteten. Ein schlummerndes Kind ist immer etwas Wunderbares — ein Anblick, der stets das Herz bewegt. Um so mehr hier, wo die junge Mutter zu erzählen hatte von dem im letzten Schlaf entschlummerten Töchterchen, zu erzählen hatte von all' dem nach dessen Tod durchkämpften Leid.
Nicht gleich, allmählich hörte der gute, alte Jose alles. Wie darüber sein ehrlich gutes, treues Herz erbebte! Nimmer hätte er in solchem Momente seiner Clarita eine Bitte abschlagen können, und als sie bat: „Jose, guter
Jose, bleib bei uns, laß unsere Freundschaft Deine Heimat sein!" da konnte er nur antworten: „Gewiß Clarita, td) bin gekommen, bei Euch zu bleiben, so Ihr ein Plätzchen für den alten Jose habt. Seit meiner Mutter Tod ist für mich Teneriffa verödet!"
Und so blieb er; fühlte sich wohl in der Heimat, die aufrichtige Freundschaft ihm bot; er wurde darin wieder jung mit dem jungen Jose.
„Die kleine Landratte liebt das Wasser, Gevatter! Tas hat sie von ihrem Paten!" pflegte er oft zu Alexis zu sagen, erfüllt von dem natürlichen Stolze des echten Seemannes, dem der blaue Lago bald so lieb wurde wie das weite, große Meer.
Und unten in dem kleinen Schiffe, dessen Kiel eben jetzt die blauen Wogen durchschnitt, da stand auch heute der alte Seemann so stolz und hoch wie einst auf dem Deck seiner stattlichen „Querida", mit der er alle Meere durchzogen, ja die Erde umkreist hatte. Statt des unabsehbaren Ozeans umgab ihn freilich, nur ein begrenzter See, statt einen stolzen Dreimaster zu befehligen, stand er in einer kleinen Nußschale von Kahn, aber diese Nußschale umschloß sein Liebstes, und er war glücklich. Aus dem Kahn lachte ihm das Schönste entgegen, was er je auf der Erde glaubte geschaut zu haben — seiner Clarita Kind mit den großen schönen Augen! Ah! wie die liebe Unschuld ihm zujanchzte, eben hatte sie glücklich sein Haar erhascht, und er geschickt sein Segel gerefft. Nun faßte er den zappelnden jauchzenden Burschen, und hielt ihn hoch zu den selig lächelnden Eltern empor, während der Nachen zu deren Füßen durch das Wasser dem Landungssteg zuglitt. Bei der raschen Bewegung tanzt, schaukelt, hebt und senkt sich der Kahn, aber die junge Mutter dort oben zuckt nicht zusammen, sie kennt keine Furcht — in Jose's Armen weiß sie ihr Kind geborgen. Der wettergebräunte, alte Mann, das zarte fröhliche Kind, es war ein schönes Bild! Und über dem allen leuchtete die Sonne. Schwere Wolken hatten in der Frühe am Himmel gehangen, aber die Sonne hatte sich siegreich durchgebrochen, und strahlte nun in vollem Glanze.
Ter heutige Tag erinnert an unser Leben, meine Seele, meinte Alexis weich!
„Ja — nach Wolken die Sonne! Sie strahlte hell in dem südlichen Land; doch auch im fernen Rußland beleuchtete sie ein stilles Glück.
In der besten Hütte eines kleinen Steppendvrfes, die schöner ist tote die des Dorfältesten, arbeitet flink die einstige Soldatka Nina, und drinnen in der eigenen Stube sitzt behaglich eine Matuschka — Errdotja Karpowna. Frer- lich, ihren Goldknabeu, ihr Seelenkind, ihren süßen Barm hatte sie nicht wieder, dafür aber Dimitri, den emzrgen Sohn. Er ist ihr wiedergegeben, er Pflegt sie, und tst ihr gut mitsamt der thörichten Nina, und die^ alles dankt sie ihrem Herzensbarin, und der jungen schonen


