Nr. 159.
Samstag den 25. Moder.
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H, Revel-
(Fortsetzung.)
Nachdem Hesekiel die Augsburger Straffe verlassen hatte, machte er sich sofort auf die Suche nach jenem Frauenzimmer, von der bei Sanftleben die Rede war und die durch die Agentur angestellt zu werden wünschte. Leider konnte er sie nicht antreffen. Sie war ausgegangen, und kein Mensch wußte, wann sie wiederkehrte. Er sagte sich zwar, daß er sie bis morgen in der Früh' noch entbehren könnte und daß er jetzt noch nach, etwas Wichtigerem zu sehen habe: erst sein Bagage nach der Augsburger Straße transportieren zu lassen, dann in seine Wohnung einzuziehen und den Plan zu entwerfen, wie er Minna überwachen sollte.
Indes er über alles das nachsann, erfuhr Minna, oder vielmehr Julie, die ununterbrochen ihre Ohren spitzte und fortwährend auf der Lauer lag, von einem Hausdiener, daß die Wohnung im fünften Stock, die an jene des Herrn Keßler stieß, soeben von einem Fremden gemietet worden war. Diese für jeden anderen ganz unwichtige Nachx- xicht erfüllte ihren überreizten Geist mit tausend Befürch-- tungen. Sie war in diesem aktuellen Fall um so eher bereit, sich aufzuregen, als sie sich fett dem Besucht von Fräulein Rakenius sich immer sagte, daß es den Freunden Sempachs doch früher oder später einfallen könnte, sie überwachen zu lassen. Auch beschloß sie sofort, auf ihrer Hut zu sein und diesem Fremden, der so plötzlich in das Haus hereingeschneit kam und dies gerade noch anstoßend an die Wohnung Querzewskis, stark zu mißtrauen und vor allem den Rat ihres Geliebten einzuholen.
Sofort stieg sie zu den Portierslenten hinunter, um sich von ihnen die soeben hinterbrachte Nachricht bestätigen zu lassen, und sagte, nachdem sie einen Blick hinaustze- worfen hatte:
„Tas Wetter ist heüte ganz schön. Die Sonne scheint etwas. Ich fühle mich, seit drei Tagen wirklich etwas Wohler sind verspüre Lust, etwas frische Luft zu schöpfen."
„Das wäre sehr vernünftig von Ihnen", meinte die Frau. „Wenn Sie sich fort und fort da oben einspunnen — wie oft hab' ich Ihnen das nicht schon gesagt — werden Sie, statt sich ganz zu erholen, endliche wirklich wieder von neuem krank werden, dann aber auch ordentlich!"
„tHun, da will ich denn Ihren Rat befolgen. Ich! will nur hinaufgehen, mir ein besseres Kleid als das hier anzuziehen und dann einen Spaziergang zu Machen."
„Zu Fuß?" fragte die Portiersfrau.
„Ich muff wohl. Ich habe die Mittel nicht, mir einen Wagen zu nehmen."
„Doch, doch- die kleine Summe, die mir diese ge
wesene Freundin von Frau von Sanden, diese Schauspielerin- für Sie hier gelassen hat, ist noch nicht ganz aufgebraucht. Wenn Sie wieder herunterkommen, wird Ihnen mein Alter, eine Droschke holen, die Sie in den Tiergarten fahren soll: Und morgen sollen Sie mir dann davon erzählen."
„Also gut. Aber sofort."
Als sie die Portierloge verlassen wollte, blieb sie stechen und bat noch die alte Frau, indem sie sich nach! ihr um>. wandte:
„Wollen Sie, die Sie ja immer so gut gegen mich sinH mir noch einen großen Gefallen erweisen?"
„Na, und das wäre?" 1
„Die Dienertreppe ist immer so steil, und meine Füfftz sind noch sehr schwach; darf ich einmal die Haupttreppe benutzen, weil sie so viel sanfter auffteigt?"
„Mer natürlich, mein Schnu.teken, so ost Sie nur wvllerh bis Sie wieder vollkommen gesund sind. Ich kalte zwar streng auf die Ordnung, aber wenn es sich um eine Kranke handelt —"
Minna dankte ihr noch, ging dann auf die Haupttreppe zU und begann sie Schritt für Schritt zu ersteigen, die Hand! auf das Geländer gestützt. Im fünften Stock versicherte! sie sich, wie jeden Abend, ob das Stiegenhaus leer, ob! alle Dhüren, die auf dasselbe führten, geschlossen feiern zog dann aus ihrer Tasche ein schon bereit gehaltenes^ kleines Briefchen und steckte es unter die Thür Keßlers. Das. Briefchen lautete:
Mein Schatz!
Es gießt Neues. Erschrick nicht. Es ist vielleicht Vou gar keiner Wichtigkeit, aber jedenfalls muß ich, Dich sofort sprechen. Geh aus und erwarte mich, auf der Rousseau-: Insel im Tiergarten. Ich könnte jetzt zwar ganz gut zu Dir kommen, aber in einer Stunde erhältst Du einen Narb ar, und ich wüßte dann vielleicht kein Mittel mehr, herauszukommen. Deshalb dies Rendezvous.
Deine kleine Biper."
Sie ging auf ihr Zimmer, machte ihre Toilette, —■1 eine Toilette, wie stch's für eine Kranke paßte, die such sorglich gegen Kälte schützt und ihren Kopf so gut als! möglich einhüllt, stieg wieder hinab und trat m die Portiersloge.
„So, da bin ich wieder", sagte sie lächelnd, „und bin bereit, mich auf die Strümpfe zu machen."
Frau Peters prophezeite ihr wieder sofortige Besserung, bestand noch darauf, daß sie sich eine Decke mitnehme, um damit ihre Füße einzuwickeln, und brachte fie selbst nach dem Wagen.
In der Kleistftraffe neigte sich Minna zum Wagenschlag hinaus und rief dem Kutscher, dem sie von Peters sorg-: fällig ans Herz gelegt worden war, zu:
„Ich habe Lust, diesen warmen Sonnenschein auszu- nutzen und im Tiergarten etwas spazieren zu gehen. Bittehalten Sie an der Hofjäger Allee."
Ter Kutscher gehorchte ihrer Weisung half Ur sogar


