Ausgabe 
25.8.1902
 
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Tanzsaal itt Bells Landhause war in einen vollständigen Karten umHewandelt. Die Wände waren mit blühenden weißen Schlruggewächfeu nnd purpurnen Rosen, hochroten Nelken und scharlachfarbenen Geranien und Orchideen be­kleidet. Die Fenster waren in Form von Vorhängen mit denselben Sorten Blumen umwunden. Von den Kronleuch-- tern hingen weiße, lose Orchideen und kugelrunde Bouquets von roten Blumen herab alles nur weiß und rot. An- nähernd so präsentierte sich auch der Speisesaal, in dem fünf große Tische gedeckt waren, auf denen in silbernen Vasen nur rote Blüten prangten. Von den anderen Tischen war einer mit blauen Hyacinthen und Hortensien, ein zweiter mit gelben Orchideen, ein dritter mit allerlei weißen Blumen ünd der letzte mit La France-Rosen dekoriert. Das Theezimmer war in eine Laube von roten Rosen verwandelt und die Empfangshalle in einen Palmenhain, in dessen Mitte sich ein Bosquet von feuerroten und weißen Lilien erhob. Das Ganze war von einem berühmten Newyorker Dekorateur arrangiert. Uebergossen wurde es von Fluten elektrischen Lichts.

Von den Gästen war noch niemand erschienen, sie waren erst auf neun Uhr bestellt.

Ganz allein, nur von dem Hausmeister, Mister Mich!, begleitet, durchwanderte Bell die strahlenden Räume. Sie hatte Befehl erteilt, daß sofort nach Schluß des Festes die Blumen auf bereitstehende Wagen verladen und nach dem städtischen Hospital geschasst würden für die dort liegenden Kranken.

Gehen Sie", sagte sie zu Mister Mich.

Mister Bitch verbeugte sich und ging.' Jetzt erst war sie allein.

Berauschend strömte der Dust twn den Wänden, aber er erfreute sie nicht. Die Hauptsache war, daß diese Blumen so und so viel tausende Dollars gekostet hatten und daß ein paar Tage später imHarald" ein Artikel darüber erschien.

Sie dachte an ihre Kindheit, wie sie als ganz kleines Mädchen auf einer sonnenbeglänzten, käferumsnmmten Wiese gespielt, die neben dem Hause ihres Vaters lag. Ein Bach floß hindurch und an seinem Rande blühten Vergißmein­nicht. Die Hand davon voll kam sie froh zum Vater ge­eilt und er drückte sie an sich und küßte sie. Es waren Mir einfache Wiesenblumen und damals war sie glücklich. Nun waren sie verdorrt.

Ihre Kammerzofe erschien. Das Mädchen suchte sie. Es war Zeit, Toilette zu machen.

Herwarth hatte mit Clara ein Hotel bezogen. Mister Hitchock hatte die große Gefälligkeit gehabt, am Morgen stach der Ankunft selbst aufs Schiff zu kommen und sich ihm vorzustellen. Dank seiner Fürsprache ivaren sie auch von den lästigen Zollscherereien nach Möglichkeit verschont geblieben, tzerwarth wußte kaum, wie er dem alten Herrn, der von manchen Leuten für so mürrisch und unliebens­würdig gehalten wurde, danken sollte. Aber Mister Hitchock lehnte jeden Dank ab. Er betrachtete es, so erklärte er, seinem verstorbenen Freunde gegenüber als eine Pflicht, über Bell die Augen offen zu halten, und die ganze Art Und Weise, wie sich Herwarth in der Scheidungsangelegen- heit benommen, hätte ihm seine Achtung zugezogen. Mrster Hrtchock machte auch kein Geheimnis daraus, daß er Bells Benehmen verurteilte, und daß er den ganzen Prozeß ab­sichtlich bisher in die Länge gezogen, um ihr Zeit zur Besinnung zu lassen. Herwarth beschränkte sich darauf, dem neugewonnenen Freunde für solche freundliche Ge­sinnung zu danken, aber, was er von ihm über Bell vernahm, das drückte ihn nun in seinen letzten Hoff­nungen, herab.

Sie liebt Sie noch Das muß Ihnen Vertrauen geben", sagte Mister Hitchock,wer nicht wagt, gewinnt Nicht."

Damit verabschiedeten sie sich.

etwa^acht^tm de"^ tion Newyork nach Newport fährt

Am Mittage desselben Tages stiegen die beiden Ge­schwister in ihn ein. Carla hatte darauf bestanden, die Fahrt mitzumachen.

Auf ganzen Fahrt sprachen sie miteinander fast kern Wort.

Herwarth brütete vor sich hin.

Er glaubte nicht mehr daran- was der alte Mann SW geschrieben. Md gesagt hatte daß Bell ihn noch

siebte. Ihre Liebe! Die verlangte er ja auch nicht mehr. Was er von ihr verlangte, war nur dies eine einzige Wort!Ich verachte Dich nicht mehrst^

Sie Wiedersehen!

Während der ganzen Reise über den Ozean hatte er an nichts anderes gedacht als diesen Augenblick. Noch we­nige Stunden und der Augenblick war vielleicht da. Mer sein Herz bebte nicht mehr dabei. Warum war alles so still und tot?

Wenn er aber umsonst kam? Wenn sie ihn gar nicht vor sich ließ? _ Ueberhaupt, wie wollte er sich bei ihr Zutritt verschaffen? Sich in ihr Haus hineinstehlen und dann plötzlich vor ihr stehen sie überfallen wie ein. Räuber? Ihr seine Karte schicken durch einen ihrer Bedienten? Und wenn sie ihm darauf sagen ließ> durch den Bedienten, daß sie für ihn nicht zu sprechen wäre? Der Zug rollte immer weiter. In dem bequemen, pracht­voll eingerichteten Wagen, der nur nach amerikani­schem Muster den einen Fehler hatte, daß er keinen Raum für Handgepäck bot, saßen dichtgedrängt die Passa­giere und lasen riesengroße Zeitungen. Niemand küm­merte sich um den anderen, nur manchmal erschien ein schwarzer Unterbeamter, der für sie die nötigen Dienste besorgte.

Der Zug, war angelangt. Bor dem Bahnhof wartete eine Reihe leichter Cabs. Herwarth nannte einem Kutscher die Adresse Bells Haus lag in der Bellevue-Avenue und nun rollten sie ihrem Ziele zu.

Es war schon Nacht geworden. Ein tiefblauer, viel- gestirnter Himmel spannte sich über die Narragansettbai. Am Eingänge des Hafens ragten die Umrisse der Forts und der Torpedostation verschwindend ins Dunkel, und in den Alleen, in die jetzt der Wagen bog, schimmerten, dicht an der, Straße liegend, durch weite Gärten und Rasenflächen von einander getrennt, die Millionärspaläste. Ueberall ivaren die Fenster erleuchtet, und Musik und gesellige Unterhaltung tönte heraus.

Der Wagen hielt.

Er hielt vor dem Hause Bells.

Vor dem großen Gitterthor, das in den Garten führte, stand in goldbetreßtem langen Rock ein Portier.

Herwarth erfuhr von ihm, was der Festglanz in dem Hause zu bedeuten hatte.

Wir haben einen schlechten Augenblick gewählt", sagte er zu Carla,es wird besser sein, wir warten bis morgen."

Nein", erwiderte Clara mit einer so tapferen Ent­schlossenheit, wie sie früher niemand dem kleinen Mädchen zugetraut hätte, die er aber seit dieser letzten Zeit an ihr kennen gelernt hatte,nein, Herwarth, jetzt sind wir hier, jetzt muß es auch geschehen. Laß mich zuerst zu ihr!" T

Was meinte sie?

So hatte sie es sich längst im Stillen ausgedacht: Ihr konnte Bell ja nicht zürnen. Sie hatte ihr ja nichts zu Leide gethan. Bell hatte sie lieb gehabt und das würde sie nicht vergessen haben. Deshalb wollte sie bei Bell erst seine Fürsprecherin sein. Sie fürchtete, sich ja nichts Sie sprach auf ihn ein, tapfer, mutig, voll zärtlicher Liebe zu ihm aber voll zärtlicher Liebe auch zu ihr, der verlorenen Schwester, zu Bell. Einsam und verlassen hatte er sich aus der Welt geglaubt und erst jetzt, erst hier, in einem fremden Erdteil, während aus Hell strahlen­den Fenstern dort durch die wundervolle Nacht die Musik zu ihr herüberrauschte und der Atem ihrer' Nähe wehte, sollte er ganz den Schatz erkennen, den ihm die sorgende Vorsicht in einem Geschöpfe, das sein Fleisch und Blut war, aufgespeichert hatte.

Sie waren in den Garten eingetreten und standen seitwärts in einem versteckten Gange unter dem dichten Wipfel eines merkwürdigen, fremdartigen Baumes, wie er in ihrer fernen deutschen Heimat nicht bekannt war.

So geh'!" sagte er.

Sie reckte sich zu ihm empor, er fühlte ihre warmen, weichen Kinderlippen auf seinem Mund. Dann ging sie zu auf das Haus.

Die Klänge eines S-trauß'schen Walzers brausten und jauchzten durch den Saal. Alles, was zu Bells Gästen gehörte, war frische, kräftige, lusterfüllte Jugend, und alles gab sich der ungezügelten Freude des Tages Bin,