Ausgabe 
25.8.1902
 
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Nr. 1L6

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Montag den 25. August, /n.

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(Nachdruck verboten.)

Miß Cookson aus New-Jork.

Von Heinrich Lee.

(Fortsetzung.)

Es war ein stilles, vornehmes', geschlossenes Haus, in dem sich das Pensionat befand. Als er die mit einem dicken roten Teppich belegte Treppe hinaufschritt, dachte er darüber nach, daß er Carla mitt ganz allein zurücklassen würde, daß er sie bezahlten Leuten anvertrauen mußte. Denn seine mütterliche Freundin in Wiesbaden war kurz nach jenem Tage, seinem Hochzeitstage, gestorben und Ottilie kam natürlich nicht in Betracht, abgesehen davon, daß niemand wußte, wo sie sich aufhielt. Zum ersten Male empfand er, wie eng das Band geworden war, das rhn mit dem einzigen Wesen verknüpfte, das ihm nun auf der Welt geblieben war. Wenn er nun nicht wiederkehrte, wenn zum Beispiel das Meer, ein Sturm ihn verschlang. Was wurde dann mit ihr? Ec hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Er zog schon die Klingel.

Die Pensionsvorsteherin empfing ihn, dann wurde Carla gerufen, mit einem Freudenschrei stürzte sie ihm an die Brust, darauf ließ die alte würdige Dame die Geschwofter in dem Salon, der zum Empfange der Besucher diente, allein.

Carla jubelte nicht mehr.

Wie schlecht Du aussiehst", sagte sie bekümmert,und graue Haare hast Du bekommen."

Er ivußte es bisher nicht einmal. Sein Spiegelbild war ihm ganz gleichgültig geworden.

Dann erzählte er ihr, warum er zu rhr kam. Er hatte keine Geheimnisse mehr vor ihr, er erzählte ihr alles, alles.

Er wußte, mit welcher Liebe auch sie an Bell gehangen hatte, und daß sie ihn deshalb verstehen würde.

Ja, sie verstand ihn.

Dann aber sah sie ihn flehend an.

Herwarth, laß mich mit Dir reisen", bat sie ihn, und ihre Augen füllten sich mit Thränen.

Sie wollte Eins mit ihm sein. Sie sah den Zustand, in dem er sich befand. Wenn seine Reise umsonst war wer würde ihn trösten, wer ihm helfen?

Er wehrte sich erst lange dagegen, endlich gab er nach und Carla war glücklich

Ein paar Tage später bestieg Herwarth, nachdem er an Mister Hitchock ein Telegramm abgesandt hatte, mit seiner Schwester einen Lloyddampfer. Die Fahrt verlies bei ziem­lich gutem Wetter. Als man nach sieben Tagen vor New- york ankäm, nachdem man am Morgen schon den ersten Streifen Land gesehen hatte, war es später Abend. Im ifett, aus der Stadt und von der Brooklyner Brücke glänzten Millionen Lichter durch das Dunkel.

Regungslos stand Herwarth auf dem Deck vor ihm lag seine Zukunft.

Nun sind wir da", flüsterte Carla, neben ihm unS faßte seine Hand.

Siebentes Kapitel.

Bell war für einige Tage nach Newyork zurückgekehrt. Seit jenem Abend, an dem sie mit Mister Httchoch ihre letzte Unterredung gehabt, war eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie fühlte sich unruhig, nervös, unzn^ frieden und sie wußte nicht warum. Ein plötzlicher Ueber- druß an dem Leben, das sie jetzt führte, war über sm gekommen, und sie suchte Ruhe und Zurückgezogenheit. We« ihr Haus, obwohl es in dem schönsten Teil der Avenue, dicht am Zentral-Park lag die ganze Avenue selbst mit ihrer langweiligen eintönigen Vornehmheit irritierte sie nur noch mehr. Tolle Pläne fielen ihr ein. Sobald der Winter kam, wollte sie verreisen nach dem Norden, nach! Maine, in die großen Wälder. Fred sollte sie dann begleiten, Man nahm Decken und Pelze mit, Feuerzeug, Aexte, Ge­wehre, grub sich ein Loch in den Schnee, baute sich eine! Hütte darüber und lebte nun von Jagd und Fischfang. Dort in der Einsamkeit der Natur, die Last der Zivilisation abgeschüttelt, im Kampf mit den Elementen ihres Lebens Unterhalt sich selber verdienend, würde sie auch sich selber, wieder finden. Aber bis zum Winter war noch lange hin. Warum also so lange warten? Um einsam zu sein, brauchte sie nur in ihre Yacht zu steigen, eine Reise um die Welt machen oder auch das nicht einmal. Nur herumkreuzen im Ozean, ohne Ziel, zwischen Wasser und Himmel, solange es ihr gefiel Tage, Wochen, Monate lang. Keinen Menschen um sich außer der Schiffsmannschaft, der Bedie­nung und Fred.

Sie war dazu entschlossen und eines Tages sie saß mit Fred bei Delmonico, in dem berühmten Restaurant, und man hatte eben ausgezeichnet gespeist, gab sie ihm ihren Plan kund.

Begleiten sollte er sie. Er erglühte vor Dankbarkert und preßte seine Lippen auf ihre Hand.

Bell lächelte seltsam vor sich hin.

Wären wir nicht in Amerika, wären wir in Europa", sagte sie,so würde die Welt denken, daß Du mein Ge­liebter wärst. Sie würden nicht an unsere Reinheit glauben. Und doch bist Du nur mein Freund. Versprichst Du mir, auch feierlich, Fred, wenigstens, so lange totr auf dec Reise sind, Dich damit zufrieden zu geben?"

Was Du befiehlst! Ich bin zufrieden mit jedem Almosen, das Du mir schenkst."

Damit war die Sache erledigt.

Am nächsten Tage kehrte Bell in Freds Gesell,chaft nach Newport zurück.

Der Reise sollte indessen noch ein großes Fest voran­gehen, ein Souper mit Ball. Wie ein Hochtzeitspärchen, so hatte Bell es sich ausgedacht, wollten sie beide dann von dem Fest davonschleichen und sofort in See gehen.

war einen Abend später, nachdem der Lloyddampfer mit Herioarth und Carla eingetroffen war. Der große.