Ausgabe 
25.7.1902
 
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war sogar ein Bewerber um Evas Hand; es soll nur mit der Barmitgift etwas gehapert haben. Die Bibliothek trug im ganzen 4180 Franken ein. Demnächst folgt int Hotel Tro not >er Weinkeller. Ten verschiedenenSpuren" lpistes) der Familie nachzuforschen, verlohnt sich kaum der Mühe, denn nachgerade entwickÄt sich hier und anderswo eine neue Krankheit, die Humbertriecherei. Was nun die allgemein verbreitete Annahme betrifft, als treibe die Polizei mit der Familie Humbert, wie zur Zeit mit Arton nur ein Ver­steckspiel, so läßt sie sich angesichts des soeben vorgekom­menen Falles Gavarry kaum mehr halten. Dieser Fall ist, wie so manches andere bei dem Erbschaftsschwindel, an sich fast unglaublich Mau höre: Camille Gavarry, ein Mann, der seit 22 Jahren im Auswärtigen Amte thätig ist, Kabinettschef Nibots war unb augenblicklich den Rang eines bevollmächtigten Ministers bekleidet, wurde in der vorigen Woche in seiner Wohnung aufgehoben und mitsamt seiner beschlagnahmten Korrespondenz in Gewahrsam gebracht, und zwar auf den Verdacht hin, die Humberts, wenn nicht bei sich beherbergt, so d och mit Passen des Auswärtigen Amtes aus­gestattet haben. Der anonyme Brief, auf den hin dio Maßregel angeblich erfolgte, war für die Untersuchungs­richter so zwingend, daß alle, Oberstaatsanwalt, zwei Unter­suchungsrichter und der Chef der Geheimpolizei mit acht Agenten, in die Wohnung Gavarrvs drangen, sie von oben bis unten durchsuchten und sogar fetne kranke Frau nötigten, aufzustehen; daran schloß sich eine Durchstöberung seiner Stube int Auswärtigen Amte. Das Ergebnis aber bestand in zwei Exemplaren von Paßformularen und einer Frer- markensammlung; mit jenen Exemplaren, von denen das eine längst veraltet war, glaubt man beweisen zu können, daß er den Humberts die nötigen Pässe zur Flucht aus-- gestellt habe; und an der Hand der Freimarkensammlung will man den Aufenthaltsort der Humberts entdecken. Ga- varry wurde nun nach einigen Stunden banger Haft wieder entlassen; aber es lastet auf ihm der Fleck einer, wenn wach nur vorübergehenden und völlig unbegründeten Haft. Der Ursprung dieses für Gavarrys Laufbahn vielleicht verhänge niet)ollen Zwischenfalles ist folgender: Als Gavarrh sich verheiratete, erhielt er, einbegriffen in die Mitgift, ettte Schuldverschreibung von 700 000 Francs, die sein Schwieger­vater, ein Notar, der Frau Therese Humbert geliehen hatte. Tie Schuldverschxeibung brachte Gavarry von selbst in ge­schäftliche Beziehungen zur Familie Humbert; aber, tote so viele andere von Therese gehänselte Gläubiger, hatte auch er ein unbedingtes Vertrauen auf ihre Ehrenhafttgkett; und zwar ging dieses Vertrauen so weit, daß er zur Zeit, da der Matin seinen Preßfeldzug gegen die Humberts an- strengte, sich anbot, ihr einen bewährten Journalisten vom Figaro", Jules Huret, zuzuseuden, damit dieser sich ihrer Sache in der Oesfentlichkeit annähme. Jules Huret lteß auch Gavarrys Empfehlungsbrief int Hause der Frau Hum­bert zurück; aber au demselben Tage eben ergriff fte bte Flucht unb -d er Brief verblieb bei bet Hausmeisterin Parayse, bereit Manu, ein früherer Schulmeister, das Faktotum der Familie gewesen war. Die Frau nun war es, welche bte Beschuldigung gegen Gavarry erhob; und den Anhaltspunkt dazu gab eben jener Empfehlungsbrief. Es ist nun wohl kaum anzunehmen, daß Gericht und Polizei, wenn sie wirk­lich über den Verbleib der §untbertS unb Daur-lguacs em Auge zubrückten, sich leichtsinnig an einem so hochgestellten Mann, wie Gavarry, vergreifen würden. Erwähnenswert aus der früheren Chronik der Schwindelerbschaft smd noch folgende zwei Beiträge. Im Jahre 1883 verpfändete Frau Humbert für 700 000 Francs ein Schloß zu Tarbes m den Pyrenäen, das überhaupt gar nicht vorhanden war. Tas soll ihr einer nachmachen, und zwar so, daß er 20 Jahre un­behelligt bleibt. Der zweite Beitrag bezieht sich, auf bte Rententitel, bie Therese wiederholt ihren Gläubigern tu ihrem Gelbschrank unterbreitete. Sie scheint nun diesen KUlff schon 1883 mit Erfolg betrieben zu haben; sie war damals im stände, drei Rententitel aufzuweisen, für je 400 000 Francs für sich und ihren Gatten und einen dritten auf den Namen ihrer Tochter Eva. Daraufhin ließ sich ein damaliger Gläu­biger denn mürbe machen. Sich an zuständiger Stelle, tnt sogen. Grand Livre, wo alle Rententitel verzeichnet sind, zu erkundigen, siel ihm nicht ein; der Ueberzeugungsmagne- tismUs, mit welchem Therese ihre Gläubiger bändigt«,schssuit damals schon groß gewesen zu sein. Jetzt nun aber hat der Untersuchungsrichter Lehbet festgestellt, daß bte btej Humberts im Großen Buche nur mit zusammen 11 Francs

ich hier sitze Alma ist eine schlechte Frau sie ist ihrem Manne untreu!"

Stoßweise rangen sich die Worte von ihren Lippen, ihr ganzer Körper bebte, mit beiden Händen hatte sie Trante gepackt, unb ihr Atem keuchte. Gin fahler, flammenber Wetterschein zuckte über sie hin unb gab ihren verzerrten Zügen ein geisterhaftes Aussehen.

Traute fuhr mit einem leisen Schrei empor.Natta um Gottes willen weißt Du, was Du sagst?"

Ein Käuzchen rief von beut alten, knorrigen Apfelbaum im fernsten Gartenwinkel, eintönig, melancholisch wteberholte sich bas:Komm mit, komm mit!" unzählige Male, währenb ein hohler Luftzug die faulig süßen Blumengerüche aus allen Gärten des Dorfes zusammenwehte.

Ich weiß es ganz genau", sagte Natta dumpf.

Ich kann es nicht glauben!"

O, daß ich beweisen könnte! Aber ich bin überzeugt, der Augenblick wird kommen, der ihre ganze Schlechtigkeit an das Licht bringt!"

Es wäre entsetzlich! Es kann nicht wahr fern!"

Wenn Onkel Paul einmal die Augen aufgehen, giebt es ein großes Unglück, aber er geht ja einher wie ein Blinder, weil ihm seine Frau so gräßlich gleichgültig ist."

Aber warum hat er sie denn geheiratet? Und sie ist doch eine schöne Frau!" . ,

Schön? Ha, ha ja, schon tote etne Schankmamsell! Und ich glaube, er hat nicht sie, sondern sie ihn geheiratet, in einem Augenblick, wo ihm alles egal war. Ich- habe mal so etwas gehört er hat eine andere haben wollen, die einzige, au der ihm etwas lag und die wollte ihn nicht, trotzdem sie atm war. Es soll ihm furchtbar zu Herzen gegangen sein. Da haben denn bie betben Familien Gelb und Gelb zusammengethau, wie ba§; so ist!"

(Fortsetzung folgt.)

Zum Hnmbert-Crawford-Schwiirdel.

Tie großen Ereignisse, an bereu Schwelle wir so oft schon zu stehen meinten, sinb immer noch nicht eingetreten; webet ist bet große juristische Werkmeister entbeckt, ber den ganzen Erbschastsschwiubel vorbereitete unb im Einver­ständnis mit Frau Therese finbig durchsetzte, noch haben bte .endlosen Winke, die ber Polizeipräfektur zugegangen sind, zu irgenb einer verläßlichen Spur bet Verschwundenen geführt. Auch fragt es sich noch, ob der Schwiegervater Gustave Humbert zu den Betrügern oder zu den Betrogenen gehörte, und immer noch stehen wir vor dem Rätsel, tote es möglich wat, daß eine ganze Gesellschaft von sechs Personen, darunter ein baumlanges Fräulein von fast 2 Meter Höhe, Eva Humbert, sich geradezu verflüch-tigeu konnte, als habe sie dem Nibelungen Siegfried die un­sichtbar machende Tarnkappe entliehen. Einen eigentlichen Fortschritt bezeichnet bei diesem Geheimnis stur die Ber- steigerUng der Hinterlassenschaft, die den Gläubigern zu gute kommt; allerdings ist ihr Ergebnis ein bloßer Drapfen, verglichen mit dem Meere von Schstlden, das sich tagtäglich durch neue Zuflüsse unerledigter Forderungen mehrt. Mles, was das Schloß Vives-Eaux unb das Weingut Celeyrau ent­hielte, ist unter den Hammer gekommen und hat zum Teil als Erinnerungsstücke an die märchenhafte Frau Therese Ungewöhnlich hohe Preise erzielt. Augenblicklich ist seit vierzehn Tagen die Reihe an dem Wohnhause der Avenue de la Grande Armee. Der Verkauf der Bildersammlung, die eine Menge von Meistern ersten Ranges enthielt, bildete ein öffentliches Ereignis; ebenso bie Versteigerung bes be­rüchtigten Gelbschirankes, ber 3500 Franken einbrachte; er warb, ba er außerordentlich schwer war, mittels eines be­sonderen Gerüstes vom dritten Stock heruntergelassen und dort wie im Auktionssaale abergläubisch angestiert, als ent­hielte er heut noch das Geheimnis der 100 Millionen-Erb- schaft. Die Bibliothek Frsberic Humberts, 2500 Bände stark, war an sich unbedeutend, wertvoll nur durch- die Widmungen, mit denen einige Werke versehen waren. So trug das von Felix Fanre veranstaltete PrachtwerkLes chasses de Ram­bouillet die Unterschrift des Präsidenten, während seine Tochter Lucie Faure ihr Buch, über den Kardinal Newman der Frau Therese mit einer äußerst warmen Widmung geschwenkt hat. Auatole France war ebenfalls in der Biblio­thek mit seinemLivre de mon ami vertreten; aber die Widmung war an Paul Dcschanel, war eben in Paris tote in Vives-Eaux ein häufiger Gast, hatte dort sein Zimmer und