Ausgabe 
25.7.1902
 
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Also nur Ihnen ist es zu langweilig, und die Arbeit lästig?" ,

Das nicht aber ich ziehe eine andere Thatig- t)or/y

Eine namenlose Traurigkeit erfüllte Trautens Herz. Sie sah, daß sie alles bei Paul Lehmigke verloren hatte, Vertrauen, Achtung, Freundschaft.

Er schwieg, seine Züge zeigten den harten, verschlossenen Ausdruck, den sie von früher her kannte.

Eine unheimliche Stille trat ein, man hörte das! Rascheln der welken Blätter, die ein Luftzug von den Treppenstufen fegte. ,, ,,, _

Wer hat Ihnen diese Stellung verschafft?" fragte Lehmigke endlich, das Schweigen brechend.

Das Blut stieg Traute in die Wangen und hämmerte in ihren Schläfen. Wer sie konnte nicht unaufrichtig fern, er würde es ja doch eines Tages erfahren. Sie hob den gesenkten Kopf, und sagte mit einem offenen Blick:Gras Stauffen verschafft mir diese Stellung. Ich hatte, wie ich Ihnen sagte, jede Verbindung mit ihm abgebrochen, aber er kam kürzlich eines Nachmittags auf wenige Stunden nach Kienberg."

In diesem Fall habe ich nichts werter zu sagen. Sie müssen wissen, was Sie thun, Fraulern Velten. Gute Nacht. Sie gestatten, daß ich mich empfehle, ich habe noch eine notwendige Konferenz mit einem Be­amten vor."

Er ging, und Traute stand allein in dem öden, traurigen Dunkel der verschmachteten Sommernacht, die keinen Thau und keine Kühlung hatte für die verdursteten Rosen ustd verdorrten Blüten nach der brennenden Qual des Tages.

Dreißigstes Kapitel.

Des alten Graumann Sterben zog sich in die Länge. Jeden Tag erwartete man sein Ende, ja, jede Stunde konnte die letzte sein, doch das schwache Leben, das noch m ihm war, fristete sich mühsam hin. Trotzdem war er bei vollem ! Bewußtsein und wollte Traute nicht von sich lassen. .

Diese wich kaum von seiner Seite, jeder Schritt in das. Brantikower Herrenhaus kostete sie unendliche Ueberwin- dunq. Seit jener ersten Aussprache mit Paul Lehmigke scch sie diesen selten, er begegnete ihr höflich aber mit einer Kälte, die ihr schneidendes Herzweh machte.

Natta kam oft und leistete ihr Gesellschaft. Traute hatte bald herausgefunden, daß das junge Mädchen ein drückendes Geheimnis mit sich herumtrage, und eines Mends, als sie beide allein in der Bohnenlaube des Grau- manuschen Gartens saßen, gestand ihr Natta, unter einem vulkanischen Ausbruch von Leidenschaft, ihre Liebe zu Herrn von Löschnitz, von der Traute bereits eine dunkle Ahnung gehabt hatte. Unter Schluchzen und Jauchzen stammelte Natta von der Wonne und Qual ihrer Liebe, wahrend Traute in fiebernder Erregung lauschte, alle Tiefen des eigenen Gefühlslebens aufgewühlt in der Mitleidenschaft

I für das junge Mädchen.

Der Abend war erstickend schwul. Der Himmel glich! | einer schweren grauen Dunstmasse, und am Horizont zuckte | ein rötliches Wetterleuchten. Aber dieser Wetterschein | wiederholte sich jetzt jeden Wend, ohne daß der erlösende | Regen kam. Jeden Morgen stand derselbe glühende, wolken­lose Himmel über der verschmachteten Erde. .

| Der Sterbende litt heute schwer unter der Schwüle, uiro eben war Traute wieder zu ihm gegangen, besorgt um

j sein Ergehen, doch als sie ihn schlummernd fand, kehrte | sie zu Natta zurück. . , .

Diese saß wie ein Geist auf dem niedrigen Lattenzaun I des Gartens, die Hände um das Knie aefchlungen, dis | schwarzen Zöpfe über die Schultern auf ihr weißes Kleid | fallend, und die großen, durstigen Augen wie in verzehren- I der Sehnsucht in die Ferne gerichtet.

|Mignon", sagte Traute unwillkürlich zu ihr und legte | den Arm um sie. ,

O, Traute", rief Natta aufschreckend,ich habe Dix noch nicht alles gesagt, Du haß keine Ahnung ,was ich leide! Ich sterbe vor Eifersucht!"

Eifersucht? Auf wen?" ,

Kattas schlanke Finger krampften sich um Trautens Arm, sie beugte sich zu ihr und flüsterte! ,M _ift em I furchtbarer Verdacht! Nein es ist Gewißheit uöpi 1 doch kann ich es nicht beweisen. Mer ich weiß es, so wahr

Altar zu stellen, ich mußte die ganze Zeit stehen, und I dazu driickte niich der Atlasschuh auf dem linken Fuß ganz I unerträglich. Der Pastor konnte wie gewöhnlich kem Ende finden, ich stand auf einem Bein, während er höchst er­baulich über den Ehestand Wehestand und so weiter, salbaderte."

Einige lachten und ergingen sich in Neckereien, wo- I rauf der Hausherr die erste Gelegenheit benutzte, um die I Tafel aufzuheben. Man ging in den Gartensaal zuruck und 1 Traute zog Natta mit sich auf die Veranda hinaus.

Es war dunkel geworden, kohlschwarz standen die alten Kastanien vor der Terrasse, während ein trockener, durstiger Nachtwind Staub und trockene Blätter aufwirbelte und die Luft mit flauem, welkem Rosengeruch erfüllte. Die jungen Mädchen lehnten schweigend, jedes mit seinen eigenen Ge­danken beschäftigt, über die Balustrade des Balkons, als sich Natta plötzlich umwandte und durch das Fenster in den erleuchteten Salon starrte.

Verwundert blickte sich Traute um, als sie ein leises Lachen hörte. t

Ta stand Natta, die kleinen schmalen Hande zu Fausten geballt, die Augen sprühend.

Sie spielen wieder Schach!" kam es zischend von ihren -^Traute folgte ihren Blicken und gewahrte, daß Wma und Herr von Löschwitz sich eben zu einer Partie Schach I in einer entgegengesetzten Fensterecke niederließen. I

Nun läßt sie ihn vor einigen Stunden nicht fort!" flüsterte Natta und stampfte mit dem Fuße.Die dumme Gans!" fuhr fie in besinnungsloser Leidenschaft fort,bildet sich ein, sie macht ihn glücklich damit, und er zählt doch die Minuten, um sortzukommen!"

In diesem Augenblick trat Paul Lehmigke zu den jungen Machen heraus, und Natta lief in das Haus zurück. | Traute stand ihm allein gegenüber. Jetzt muß fie reden. Dabei fiel ihr jener Abend ein, als Paul Lehmigke zum I ersten Male als Gast in Brautikow war, und fie hier auf dieser selben Terrasse, fast zur selben Stunde zusammen waren. Vielleicht dachte er auch daran, er sah eure Weile schweigend in die Nacht hinaus.

Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie es mit Ihrer Arbeit in Kienberg geht? Haben Sie sich nun etwas eingelebt? fragte er freundlich-.

Ja nein" stammelte Traute, die Augen nieder­schlagend,ich glaube ich fürchte ich bin meiner Auf­gabe nicht ganz gewachsen."

Er sah überrascht auf.O, das findet sich, es macht sich mit der Zeit. Nur nicht den Mut verlieren."

Nein, ich werde nie tüchtig in diesem Fach sein", fuhr Traute mit dem Mute der Verzweiflung fort,darum werde ich nie Befriedigung finden. Ich komme heute mit der großen Bitte, daß Sie mich wieder frei geben, ohne mir für den scheinbaren Undank böse zu sein. Es hat sich mir eine ausgezeichnete Stellung bei einer reichen, alten Dame geboten, die mich als Ersatz für ihre verheiratete Tochter zu sich- zu nehmen wünscht. Ich werde mit ihr reisen und die Welt sehen. Ich glaube, das eignet sich besser für meine Fähigkeiten."

Wie etwas Auswendiggelerntes hatte Traute die Worte heruntergehaspelt, sie wagte es nicht, Lehmigke anzusehen, ihre zitternden Finger rissen krampfhaft an der Troddel eines von dem Zeltdach herabhängendeii Seiles. Ein peinliches Schweigen folgte.

Sie sind jeden Augenblick frei, zu thun, was Ihnen beliebt", sagte Paul Lehmigke endlich mit gänzliche ver­ändertem Ton,allerdings muh ich Sie bitten, Ihren Ver­pflichtungen in Kienberg noch bis Ende des Monats nach­zukommen, bis dahin hoffe ich alsdann einen Ersatz ge­funden zu haben."

Ich werde jedenfalls bleiben, bis Sie einen voll­kommen ausreichenden Ersatz gesunden haben und und darf ich hoffen daß Sie auch fernerhin meiner Mutter und Schwester freundlich gewogen bleiben?"

Trautens Stimme zitterte und fie schluckte an ihren aussteigenden Thräuen.

Ich- habe jetzt keine Ursache, meinen Kontrakt zu brechen, muß jedoch nach dem, was ich von Ihnen höre, fürchten, daß auch Ihre Mutter und Schwester die Kienberger Einsamkeit nicht lange ertragen werden/«

O nein, nein, sie werden gern dort bleiben."