Ausgabe 
25.7.1902
 
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Freitag den 25. Juli.

Nr. 109.

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Viftai.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Sie betraten jetzt den Gartensaal durch die -offenen Flügelthüren der Veranda und trafen dort die Familie versammelt. Alle Anwesenden betrachteten Traute mit einer Neugier, die fast, etwas Verletzendes für das junge Mädchen hatte.

Die Kommerzienrätin und Onkel Tom unterbrachen eine Partie Rabouge, um sie zu fixieren, Frau Stroppa tuschelte ihrem Gatten etwas zu, als dieser das junge Mädchen anstarrte, wie man ein Bild oder einen leblosen Gegenstand anstarrt. Alma erkundigte sich mit einem hal­ben Lächeln nach dem Ergehen des alten Graumann, das Traute peinlich- berührte, obgleich sie es nicht recht Verstand. '

Traute war kaum über die ersten konventionellen Phrasen der Begrüßung hinaus, M Herr von Löschnitz eintrat und ihr vorgestellt wurde. Auf den ersten Blick erkannte sie in ihm jenen Herrn, der sie, an dem Abend des ersten Wiedersehens mit der alten Heimat, im Park überraschte und den Irrtum beging, sie für die erwartete Geliebte zu halten.

Sie wurde sehr verlegen, Herr von Löschnitz- bewahrte jedoch so vollkommen seine Haltung, daß es ihr zweifelhaft blieb, ob er sie wiedererkannte.

Zu ihrer Erleichterung wurde sofort nach dem Eß­zimmer zum Thee aufgebrochen, und dort hatte sie ihren Platz zwischen dem Hausherrn und der Kommerzienrätin. Am ganzen machte ihr diese Familientafel einen uner­quicklichen Eindruck. Der Hausherr zeigte hier ein merk- jvürdig steifes, gezwungenes Wesen, das seltsam mit der freimütigen Behaglichkeit kontrastierte, die er bei seinem letzten Aufenthalt in Kienberg offenbarte.

Seine Frau hatte ihm gegenüber einen unausstehlich! (pöttischen Ton, während sie im übrigen eine etwas laute, orciert lustige Konversation führte. Sie war stets auf- allend in ihrer Kleidung wie in ihrem Wesen, überelegant Und outriert modern, wobei sie die Grenze des feinen Geschmacks nicht innezuhalten verstand. Ihre üppige Ge­stalt und ihr rotblondes Haar verlangten hingegen eine große Decenz der Kleidung für das ästhetisch-e Feingefühl.

Die Kommerzienrätin verhielt sich schweigsam, und ie§ lag etwas Feindseliges in diesem Schweigen, während Onkel Tom für jedermann der gute Kerl zu sein schien.

Das Girren des Turteltaub enpaaires Stroppa machte hie Kälte zwischen dem Ehepaar Lehmigke ziemlich! auf­fallend. Es war ein Glück, daß Herr von Löschnitz war, Um alle Klippen her Konversatiott mit weltmännischer Ge­wandtheit zu umschiffen.

Natta träumte blaß und abwesend über Heu Weisen

auf dem Teller, deren eigentlicher Zweck für sie nicht vorhanden schien, und auf der ganzen Gesellschaft schien ein Druck, eine Schwüle zu lasten, eine Unnatur, die ein allgemeines grenzenloses Unbehagen hervorrief ,das sich Traute in so hohem Grade mitteute, um bei jedem Wort und bei jedem Bissen ein Ersticküngsgefühl in ihr aufsteigen zu lassen.

Die Fenster nach dem Park standen weit offen, aber selbst der Abend brachte wenig Abkühlung nach! der Tages­hitze, und eine trockener, staubiger Luftzug bot keinöj Erquickung.

-Eiswasser und kühlende Getränke wurden herum­gereicht, der fette Maler ächzte bei jeder Bewegung, und duldete die Dienstleistungen seiner besorgten Gattin mir hilfloser Jammermiene, während er selbst die Anstrengung des Essens scheute.

Onkel Tom wurde bei jedem Glas Eiswasser mit Cognak oder vielmehr Cognak mit einigen Tropfen Wswasser redseliger und schilderte eben die seltsamen drastischen Sitten einer Bauernhochzeit im südlichen Frank­reich, die er erlebt haben wollte.

Alma war die einzige, die darüber lachte, während sie, trotz- ihres dünnen, champagnerfarbenen Foulard­kleides mit tief entblößtem Hals, ganz aufgelöst vor Hitze, in ihrem Stuhl lag, und sich so energisch Kühlung mit einem großen/ rasselnden Fächer zufäch,elte, daß die Spitzen an ihrem Weißen, üppigen Nacken flogen und die Stirn- löckch-en sich sträubten.

Eine Hochzeit ist immer und unter jeder Be­dingung für die Betreffenden eine Tierquälerei", sagte sie, sich mit dem duftenden Taschentuch das Gesicht betupfend. Das Parfüm des Tuches wehte über tue ganze Tafel.

Meinst Du das auch?" fragte Frau Stroppa ihren Gatten mit einem süßen Blick, der durch ein Grunzen beantwortet wurde, das wahrscheinlich zärtlich sein sollte.

Gräßlich war es bei uns!" fuhr Alma fort,die Hetzjagd und der Trub-el, dazu den ganzen Tag angegafft und beglückwünscht zu werden! Ich habe mich noch- in der letzten Stunde mit Paul gezankt, weil ich bte Deputation aus seiner Fabrik nicht auch- persönlich empfangen wollte. Sie brachte uns ein prachtvolles Album, aber ich hatte genug von allen Huldigungen und Geschenken an dem! Tage. Und nicht mal mein eigenes Hochzeitsdiner habe ich in Ruhe essen dürfen, da stano Paul schon mit der Uhr hinter mir, und mir schmeckte doch! die herrliche Geslügelpastete so gut. Ich hatte Hunger wie ein Löwe nach all den Strapazen, aber nicht mal satt essen durfte man sich!" ~

Paul sah finster auf seinen Teller bei diesen Remimss, cenzen, aber Alma schien weder ihre Taktlosigkeit zu sühlert oder sie hatte eine bestimmte Absicht dabei.

Und in der Kirche, bet der Trauung habe ich Qualen ausgestandcn. Sie Wien vergessen, unK SAM vor VE