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die Gleichgiltigkeit, mit der sie mich abschüttelt, das Feuer nur schürt, das mir in den Adern brennt."
„Himmel, wer ist denn diese verführerische Circe?"
„Namen nenne ich nicht. Mag sie mich mit Füßen treten, ich werde sie nicht verraten!"
„Sehr nobel, wahrscheinlich viel zu nobel für so eine Sirene. Es trifft such, übrigens merkwürdig. Ich suchte heute jemand, der meine glückliche Liebe mit mir feiert, und Sie brauchen jemand,, der Sie Ihr Unglück vergessen macht- Vielleicht gelangen wir beide auf demselben Wege zu verschiedenen Zielen."
„Aus Ihr Glück!" rief Löschnitz, indem er mit wehmütigem Lächeln das Glas hob."
„Ja, auf mein Glück und meine Liebe!" antwortete Camill, „ich sage Ihnen, heute habe ich auch erfahren, wie süß die Stunden sind mit dem Weibe, das man lieb hat." (Fortsetzung folgt.)
Aus der Hochsiaplerwelt.
Von Adolf.Höllerl.
(Nachdruck verboten.)
Ich war der einzige Sohn meiner Eltern. Daß ich fast über die Gebühr verzärtelt und verhätschelt wurde, will ich nicht in Abrede stellen, doch hatte diese in vieler Hinsicht entschieden zu verwerfende Methode der Pädagogik bei mir nicht das gewöhnliche ungünstige Resultat einer solchen Erziehung zur Folge, sondern trug, besonders als der Verstand mehr und mehr in feine Rechte trat, ganz annehmbare Früchte; denn sch empfand das Bedürfnis, meine guten Eltern für ihre liebe Aufopferung und Sorgfalt, mit welcher man mich überschüttete, zu entschädigen, und ihnen durch Fleiß, gesittetes Betragen und Fortschritte in meinem Studium Freude zu bereiten. Wie ich später als Bester die Prima absolvierte, herrschte großer Jubel in unserem Hause. Wenige Monate darauf bezog ich die Univerfität zu M., um Medizin zu studieren und verbrachte dort, äußerst zurückgezogen und nur meinem Studium lebend, vier Semester. Zur Fortsetzung meiner weiteren Studien begab ich mich sodann nach W., und hatte dort die Ehre, die berühmten medizinischen Kapazitäten Willroth, Hyrtl, Krafft-Ebing, Zuckerkandel, Hebra und noch andere mehr persönlich kennen zu lernen, und in einen näheren Verkehr mit ihnen zu treten.
Heute noch, als Universitäts-Professor, freue ich mich, daß ich keiner der studentischen Verbindungen mit ihren paradoxen Lächerlichkeiten, Kindereien, Sonderbarkeiten und gefährlichen Ausschreitungen beigetreten bin, und so auf diese "Weise manches Unheil von mir und meinen lieben Eltern abgewendet habe. Es war dies vielleicht weniger die reiche Frucht einer ernsten Erwägung und Ueberlegung, als vielmehr der Ausfluß meiner Liebe und kindlichen Verehrung zu meinen lieben Eltern. Ich weiß, daß ich mich im Widerspruche mit so manchen meiner Kollegen befinde, wenn ich behaupte, daß das Verbindungswesen einen Krebsschaden unseres akademischen Lebens bildet, und ein Ueber- rest mittelalterlicher Unsitte und Rohheit sei, doch ändert dies nichts an der Thatsache, daß dem wirklich die Wahrheit nicht abgesprochen werden kann.
Mit 23 Jahren hatte ich mein Doktor-Diplom in der Tasche, und das Entzücken meiner lieben, guten, alten Mutter war ein derartiges, daß ich beinahe fürchtete, sie verliere den Verstand. Sie suchte ihre sämtlichen Schmuck- gegenstände zusammen — für eine alte Frau, meinte sie, hätten dergleichen Dinge ja doch keinen Wert — und tauschte dafür, trotz des Widerspruches meines verständigeren Vaters, einen prachtvollen Ring von faszinierender Schönheit, und ungewöhnlich hohem Werte ein. Ueberall, wo ich nur hinkam, erregte er Bewunderung und stempelte mich sozusagen zum reichen und vornehmen Mann. Das Wort meiner Mutter: Dieser Ring soll ein würdiges Pendant zum Doktorhüte sein, faßte ich nicht in diesem Sinne aus, auch freute ich mich weniger über die Schönheit und den Wert desselben, als vielmehr darüber, daß das liebende Herz und die Hand der Mutter es war, die mir dieses kostbare Angebinde gab, und ich scheue mich nicht, einzugestehen, daß ich dieses Kleinod als eine Art Fetisch betrachtete.
Tie Jahre kommen und vergehen, und eines Tages sah ich mich selbst auf dem Katheder, zu dem ich einst so ehrfurchtsvoll emporblickte. Ich hatte ein großes zwei- bändlges Werk über Psychiatrie geschrieben, das mir einen
Rus.nach E. in England einbrachte, dem ich auch Folge leistete.
Zwei Jahre hatte ich bereits an dieser berühmten Stätte der Wissenschaft gewirkt, als ich etwas erleben mußte, das ich wohl als das denkwürdigste, aber auch entsetzlichste Ereignis in meinem Leben bezeichnen muß.
Es mußte gleich 4 Uhr schlagen, und ich hatte mich noch nicht zu meiner Vorlesung vorbereitet. Es war erstickend heiß, die Luft schwül und gewitterhaft, ich empfand große Unbehaglichkeit, und eine Art ungewohnten nervösen Reizes.
Bisher war der Hörsaal für mich mehr ein Vergnügen, als eine Arbeit gewesen, die abstrakte Theorie meiner Wissenschaft war für meinen Geist eine Erholung. An jenem Tage aber empfand ich, ohne zu wissen warum, eine Art von Bangigkeit, die mir nicht gewöhnlich war. Ich empfand ein unüberwindliches Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein. Als ich an die Gingangsthüre meines Hörsaales kam, Ivars ich im Vorübergehen einen Blick hinein, und bemerkte, daß er so voll war, wie ich ihn noch nie gesehen. Wie ich über den Flurgang schritt, hörte ich den Namen eines berühmten sremden Arztes nennen, der sich unter meinen Zuhörern befinden sollte. Diese beiden Umstände würden mir zu jeder anderen Zeit nur Freude gemacht haben, jetzt vermehrten sie meine Unruhe und Bangigkeit, die den höchsten Grad erreichten, als ich, wie ich eben in den Saal treten wollte, bemerkte, daß ich meine Kollegienheste im Wagen hatte liegen lassen, den ich weggeschickt, weil ich zu Fuß nach Hause gehen wollte. Um sie holen zu lassen, war es zu spät; immer unruhiger und nicht wissend, was in dieser Verlegenheit zu beginnen, öffnete ich meine Brieftasche, und durchlief schnell eine Menge darin ohne Ordnung verzeichneter Bemerkungen; glücklicherweise fiel mein Auge auf einige neue und interessante Beobachtungen über den Wahnsinn. Ich beschloß diesen Gegenstand zum Thema meiner aus dem Stegreife zu haltenden Vorlesung zu machen.
Es ist mir nur eine verwirrte Idee von dem gr blieben, was mir hernach zustieß. Ich erinnere mich jedoch des Beifallklatschens, das mich beim Eintritte empfing, und das sich verdoppelte, als man den gereizten Zustand bemerkte, worin ich mich befand. Als es wieder ruhig geworden war, nahm ich allen meinen Mut zusammen, und fing endlich an. Die ersten zusammenhängenden Worte, die ich sprach, kosteten mir unerhörte Anstrengung; ich stotterte und hielt bei jedem Wvrte an. Zuletzt jedoch ermutigte ich mich allmählich und die hohe Auftnerksam- keit, womit man mir zuhörte, gab mir etwas Vertrauen. Bald merkte ich, daß sich das dicke Gewölk verzog, das mein Gehirn umlagerte, meine Gedanken wurden klarer, die Worte kamen mir von selbst auf die Lippen, die Vergleichungen, die Ausdrücke stellten sich mir in Menge dar, Ich durste nur wählen. Je weiter ich kam, um so mehr Stärke erlangten meine Schlüsse, um so mehr Konsistenz meine Beweise, die Geläufigkeit, womit ich sprach wunderte mich selbst. Ich behandelte Fragen, aus die ich zu jeder anderen Zeit mich einzulassen nicht gewagt haben würde, mit außerordentlicher Leichtigkeit. Sie waren ein Spiel für mich, so einfach und klar schienen sie mir zu sein. Ich ging vom Erstaunen zur Beftemdung über; mein Gedächtnis, das mich immer träge und undankbar gesunden, war plötzlich wunderbar treu geworden; es brachte mir, einem Spiegel gleich, die geringsten Ereignisse meiner Lausbähn in Erinnerung. Ich sührte einen Schriftsteller an, und that es so genau, daß man hätte glauben können, daß ich sein Buch vor Augen habe. Fakta, Anekdoten kamen meinen theoretischen Erklärungen zu Hilse.
Ich ermutigte mich immer mehr und mehr; die Schnelligkeit, womit meine Gedanken aufeinanderfolgten, regten meinen Geist in einem hohen Grade aus.
In diesem Augenblicke empsand ich eine Art instinkt- artigen Entsetzens. Es kam mir vor, als wäre eine unbekannte Gesahr, die zu vermeiden, mir unmöglich salle, im Begriff, auf mich einzudringen.
Die übernatürliche Macht, die mich bis jetzt aufrecht erhalten hatte, fing jedoch an, mich zu verlassen; meine Gedanken verwirrten sich, ftemde Gestalten, pbantastische Figuren schwirrten vor meinen Augen umher; die Gegenstände, worüber ich gesprochen, belebten sich-, und umringten mich in einer chaotischen Gruppe. Plötzlich! kam mir ent fürchterlicher Gedanke, ein lautes, satanisches Lachen ent-


