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tzkbabt hätte, als sie selbst, trotz ihrer baren Mitgift, uno sie konnte Traute in den Augen der Anwesenden nicht tief genug erniedrigen.
In lebhaften Farben schilderte sie die intime Situation, in der sie tzas junge Mädchen mir ihrem Liebhaber kurz vorher überrascht hatten, und jedes ihrer Worte war ein wohlberechneter Nadelstich in jene verborgene Wunde, die sie im Herzen ihres Verlobten ahnte.
Paul verzog keine Miene, er blieb gelassen und scheinbar vollkommen gleichgiltig, aber er batte das Gefühl, als ob er jemand erwürgen möchte. Und während er dem häßlichen Klatsch der Frauen zuhören mußte, verließen Traute und Camill den Garten. Noch lange sah er ihre schlanken Gestalten, wie sie traulich langsam den Wiesen- psad hinunterschlenderten, bis sie in dem goldenen Abendduft der Ferne verschwanden.
Zwölftes Kapitel.
Erst an der letzten Straßenecke, vor dem Hause ihrer Elteru, fiel Traute eilt, daß ihr langes Ausbleiben daheim wohl einer Erklärung bedürfe .
„Was soll ich meinen Eltern sagen?" fragte sie, als Camill ihr die Hand zum Wschied reichte.
„Vorläufig uichts. Tn kennst ja meine Lage, erst muß ich die Schulbank überwunden haben, ehe ich Herr meiner selbst bin. Wir müssen unser Verhältnis geheim halten, oder ich käme in allerlei Unannehmlichkeiten. Tas siehst Tn doch ein, süßer Schatz?"
„Ja — aber — ich weiß nicht, was sie von meinem Ausbleiben heute denken werden! Wie soll ich es erklären?" fragte Traute kleinlaut.
„Nun — ich weiß nicht, wie Tn mit Deinen Eltern stehst — entweder sage ihnen die Wahrheit, Tn seist mit mir spazieren gegangen, oder —"
„Ich sage ihnen jedenfalls die Wahrheit", erwiderte Traute schnell. Etwas beklommen betrat sie die elterliche Wohnung.
„Wo bist Tu gewesen?" fragte Herr Velten streng, als sie die Eltern möglichst harmlos begrüßte.
„O, Papa, das Wetter war so herrlich, Graf Stausfen Überredete mich zu einem Spaziergang in das Rosenthal."
„So hast Du Dich den ganzen Nachmittag allein mit ihm herumgetrieben?"
Traute sah bestürzt aus, und ihre Mutter blickte sorgenvoll auf.
„Wer Papa —"
,„Haben denn unsere Lehren und die sorgfältige Erziehung, die wir Euch gaben, so wenig gefruchtet, daß Tu Tich so vergessen kannst? Weißt Du so wenig, was einer Dame zukommt?"
Traute war heftig erschrocken. Ihr Vater hatte bis jetzt gegen den harmlos freien Verkehr mit Graf Stauffen nichts einzuwenden gehabt, im Gegenteil, gegen die leisen Warnungen der Mutter hatte er ihr jede Gelegenheit gewährt, die sie mit Camill näher und näher zusammenführte. Dar heutige Spaziergang war nur ein kleiner Schritt weiter gewesen auf dem einmal betretenen Wege — sie hatte sich darum die Konsequenzen nicht so ernsthaft gedacht.
„Mein Gott, auch das noch!" stöhnte Herr Belten in seiner Sophaecke, „auch das noch zu all dem Unglück! Daß ich das an meiner Tochter erleben muß!"
Traute brach in Thränen aus.
„Ws ich Dir den freundschaftlichen Verkehr mit Stauffen gestattete, that ich es in dem vollen Vertrauen, daß meine Tochter weiß, was ihr zukommt. Entweder sie bleibt in den strengsten Grenzen der Zurückhaltung, oder der junge Mann, der sich um ihre Gunst bewirbt, heiratet ste. Wenn Du Dich aber auf solche Weise fortwirfst, kannst Tu Dich nicht wundern, wenn —"
Jetzt bäumte sich Trautens Stolz aus, einen solchen Vorwurf ertrug sie nicht.
„ faß1 Dir denn, daß er mich nicht heiraten will? Er liebt mich und er wird mich heiraten, aber so lange er noch auf der Schstle ist, kann er nicht selbständig handeln, jetzt sind ihm noch die Hände gebunden!"
„Ah — das ist etwas anderes — hat er Dir das gesagt?"
„Ja, er hat es mir gesagt, aber er hat mich gebetest, vorläufig zu schweigen. Er könnte sonst in große Un- tmnehmlichkeiten kommen."
Siebes Kind, ich sehe ein- daß dieser Fall ein Aus-,
nahmefaK ist, und unter den obwaltenden Umständen soll Dir Deine heutige Unvorsichtigkeit verziehen sein. Tu mußt mir aber fest versprechen, daß Tu von heute an nicht mehr solche Streiche machst. Ihr habt nun Gelegenheit gehabt. Euch gegenseitig Eurer Liebe zu versichern — das ist so weit ganz gut — von nun an mußt Tu aber sehr klug und zurückhaltend sein, wenn Tu ihn für immer an Tich fesseln willst. Bedenke das wohl. Männer heiraten niemals Frauen, die ihnen unerlaubte Freiheiten gestatten. Hier im elterlichen Hause kannst Tu mit Stauffen verkehren so viel Tu willst, aber nie mehr allein, am dritten Ort. Tas hat nun ein für allemal ein Ende!"
Traute schlich bedrückt davon. Wie schade, daß sie nicht offen vor aller Welt dem Geliebten gehören durste! Und welch ein unerträglicher Zwang, nur unter den Augen der Eltern mit ihm zu verkehren!
Camill Stauffen schlenderte, nachdem er Traute verlassen hatte, in die Stadt. Auch er war in zu gehobener, glücklicher Stimmung, um sich auf sein Zimmer setzen und arbeiten zu können. Er suchte jemand, mit dem er den Tag fröhlich beschließen konnte. An der Ecke der Grimmaschen und Peterstraße stieß er auf einen alten Bekanntenden er lange nicht gesehen hatte.
„Heda, Löschnitz, Sie kommen mir gerade recht. Ich muß heute abend jemand haben, der sich auf mein Wohl bezecht. Aber, Mensch Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Influenza in den Knochen steckte, oder ist es nur eini bombenmäßiger Kater?"
„Bester Stauffen — Sie wissen nicht? Muß Dienst quittieren, bin ein toter Mann." Ein verzerrtes Lächeln ging über das fahle Gesicht des jungen Mannes.
„Zum Teufel auch, will der Alte nicht mehr berappen? Hat er so wenig Verstand für seine Vaterpflichten?" fragte Camill, indem er fernen Arm in den des Leutnants schob, der bereits keine Uniform mehr trug.
„Er kann nicht", erwiderte Löschwitz dumpf.
„Vor allen Dingen suchen wir uns ein gemütliches Plätzchen, wo wir die Sache in Ruhe besprechen können", schlug Camill vor, und bald saßen beide hinter einer Flaschie Sekt im Eiskübel, die Stauffen bestellt hatte, bet Aecker- lein. Löschnitz goß hastig einige Gläser des schäumenden Weines hinunter, dann wurde er mitteilsam.
„Wenn ich nur könnte, wie ich wollte", hob er an, „dann würde ich wahrhaftig hier nicht sitzen und Ihnen die Jacke voll heulen. Wer — ich habe eine alte Mutter zu Hause- und der darf ich's ja nicht anthun. Es ist ein eigen Ting um so 'ne Mutter. Merkwürdig bleibt's immer und für mich ein Rätsel — wie schlecht die Weiber sind, und was für gute Mütter!"
„Na, na", unterbrach Stausfen, „'s giebt doch verflucht süße Weiber aus der Welt. Und mir sind die jungen lieber wie die alten. Was meine Mutter betrifft, so erinnere ich mich nur, daß ich ihr als Kind immer drei Schritt vont Leib bleiben mußte, von wegen der Nerven und der Toilette. Und später sieht man sich ja nicht mehr allzuviel/«
„O", sagte Löschwitz mit einem langgedehnten Seufzer- „meine Mutter war anders. Wer mit der Liebe bin ich gescheitert."
„Hallo! alter Freund! Hier mal erst ordentlich einen trinken. Tann sieht sich die Sachte gleich anders an. Macht mich ein blaues Auge krank, ein braunes muß mich heilen! Und mit diesem Trunk im Leibe siehst Tu schließlich Helena in jedem Weibe!"
Löschnitz trank mit fast wilder Gier. „Nein, Stauffen, wer so spricht, hat nie geliebt! Ich war zu glücklich, und bin zu jäh aus meinen Himmeln gestürzt, um mich von diesem Fäll erheben zu können. Und mit meiner Liebe hatte ich alles gewonnen. Nicht nur den Besitz des Herr-, lichsten Weibes, sondern Reichtum, Unabhängigkeit, Befreiung aus der ganzen Misere, die ich nun jahrelang mit mir Herumschleppe."
„Und sie hat Tich sitzen lassen?"
Löschnitz' Hand krampfte sich zur Faust, seine Augen glühten. „Sie hat mich schmählich betrogen, belogen! Nach?- dem sie mir heimlich ihre Gunst gewährt — nachdem sie mich alles hoffen ließ — o, Stauffen, Sie ahnen nicht, wie süß die Stunden sind mit dem Weibe, das man liebt, liebt, sv wie ich, mit ganzer Seele, mit allen Sinnen — hat sie mich schnöde verleugnet, verlassen, verraten! Mein Gott, wenn rch sie nur hassen könnte, aber da« Entsetzliche ist, daß ich sie noch in dieser Stunde liebe, und daß die Külte und!


