Ausgabe 
25.6.1902
 
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Mittwoch den 25. Juni.

Nr. 93.

1902.

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iqQ nicht von jedem Ungemach

Dir saure Wochen machen;

Was du verlachst ein Jahr danach, Kannst du schon heut' verlachen.

Julius Lohmeyer.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Nie wird er das Bild aus seinem Gedächtnis löschen rönnen, wie mit höllischem Feuer ist es von der Stunde >an in seine Seele gebrannt, der schmale, in grünem Dämmerlicht sich verlierende Pfad, und unter der Wölbung des Buchen- und Haselgesträuchs das junge Menschenpaar, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, in den flimmernden Lichtfunken, die die Sonne durch das Geäst über sie und in den Waldschatten streut.

Ein kalter Schauer überlief ihn, und Alma sreht seine Qual. Sie lächelt, aber es ist ein unheimliches Lächeln.

Ah", sagt sie noch einmal, mit' einem langen, aus­drucksvollen Ah,da haben wir ja unser Eispärchen. Es scheint, die jungen Leute machen Fortschritte. Tu kannst ja noch einmal behaupten, der Ruf dieser jungen Dame sei ihre Sache, wenn sie sich mit ihrem Galan an öffentlichen Landstraßen herumtreibt, und sich in solchen Situationen zur Schau bietet."

Was geht das mich und Dich an?" stieß Paul hervor, und es war ein heiserer Ton in seiner Stimme, der fast wie Haß klang.

Aber er sollte den Kelch bis auf die Nerge leeren. Im Neuen Schützenhaus trafen sie Herrn und Frau Jänisch mit Herrn und Frau Lehmigke. Zufällig fanden sich noch einige Verwandte und Bekannte dazu, und man bildete in dem Borgarten des Schützenhauses eine lange Kaffeetafel, an der das Brautpaar präsidieren mußte, und wo die Verlobuna in heiterster Stimmung gefeiert wurde.

Alma war die Königin in diesem Kreis und wurde von Müttern und Tanten lebhaft bewundert. Man flüsterte sich den Preis ihrer neuen Frühjahrstoilette zu, applau­dierte jedes Wort und jeden ihrer etwas lauten Scherze, während mau Pauls Zerstreutheit als maßlose Verliebtheit deutete. Tie bevorstehende Hochzeit und Almas Trousseau boten den Damen unerschöpflichen Gesprächsstoff, während die Herren sich, lebhaft für Pauls Thätigkert in Brantikow interessierten.

Dieser entwarf eben ein anschauliches Bild der ver­lotterten Wirtschaft, die er auf dem Gute vorgefunden,

als Traute mit Camill Stauffen den Restaurationsgarten betrat.

Sie hatten sich im Walde müde gelaufen, und wollten sich ausruhen und stärken, bevor sie Heimkehrten. Traute achtete gar nicht auf die anwesenden Menschen, ebenso wenig wie sie vorher Paul Lehmigke in dem vorüber­rollenden Wagen erkannt hatte. Sie war zu sehr mit sich und ihrem Glück beschäftigt, und da der Garten ziem­lich gefüllt war, bemerkte sie die Familientafel der Leh- megkes und Jänifches nicht.

Es war so wonnig, hier im Freien unter den Baumen zu sitzen, allein mit dem Geliebten. Bor ihnen lag der herrliche Wald, und die Vögel zwitscherten und jubelten über ihnen in den Zweigen. Sie hatten ein etwas ent­legenes Plätzchen gewählt, und saßen dicht nebeneinander auf der Holzbank, berauscht von dem Hochgefühl ihres jungen Glücks. Sie hatten sich unendlich viel zu sagen, und versanken doch immer wieder in seliges Schweigen. Ein Blick, ein Lächeln, ein verstohlener Händedruck, sprachen alles aus und genügten, um sich gegenseitig zu verstehen.

Tie unbedeutendste Kleinigkeit gab Anlaß zu Scherz und fröhlichen Neckereien. Als Traute den Kaffee ein­schenkte und servierte, nannte Camill sie seine kleine Haus­frau, und Traute errötete vor Freude. Sie hatte keine Ahnung, daß sie beobachtet wurde, und wie scharf man fiß beurteilte.

Almas Augen entging niemand im ganzen Lokal, und bald war ein Geflüster an der Familientafel, ein verstohlenes Sichumwenden und Hälseverdrehen nach dem interessanten Paar unter den Eschen in der gegenüber­liegenden Ecke des Gartens, das Paul Lehmigke äußerste Pein verursachte.

Auch er hatte Camill und Traute sofort bemerk, und er saß seitdem wie aus Kohlen. Gr bemühte sich, sie gänzlich zu ignorieren, und das geschäftliche Gespräch mit den Männern seines Kreises fortzusetzen, aber auch, diese wurden neugierig durch das Tuscheln und Hälsever­drehen der Damen, und fragten, was es gäbe.

Siehste Paul", sagte Papa Lehmigke, als er den Sach­verhalt begriffen hatte,wie dumm die Leute find? Habe ich's nicht gesagt, daß dieser Mann nicht nur fern Gut, sondern auch seine Kinder zu Grunde richten wird? Herr Jeses, 's ist ewig schade um das Prachtmädchen wirft sich weg an so'n hergelaufenen Grafen, der niemals keine reellen Absichten hat. Na, da is nu nichts mehr zu retten mit denen geht's bergab aber feste. Ins Irrenhaus müßte so'n Vater, reineweg ins Irrenhaus für fernen Hochmut und seine Dummheit!"

Aber, lieber Schwiegerpapa", sagte Alma' spitz,Du kannst doch dem Vater nicht allem die Schuld geben. Es giebt viele verarmte Mädchen, die trotzdem anständig bleib en "

Alma hatte das empfindliche Bewußtsein, W der alte Lehmigke Traute Belten lieber zur Schwiegertochter