Ausgabe 
25.4.1902
 
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Wenige Minuten später lief sie, nur in einen dünnen Shawl gehüllt, durch Regen und Wind die Landstraße $lltÖShtt Abend desselben Tages langte sie in Balby, der Borstadt von Kopenhagen, an, wo ihr Bruder wohnte.

In dem kleinen Hause, in das sich Helene Rabe in ihrer Not geflüchtet hatte, wimmelte es von kleinen schwarzen Köpfen, die vom Morgen bis zum Abend nach SBrot fcbrieen

Es war sehr hart für sie, ihrem Bruder und ihrer Schwägerin zur Last fallen zu müssen, da diese im voraus genug an der Versorgung ihrer eigenen Schar hatten. Sie sah auch sehr wohl, mit wie scheelen Blicken sie jeden Bissen ansahen, den sie in den Mund steckte. Wer ihr Aufenthalt würde voraussichtlich nicht von langer Dauer sein. Natür­lich würde ihr Vater Holmstrup sobald als möglich verlassen, und da mußte sie ja in den sauren Apfel beißen und wieder mit ihm zusammenziehen.

Aber die Verhältnisse gestalteten sich höchst sonderbar. Ter Vater blieb, wo er war, und da sie unter keiner Be­dingung nach Holmstrup zurückkehren konnte, mußte sie sich einstweilen in Valby häuslich niederlassen.

So mietete sie denn im Januar eine große Mansarden­stube in einem niedrigen Hause ganz in der Nähe des Bruders und errichtete dort eine Schule für kleine Mädchen.

Und nun begann ein Leben mit arbeitslangen Tagen und wach durchkämpften Nächten.

(Fortsetzung folgt.)

Von den Schildkröten-Jnseln.

Bon Fred Hood.

(Nachdruck verboten.)

Die unter dem Namen Galapagos bekannte Insel­gruppe im Stillen Ozean, etwa 500 Seemeilen westlich von Südamerika, gehört zu den interessantesten und merkwür­digsten Gebieten der ganzen Welt. Es ist ein Reiche wilder Romantik, wo die Tiere fast friedlich miteinander leben und nur einen fürchterlichen und grausamen Feind kennen den Menschen.

Der ganze Archipel ist vulkanisch. Es giebt da über 2000 erloschene Krater, welche unmittelbar aus der tiefen See bis zu einer Höhe von 1500 Meter emporsteigen, sie geben im Verein mit den ungeheuren Massen schwarzer Lava, welche hohe und steile Küstenfelsen bilden, ein Ansehen wilder Romantik. Weite schwarze Basaltfelder erstreckten sich nach allen Richtungen, nur 700 Quadratkilometer sind kulturfähig. Mbemarle, die größte der fünfzehn Inseln, ist besonders kyklopischer Natur, und aus einigen ihrer zahlreichen Krater steigen noch heute Rauchwolken empor.

Auf der Insel Chatham befindet sich eine kleine Straf­kolonie (ccl 200 Seelen). Doch die ganze Gruppe wird nur des Guanos wegen oder von Schildkröten- und Wal- sischjägern besucht. Die übrigen vierzehn Inseln sind un­bewohnt. Die Fauna dieser Inseln, welche einzig in ihrer Art ist, hat von jeher das Interesse der Naturforscher in hohem Maße in Anspruch genommen. Die verschiedenen Tiere sind größtenteils auf diesen unfruchtbaren Fleck be­schränkt, und das merkwürdigste ist, daß sie auf den ver­schiedenen Inseln der Gruppe sich so wesentlich von ein­ander unterscheiden, als hätten sie auf verschiedenen Erd­teilen und unter wechselnden Lebensbedingungen das Licht der Welt erblickt.

Einige dieser Tiere werden nirgends sonst auf der ganzen Erde gefunden, und die Thatsache, daß die Inseln trotz ihrer gegenseitigen Nähe eine große Zahl von Arten aufweisen, von denen jede nur auf einer Insel heimat- berechtigt ist, hat Darwin und andere zu wichtigen Er­mittelungen über die Entstehung neuer Arten geführt.

Zu den interessantesten Tieren der Inseln gehören die Schildkröten. Ursprünglich wurden sie ans allen Inseln der Gruppe gefunden, doch so groß war die Nachfrage nach diesen interessanten Geschöpfen, daß man ihnen jetzt nur noch auf den größeren Inseln begegnet. Es sind Landschild­kröten, welche ein Gewicht von mehreren hundert Pfund erreichen, und einige derselben sind so schwer, daß sechs bis sieben Männer erforderlich sind, um sie aufzuheben. Man fand früher Schildkröten, welche 1200 und sogar 1400 Pfund wogen.

Auf vielen der Inseln findet der Besucher sonderbare Fährten oder Pfade, welche bis zu Höhen von 1000 Fuß

emporführen. Das sind die Spuren der Schildkröten, welch« auf den dürren Inseln genötigt sind, nach den höhere« Regionen hinaufzukriechen, um Wasser zu erlangen. Auf einigen Inseln giebt es aber überhaupt kein Wasser, und dort sind die Schildkröten allein auf Kakteen angewiesen. Wenn diese Tiere, an Gestalt und Wesen ihrer wilden Umgebung merkwürdig angemessen, zwischen den rauf)en Felsen und Kratern dahinkriechen, gewähren sie einen seltsamen, un­heimlichen Anblick. Ter Schild ist groß und gewölbt, und wenn das Tier sich vorwärts bewegt, erhebt sich der Rücken wohl an drei Fuß über den Boden. Der .Hals ist laug, aber der Kopf ziemliche klein und keineswegs geeignet, dieses merkwürdige Geschöpf anmutiger erscheinen zu lassen. Diese Schildkröte ist, wie der Amerikaner Charles F. Holder be­richtet, Vegetarierin, auf einigen der Inseln lebt sie aus­schließlich vom Kaktus, der für sie zugleich Speise und Trank ist, während sie sich auf anderen Inseln von Flechten, mannigfachen Blättern und Beeren ernährt. Wo es reichlich frisches Wasser giebt, beweisen die Schildkröten für dieses eine ganz besondere Vorliebe. Sie gehen in die schlammi­gen Quellen hinein, welche in einer Höhe von 1000 bis 1500 Fuß gefunden werden, und tauchen ihre Köpfe uiit dem größten Behagen in das Wasser; und dann bleiben sie gleich mehrere Tage in diesem Gebiete, welches das wahre Eldorado für sie zu sein scheint.

Man kann den Tieren große Lasten aufbürden; sie können vielleicht drei Männer forttragen. Darwin stellte Bei feinem Besuch auf den Inseln fest, daß die Schildkröten pro Tag vier englische Meilen zurücklegen können; doch hat man konstatiert, daß sie sogar noch schneller kriechen können. Das männliche Tier scheint eine Stimme zu haben, denn es stößt einen lauten, gellenden Schrei aus, der auf einige Ent­fernung zu hören ist. Dies beschränkt sich jedoch auf die Brutzeit: zu anderen Zeiten ist der einzige Laut, den das Tier hören läßt, ein Zischen. Aus den Inseln, auf denen es reichlich Sand giebt, legt das Weibchen die Eier, welche nur wenig größer als Hühnereier sind, in ein von ihm ge­grabenes Loch, ganz nach der Art der Seeschildkröten, und läßt die Eier an der Sonne ausbrüten. Auf anderen In­seln, auf denen die Lava fast alles bedeckt, werden die Eier in Felsspalten gelegt.

Die Lebensdauer dieser Schildkröten vermochte man nicht genau festzusetzen; man weiß jedoch von einzelnen, daß sie achtzig Jahre alt wurden. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Tiere die Ureinwohner der Inseln sind, und Gunther hat sechs verschiedene Arten be­schrieben. Sie bilden ein sehr begehrtes Nahrungsmittel; fast jedes einlaufende Schiff sendet eine Jagdgesellschaft nach ihnen aus, und Schildkrötenjäger gehen alljährlich von der Küste Südamerikas nach den Inseln und fangen eine große Anzahl Tiere. Sie geben Oel und Fleisch in großen Quantitäten, und zwar wird letzteres in getrock­netem Zustande genossen.

Die Tiere wurden, soweit uns bekannt ist, zuerst im Jahre 1760 von Dampier beobachtet, und seitdem führen die Menschen einen wahren Vernichtungskampf gegen die interessanten Geschöpfe. Im Fahre 1813 fand Porter Schildkröten auf folgenden Inseln: Marlborough, James, Charles und Jnoefatigable. Im Jahre 1835 be­suchte Darwin die Inseln und fand die Zahl der Tiere außerordentlich vermindert. Im Jahre 1846 meldete das englische SchiffHerald", daß die Schildkröten auf der Insel Charles ausgestorben seien, und 1875 berichtete Ka­pitän Cooklon, daß auf der Insel Chatham auch nur noch wenige zu finden seien. Ms 1870 legten beständig Wal­fischfänger bei den Inseln an, und viele von ihnen haben bis zu 100 Schildkröten mit fortgeschleppt. Die Tiere konnten ohne Nahrung mehrere Monate auf Deck leben und bildeten so einen guten Beitrag zum Proviant. F. A. Lucas schätzte die Zahl der allein auf der Insel Charles gefangenen Tiere auf 6000, und die Gesamtzahl der auf allen Inseln gefangenen Schildkröten auf Hunderttausende.

Die Strafkolonie Ecuadors wurde 1829 auf der Insel Charles etabliert. Die Schildkröte wurde das hauptsäch­lichste Nahrungsmittel, und die Tiere wurden auf diese Weise bald ausgerottet; das aus dem Fett gewonnene Oel war sehr begehrt, und 1875 fand Cookson auf Mbemarle eine Jagdgesellschaft, welche in wenigen Mo­naten 3000 Gallonen Oel gewann. Mit uumenMicher Roheit wurden die Tiere ausgerottet, und niemandem scheint es Skrupel Bereitet zu haben, daß der Verlust der