Ausgabe 
25.4.1902
 
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Wer fein Sohn verstand es.

An jenem Tage, als Böje so plötzlich und mit schlecht verhehlter Gemütsbewegung dem Mühlhofe Lebewohl ge­sagt hatte, war ein heftiger Verdacht in Thomas Rabes Herzen erwacht, ein Verdacht, über den er sich jedoch nicht klar werden wollte, und den er zeitweise auch ganz hatte überwinden können. Wer jetzt, als der Alte kam und mit seinem geheimnisvollen Bericht über Böjes sonderbares Be­nehmen die glimmenden Kohlen zu neuer Glut entfachte, erwachte der Verdacht aufs iwue und wurde nur noch mehr bestärkt durch eine plötzlich auftauchende Erinnerung an das, was ihm der Unterförster im Sommer einmal von Hans Böje und einem gewissen Mädchen erzählt hatte.

Eines Nachmittags, als er wußte, daß Helene allein zu Hause war, ging er zu ihr.

Sie saß am Fenster und häkelte.

Er war einigermaßen ruhig und spracht eine ganze Weile über glerchgiltige Dinge, sah aber von Zeit zu Zeit mit ernem durchbohrenden Seitenblick zu ihr hinüber, dem ihre Augen mehrmals mit einem Ausdruck ängstlichen Fragens begegneten. ö

2Sie geht es Dir denn heute eigentlich?"

Ach ganz gut. Ich will jetzt gesund werden."

Sie hatte sich in der letzten Zeit bemüht, ihre Liebe mrt den starken Schnüren des Willens zu unterbinden. Sie war tritt Thomas durch ein Band verknüpft, das zu sprengen eine Schande, ein Verbrechen gewesen wäre. Das Leben hatte sie auf einen Kreuzesgang geführt, von dem sie nicht abbiegen konnte, ohne die Schwüre des Herzens zu ver- ^tzen wohlan, sie wollte ausharren, sie wollte die Heiligkeit des Gelübdes halten.--Wer in finsteren

Stunden suhlte sie, wie das Band bis auf den Knochen irnttiTT '

Sag mir doch, liebe Helene, was hast Du mit dem mehr!" toO etten gemacht? Du trägst es jetzt nie

Ich habe es Anne geschenkt, ich fand, es war so verblichen." 1

Er grübelte eine Weile über das Gehörte nach.

Helene, willst Du mir eine Frage offen und ehrlich beantworten?" 1 f

Sie erbebte vor Angst. V \

Und was ist es denn?" '

Willst Tu mir ehrlich antworten?"

bar an" ~ Thomas, Du siehst mich so svnder-

Liebst Du Hans Böje?"

Tie Hände sanken ihr in den Schoß .Thomas!" rief |te atemlos aus,weshalb willst Du mich nur hiernach Sie zitterte und vermochte kaum die Worte hervorzu- bringen.Das ist nicht recht von Dir."

,,,^,Er sank in den Stuhl zurück, als habe ihn eine Kugel tätlich getroffen.

Thomas'", fuhr sie fort und ging zu ihm hin,Du mußt nichts Schlechtes von mir glauben, Du weißt, wie lieb ich Dich habe. Du weißt, daß ich niemals das Wort brechen werde, das ich Dir gegeben."

Er schob sie sanft beiseite, erhob sich und sah sie mit einem Bltck an,a us dem das tiefste Elend sprach, dann ergriff er ihre Hand, drückte sie mehrmals und verließ dackauf langsam, gleichsam tastend, das Zimmer, ohne darauf zu achten, was sie sagte oder that.

In diesem Augenblick fühlte sie, daß sie zehnmal stärker an ihn gebunden war als vorher.

Nack einer Weile kam ein Bote mit einem Brief. Gleich, als sie ihn in die Hand nahm, fühlte sie, daß ein runder, schwerer Gegenstand darin lag.

Sie setzte sich; alles Blut strömte ihr aus dem Kopf, sie hatte ein Gefühl, als werde ihr Scheitel mit Eisnadeln bestreut; auf einmal aber schoß ihr das Blut wieder in warmen Wallungen in den Kopf. Sie schaute um sich too war sie? Was war denn nur geschehen?

Ihr Vater kam an seinem Stock ins Zimmer gehumpelt und setzte sich ins Sofa mit einer gebietenden Kopfbeweg­ung nach dem Schachbrett hin, das hinter dem Bücher­brett stand.

Sie blieb ruhig sitzen.

Willst Tu mir das Schachbrett geben?" s Keine Antwort, nur ein wirrer Blick.

Wie siehst Du nur aus, Kind!"

Cie zitterte am ganzen Körper, griff sich nach dem Kops und stieß einen gedämpften Klagelaut aus.

Was hast Du nur?"

Ach, Vater - es ist ein großes Unglück geschehen!" Was ist denn?"

Es ist aus mit Thomas und mir!" H i

Es ist aus? Was soll das heißen?"

Ach, Vater!"

Sie schob den Tisch beiseite, warf sich neben ihn auf die Erde und legte ihre gefalteten Hände auf seine Kniee. Und nun kam in thränenloser Verzweiflung ihr ganzes Ge- standms, während sie jeden Augenblick das Gefühl hatte, als schlösse sich ihre Kehle, als müsse sie ersticken.

. = Seine Brauen zogen sich mehr und mehr zusammen, das Gesicht schien zuletzt nur noch aus weißen Knochen zu bestehen.

Vater, sei mir nicht böse. Ich habe es mehrere Fahre mit mir herumgetragen, und niemand würde es jemals! erfahren haben, wenn nicht Thomas selber gekommen wäre."

Ein höhnischer Laut entfuhr ihm, er richtete sich auf und wollte sie von sich stoßen, sank aber zurück und schnappte nach Luft.

Mit einem Blick hatte er die ganze Situation erfaßt. Alles, wofür und worin er während der letzten Jahre ge­lebt hatte, war zusamtnengestürzt. Seine Hoffnungen auf eine gesicherte Zukunft für sie, auf ein ruhiges Wter für sich selber war mit einem einzigen Ruck aus seinem Herzen gerissen. Hier !var er, der Aermste, in diesem Keinen Heim umhergegangen, das ihm so lieb geworden war, und hatte von Frieden und Abendruhe geträumt. Und nun war ihm gekündigt und er mußte ausziehen, noch in dieser Stunde! Gekündigt und zur Thüre hinausgeworfen von seiner eigenen Tochter! Wohin sollte er nun, wovon sollte er leben? Mangel und Ratlosigkeit starrten ihn aus allen Ecken an. Das Gerede der Leute und der böse Leumund hinter ihnen drein; den Sinn von Gram erfüllt, mußten sie von dannen Sen und das Leben in Hunger und Elend beschließen.

das alles nur, weil sie ihre Pflicht nicht erfüllt hatte! Wo hatte sie denn nur ihren Verstand gehabt? Wie hatte sie diese unverzeihliche Schwäche begehen können, einem Sinnen- rausch nachzugeben, der in schreiendem Widerspruch zu allen Forderungen der Ehrbarkeit und weiblichen Keuschheit stand. Ihr Benehmen war ein Bruch mit der Pflicht und der Moral, ein Auflehnen gegen den Himmel und ein höhnisches Hintan- setzen all der Rücksichten, die sie ihrem hilflosen Vater schul­dete. Wer nun mochte sie liegen, Ivie sie sich gebettet! hatte er kannte sie nicht mehr.

Helene hatte sich erhoben und stand da, die Knöchel gegen die Schläfen gepreßt, bleich und zitternd^ als fei sie auf einer schweren Sünde ertappt.

Ihr Vater sprach nicht viele Worte, aber sie schlugen gegen ihr Herz wie harte Hagelkörner.

Eie wand sich unter seinem Blick, bat für sich; aber der alte Mann arbeitete sich in eine ohnmächtige Wut hinein, die ihn mm Sinn und Verstand brachte. Schließlich kam er mit Anspielungen, daß sie wohl nun, wo sie frei sei, zu ihrem Liebhaber zu reisen gedenke, um mit ihm in freier Ehe zu leben.

Vater, Vater, Du bringst mich um!"

Ja, so pflegen diese Art Frauenzimmer zu reden. Geh? Tu nur, ;yel) Du nur, geh geh!"'

Vater, ich ertrage es nicht, Du machst mich wahn­sinnig!" Sie ließ die geballten Hände sinken.Du bist der einzige, bei dem ich Trost und Stütze in meinem Unglück suchen kann, und Du verhöhnst mich, trittst mich mit Füßen!"

Schweig!" rief er, die geballte Faust erhebend.

Nein, ich schweige nicht, und solltest Du mich auch totschlagen. Denn Du quälst und mißhandelst mich, Du behandelst mich wie ein SKavenvogt! Ja, Du kannst es! wohl einmal hören! Hast Du mich nicht mein Leben lang mit bösen Blicken und harten Worten eingeschüchtertI Hast Tu mich nicht mit Regeln und Pflichten gehetzt, sodaß ich mehr als einmal halb wahnsinnig gewesen bin?"

Er richtete sich auf, erhob den Stock und schlug nach ihr, glitt aber aus, sank zurück, weißen Schaum vor den! Lippen, und zeigte auf die Thür:

Fort aus dem Hause augenblicklich!"

Ja, ich werde gehen, und Du sollst mich nte wieder vor Augen sehen!"