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gehen muß. Ueberdies zeigte die junge Frau sich über Petersburger Verhältnisse so wenig unterrichtet, daß durch sie keine Auskunft zu erhoffen blieb- Diejenige aber, die geeigneter gewesen, solche zu geben, die Fürstin Sarafin, die gab Clarita, ihren Schützling, gerade so rasch aus, wie sie sich ihrer angenommen. Ihr schnell erregter Enthusiasmus pflegte eben so rasch zu verrauchen- Zudem hatte Clarita ihre Eitelkeit verletzt, ha sie ihren Rat, ihre Winke nicht benutzt, und statt die Stellung bei der Gräfin Chilkow anzunehmen, die bei Frau von Ornatoff gewählt hatte.
Mit Frau von Ornatoff stand die Fürstin in keinem persönlichen Verkehr, und deren Gesellschafterin zu sich einzuladen, verbot sich. Sie war daher für Clarita nicht mehr zu Hause, und somit dieser Verkehr abgeschlossen.
Clarita ihrerseits wandte natürlich auch ihre Hauptaufmerksamkeit der nächsten Umgebung zu; so nahe der Quelle war es doch kaum denkbar, daß sie an ihrer Sehnsucht nach Auskunft verdursten solle. Von Tag zu Tag, fast von Stunde zu Stunde, hoffte, wartete, und beobachtete sie, sicher — einmal irgend einen Anhaltspunkt zu entdecken, der Licht in das sie umgebende Dunkel bringen mußte. Doch die Stunden wurden zu Tagen, die Tage zu Wochen und Monaten, ohne daß auch nur der Name Alexis an ihr Ohr schlug. Der Name gehörte zu denen der Toten, und von den Toten wurde in dem Hause nicht gesprochen, selbst nicht von dem alten Bärin, geschweige von dessen Söhnen- Die Herrin des Hauses mochte es nicht lieben. Selbstverständlich richtete sich die Dienerschaft danach. Unter derselben befand sich auch kaum ein Glied, das bereits der vvrhergegangenen Gene- ratiori gedient- Wera Sergewna hatte die alte Dienerschaft auf Ornatoffsko gelassen, fast durchgängig bestand ihre Umgebung aus neuem Personal. Die bessern Posten waren alle von Ausländern besetzt, und unter den andern nur junge, meist neu in Dienst genommene Leute; selbst der alte Dwornik, der bislang dem verödeten Hause als Wächter- gedient, war hei dem neuen Regiment abgedankt worden, oder doch so völlig im Hintergrund verschwunden, daß Clarita ihm poch kein einziges Mal begegnet. Sie vermißte ihn nicht, dagegen einen anderen- In ihres Herzens Grunde lebte nämlich immerfort die leise Hoffnung — einmal auf den vergeblich in Breslau gesuchten Di- mitri, der ihr am Lago-Maggiore treu ergeben gewesen, ZU stoßen, oder doch Verwandte, einstige Mitdiener, und durch diese eine Spur von ihm zu entdecken. Aber leider ergab sich bei dem zeitweiligen Personal dazu keine Aussicht; es war, als reiße jeder Faden, an den sie eine Hoffnung geknüpft. Nur eine blieb noch, Feodor Iwanowitsch — Alexis kleiner Halbbruder, Weras Sohn. Seit Vergangenem Herbste befand er sich in einer Erziehungsanstalt, und verlebte so den ersten Winter der mütterlichen Obhut entzogen. .Wera seufzte ost nach ihm. Ihr Kind liebte sie leidenschaftlich, ihre kalte Zurückhaltung schmolz, sobald sie von ihm sprach, und seines Kommens zur Ferienzeit erwähnte.
Clarita freute sich mit ihr darauf, mehr — sie sehnte sich innerlich danach Wenn trübe, dunkle Stunden über sre kamen, in welchen ihr ihr ganzes Harren, Warten und Beobachten in dem Ornatoff'schen Hause nutzlos erscheinen wollt«, wenn ihr Herz, trostloser Verzweiflung nahe, unter dem Drucke der Alltäglichkeit zu verzagen drohte, dann klammerten sich ihre Gedanken fest an die Aussicht, Feodor zu sprechen, und mit den Herrschaften im Frühjahr nach Drnatoffsko zü gehen- Dort mußte sich alles wenden. Dort lebten Menschen genug, dpe Alexis von Kindheit an gekannt, die seiner gewiß noch nicht vergessen, und zugleich wissen mußten, was sich nach des alten Ornatoffs Tod zugetragen. Darüber auch dort solchen Schleier des Geheimnisses zu ziehen, das beharrliches, vorsichtiges Forschen ihn nicht zu durch!- dringen vermöchte — das deuchte Clarita unmöglich es galt also für sie — Geduld— Ausdauer. — Wieder mochte sie seufzen wie einst in ihrem Idyll an der kleinen Anja: Geduld, wie schwer bist du zu erlernen! Ja, sie wurde ihrem heißen, von Schmerz, Zweifel und Furcht zerrissenen Herzen pnsagbar schwer.
(Fortsetzung folgt.)
Selbst ist — die Frau.
Humoreske von Franz Kurz-Elsheim.
(Nachdruck verboten.)
„Wer, Mama, wenn ich nun doch gar keine Lust verspüre."
Und die zwanzigjährige Marie verzog den hübscher» Mund zu einem leichten Schmollen.
„Lust, Lust. Glaubst Du vielleicht, ich hätte Lust. Es macht mir wahrhaftig kein Vergnügen, mit den anderen Müttern mich hinzusetzen und das Kapitel der Haushaltungs-. sorgen abzuhaspeln, während sich das junge Volk dem Tanze hingiebt. Aber wem zuliebe opfere ich mich denn auf? Doch nur Deinetwegen. Du gehst nun ins 21. Jahr. In Deinem Alter war ich schon verheiratet. Du jedoch triffst noch nicht die geringsten Anstalten dazu, als ob Du nicht ebenso gut, wie ich, wüßtest, wie schwer es bei der großen Konp kurrenz ist, ein Mädchen, auch wenn es hübsch ist, ohne Geld unter die Haube zu bringen. Wozu geht man denn noch auf die Bälle?"
„Zum Tanzen, Mama, zum Vergnügen, lachte frisch das Mädchen. „Wer nicht zum Heiraten. Und es ist eigend- lich recht bös von Dir, daß Du mich durchaus los sein willst. Wir zwei könnten's dock so gemütlich haben."
„Los sein willst, los sein willst", polterte die Muttev heraus. „Davon ist doch gar keine Rede. Aber froh bin ich, wenn Du Dich verlobt hast. Mit dem Heiraten selbst magst Du dann warten, so lange Du Lust hast."
„Oho, so haben wir nun nicht gewettet, mein liebes Mütterchen." Und Mariechen wippte hin und her, hatte die Hände auf den Rücken gelegt und sah ihre Mutter heraus^- fordernd an. „Wenn ich wirklich einmal verlobt bin, dann heirate ich bald. Für so 'nen ellenlangen Brautstand schwärme ich nicht. Sag mal, wer kommt denn alles, ich meine zu dem Balle."
„In erster Linie Herr Barting, der Kapitän, den wir voriges Jahr im Seebad kennen gelernt haben. Wie gefällt er Dir eigentlich?"
„Ach, so lila. Ich habe ihn noch nicht so genau bch trachtet."
„Dann wird's Zeit, daß Du es thüst."
„Ach, das soll, wohl Dein Schwiegersohn werden. Nein, nein, das giebts nicht. Der Mann ist nach meiner Schätzung schon anfangs der Vierziger, also doppelt so alt, wie ich. Da bedank ich mich sehr schön."
„Froh solltest Du sein, wenn er Dich nimmt. Er ist noch ein ganz annehmbarer Herr. Und reich ist er auch Und er ist der einzige, der sich nicht wegwandte, als er erfuhr, daß wir kein Vermögen besitzen. Er blieb uns treu, ob?> wohl Du ihm manchmal übel mitgespielt hast. Ja, den jungen Schäffer, den hättest Du Wohl lieber gemocht, oder den Aribert. Aber die haben sich nicht mehr sehen lassen, als sie; Auskunft über unsere Lage erhielten. Keiner —"
„Puh, wie mir das nahe geht. Der eine ist mir ebenso, gleichgiltig wie der andere und wie Dein Kapitän."
„Aber Kind, nun sei doch vernünftig. Der Kapitän! liebt Dich offenbar. Er ist uns hierher gefolgt. Zwar sagte er, er besuche einen Jugendbekannten. Wer das sagte er nur, weil er im Bade selbst keine Gelegenheit nehmen konnte, um Dich anzuhalten. Mso zeige Dich auf dem Balle von Deiner liebenswürdigsten Seite."
Frau Malcourt, die Geheimrats-Witwe, war ganz erregt geworden. Sie war noch eine hübsche Frau, trotz ihrer 39 Jahre, der man gar nicht ansah, daß sie bereits Mutter! einer heiratsfähigen Tochter war. Und da sie ini Grunde ihres Herzens auch noch durchaus nicht abgeneigt war, auf die Freuden dieses Lebens zu verzichten, so war ihr das große Mädchen manchmal recht unbequem. An ihm ließ sich leicht ihr Alter nachrechnen. Und das war doch- nicht gerade nötig. Daher trachtete sie schon lange danach, einen Mann für Marie zu finden. Sie hatte auch immer irgend jemand auf dem Korn. Doch alle „fchnappten" stets ab, sobald sie erfuhren, daß das hübsche Mädchen zwar eine Aussteuer erhalte, Wer nichts Bares. Das, was der Geheimrat hinterlassen — und viel war es gerade nicht — reichte eben zum Lebensunterhalt hin. Und nun stellt sich das Mädchen so bockbeinig, lacht zu allen Vorschlägen und thut, als gäbe es gar keine Männer, und als ob es nicht die Bestimmung jedes Mädchens wäre, geheiratet zu werden.
Und der Kapitän meint es anscheinend wirklich ernst.


