fremde Erscheinungen an den Empfangsabenden zu sehen, wo es ihre Aufgabe war, Frau v- Ornatofs bei Unter­haltung ihrer Gäste zu unterstützen, teils durch musikalische Leistungen, teils durch anmutige Verwaltung des Thee- tisches, auf dem der Samowar, unbekümmert um die ihn umgebene Eleganz und das klingende Stimmengewirr, ebenso gut sein allbekanntes Liedchen summte, wie in dem ärmsten russischen Blockhaus-

Clarita hatte sich längst an diesen stillen Sang gewöhnt, und, gleich den Einheimischen, ihn liebgewonnen; sie waltete gern ihres Amtes an dem Theetisch, bot sich daselbst doch gar mannigfache Gelegenheit zu kleinen Beobachtungen, zu freundlichem Geplauder mit solchen Gästen, die ihr mit der Zeit sympathisch geworden- Zu letzteren zählte vorab Nikolai Pawlowitsch Karin- Er ge­hörte sozusagen zu dem Ornatoff'schen Hause; fast täglich verkehrte er dort er war Frau v- Ornatoffs Ratgeber, Stütze und Freund; er teilte mit ihr sowohl die Sorge nm ihres Sohnes Erziehung, wie um die Verwaltung von dessen Erbe, um die Bewirtschaftung des fernen Orna- tofssko, das einen weiten Grundbesitz umschloß, und dessen Grenzeri seinem eigenen, weit bescheideneren Gute nahe lagen.

Für Clarita hatte er die vom ersten Moment an beobachtete Rücksicht treu bewahrt; er näherte sich ihr selten, wenn er es jedoch that, empfand sie stets wohl- thuend die ritterliche Feinheit, die sein Benehmen kenn­zeichnete. Dennoch verstand sie dieses nicht ganz, ins­besondere nicht das gegen Wera. Begreiflicherweise hatte sie gerade dies schon längst znm Gegenstand ihrer stillen Beobachtung gemacht, und wenn es ihr dabei auch hin­reichend klar geworden, daß des Hauses schöne Herrin Nikolai Pawlowitsch liebe, so hielt sie es doch keineswegs für sicher, daß diese Liebe seinerseits erwidert werde. Obgleich allzeit von zuvorkommender Freundschaft, voll rücksichtsvoller Aufmerksamkeit und Fürsorge für Frau p. Ornatoff, lag doch in seinem ganzen gesetzten Wesen nichts, was einen feurigen Liebhaber verriet. Der stillen Beobachterin kam es eher vor, als betrachte das gedanken­volle Auge des schönen, ernsten Mannes Wera Sergewna mehr mit einer gewissen Sorge, als mit dem Blicke heißer Liebe.

Und Clarita urteilte dahin recht. Einst, vor Jahren, da Nikolai Pawlowitsch Karin noch ein junger Offizier der Garde gewesen, da hatte er mit dem ganzen Schwarm reiner Jugendliebe die eben aus dem kaiserlichen Er­ziehungsinstitute in die Welt eingetretene, jngendfrische Wera geliebt, und nur seiner nach russischen Begriffen geringen Glücksgüter toegert mit seiner Bewerbung um die begünstigte Hofdame gezögert. Das Zögern erzürnte diese. Wie die Fürstin Sarafin richtig erzählt, opferte Wera Sergewna Massowsky das eigene heiße Gefühl des terzens ihrem Durste nach Reichtum und Unabhängigkeit, ie liebte Karin leidenschaftlich, und verletzte ihn doch in tieffter Seele. Ihrem eigenen Charakter lag eben Be­scheidenheit so fern, daß sie dieselbe bei Nikolai Pawlo­witsch gar nicht erkannte. Daß seine Leidenschaft für sie ihm Zeit zu Erwägungen und Bedenken ließ ver­wundete und stachelte ihre Eitelkeit. Die vergab nicht. Much sie wollte ihn verwunden und strafen.

Ueberraschend schnell gab sie dem alten Adelsmarschall Ornatoff ihr Jawort.

Noch vor dem Tage ihrer Vermählung ließ Karin sich aus Petersburg zu einer Garnison im Innern des Landes versetzen. Das bildete seine ganze Antwort aus ihren ausgespielten Trumpf. Die Strafe, die sie ihm zugedacht, traf sie selbst am heftigsten ihr heißes Herz verzehrte sich alsbald innerlich in Reue und Sehnsucht; denn Nikolai Karin blieb ihr fern. Gr mied sie offenbar. Ao lange ihr Gatte lebte, sah sie ihn nicht wieder, selbst während der zwei langen, für sie verzehrend lang­weiligen Jahre, die sie mit dem leidenden Greis aus Ornatoffsko verbringen mußte, zeigte er sich nicht ein einziges Mal in ihrer Nähe, obgleich sein Gut kaum fünfzehn Werst entfernt lag.

Erst als der alte Ornatoff gestorben wär, und das bereits angedeutete Familiendrama ganz Ornatoffsko in Verwirrung setzte, .und dessen ratlose Herrin in trostloser Verzweiflung einen Hilferuf an den nahen Gutsnachbar sind einstigen Freund sandte, da verfehlte dieser feine Wirkung nicht. Nikolai Pawlowitsch kam nach Ornatoffsko.

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Er fand dessen Herrin verlassen, rat-, tröst- und hilflos. Ihr Gatte war gestorben, dessen ältester Sohn, ihre nächste Stütze, Wladimir Iwanowitsch, der neue Bärin, eines jähen Todes verblichen, und sein Bruder Alexis verschwunden, entflohen, verschollen sie aber allein mit ihrem neun­jährigen Knaben. Von jener Stunde an wurde er wieder ihr Freund, und da er sich ihr und ihrem Kinde als solcher treu bewährt, neigte die Welt rasch dazu, ihn als künftigen Gatten der schönen, reichen Witwe zu bezeichnen. Offenbar wünschte auch diese selbst nichts sehnlicher, als Nikolai Pawlowitsch ihre Liebe neu zu beweisen. Reich und unab­hängig wie sie jetzt war, glaubte sie sicher ihn nunmehr, gewinnen zu können- .Sie that nichts ohne seinen Rat, ohne seine Meinung zu hören; sie richtete sich nach dieser, sie lernte selbst geduldig sein, ihre verletzte Eitel­keit verleugnen, und klugerweise sein wiederholtes Zögern übersehen.

Nun war das Trauerjahr vorüber, die Zeit wich immer weiter zurück, wo gebotene Rücksichten ihr Recht beanspruchten. Jeder neue Tag konnte den Moment bringen, da Nikolai Karin das längst vergessene Liebeswort wieder fand, welches er einst in bitterer Enttäuschung begraben- Indes das Grab, in das Nikolai Karin seine Liebe versenkt, mußte tief fein er konnte das heiße Gefühl feiner Jugend nicht wieder aufleben lassen, wie er wohl mitunter selbst es wünschen mochte. Der Grund lag darin, daß er älter geworden, und nicht mehr zu denen gehörte, an welchen eine Warnung nutzlos vorübergeht.- Er hatte der einst heiß Geliebten mißtrauen gelernt^ deren schöne Nixenaugen hatten ihm einmal gelogen- Wer bürgte ihm dafür, daß sie nunmehr der Spiegel einer aufrichtigen Seele waren?

Sah er doch zuweilen darin eine Unruhe, -eine innere Rastlosigkeit, einen Blick, der ihm um in dem Vergleich zu bleiben wie ein Hauch, ein Schatten, ein Flecken erschien, der die Seele belaste-

Wie immer dem sein mochte, für Nikolai Karin wollten vergangene Zeiten nicht wieder erwachen. Dis strahlende, weltgewandte, schöne Frau, die stolze reiche Herrin von Ornatoffsko, es war nicht mehr me muntere,- jugendfrische, in ihren bescheidenen Verhältnissen lieb­reizende Jnstitutka, deren lachende Augen und helle Stimms ihn einst glauben gemacht, die Liebe vermöge das Leben selbst in einem ländlichen Blockhaus herrlicher zu gestalten>- als in einem Marmorpalast.

Die Träume waren entschwunden, gleich der goldenen Jugendzeit- Jetzt sollte ein reicher Palast die Liebe zum Einzüge laden aber die Liebe, die war inzwischen gestorben. Nikolai sah nur mehr ihren Schatten, während Wera ungeduldig auf deren Auferstehung harrte.

Je weiter der Winter vorschritt, dem kommenden Früh­jahr entgegen, desto ungeduldiger, und infolgedessen ret&= barer wurde sie. Clarita fand es oft schwer, ihre Gesell­schafterin zu sein, obgleich ihre Pflichten an sich leicht zu erfüllen waren. In dieser Beziehung war ihre Stellung eine durchaus angenehme. Sie hatte tagsüber mit der Herrin etwas Musik zu treiben, vierhändig mit ihr zu spielen, auf die neuesten Kompositionen zu achten, diese zu beschaffen, und ihr vorzutragen, sowie am Wend int Salon in der bereits erwähnten Weise neben der Dame des Hauses den Gästen die Honneurs zu machen- Hie und! da -ewige Briese zu schreiben, Lektüre auszuwählen, Frau Wera auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, oder mit ihr um Einkäufe zu besorgen nach dem Hauptgebäude der Kaufläden zu fahren dies bildeten Claritas Obliegen­heiten, die übrige Zeit des Tages stand zu ihrer eigenen Verfügung. Sie benutzte diese wohl zuweilen, um ihre Petersburger Bekanntschaften aufzusuchen, wobei sie jedoch gar bald inne wurde, daß die Freundschaft der alten Polin in ihrer kleinen Dascha für die junge Fremde die beste, jedenfalls die beständigste blieb'-

Die junge Baronin Triber, auf deren Unterstützung Clarita am .meisten gebaut, erwies sich allzeit teils durch die Sorge für ihre Kinderstube, teils durchs gesellige Au- orberungen, denen sie notwendig gerecht werden mußte, o in Aufregung, daß ihr bei dieser Teilung ihrer Be- chäftigung wenig Zeit und Muhe blieb, um der Freundin geschenkt werden zu können. Wennschon sie diese stets in höflichster Form, und mit der freundlichsten Miene empfing so fand sich doch nimmer ein behaglich stiller Moment der dem Erschließen inner« Vertrauens notwendig vorher-