Samstag dm 25. Januar.

1902. Nr. 14.

inuit dem Herzen die Sehnsucht, Luft.

und du nimmst der Erde die Vnlwcr.

Nachdruck verboten.

Verschollen.

Original-Erzählung von M. Ludolfs.

(Fortsetzung.)

Auf Clarita machte die reizende Erscheinung der Frau t). Ornatoff keinen wohlthueuden Eindruck; indes, fee mochte auch nicht vorurteilsfrei prüfen, sie hatte einmal das Gefühl, daß jene Frau einen traurigen Einfluß aus Alexis Geschick geübt- ,

Sie traute diesen schimmernden Augen mcht für sie bargen dieselben einen falschen Strahl; hatte doch zuweilen ihr Blick eine Unruhe, ivelche selbst die zumeist im Gesichtsausdruck hervortretende vornehme Kälte nicht zu verbergen vermochte. Dieselbe war nicht echt, sie war erzwungen- Die junge, hochfahrende Frau da mit dem u schlüssig graziösen Wesen besaß ein leidenschaftliches, ein' heißes Herz für die, die sie liebte, und dabei einen rücksichtslosen, unbändigen Willen, den jene kennen lernten, die ihr im Wege standen-

Das war's, ivas Clarita im Innern zu sich selber sagte- Es mochte nicht angenehm sein, dieser Frau Ge­sellschafterin, ihre Untergebene zu sein dennoch mußte und ivollte sie es werden, um Alexis willen- Demgemäß verhielt sie sich- Wera's Fragen nach ihren persönlichen Verhältnissen und Wünschen begegnete sie ruhrg- Sie war darauf vorbereitet, und konnte leicht, ohne eine Luge zu sprechen, die Wahrheit offenbaren, so weit sie es wollte. Geschickt flocht sie dabei das Anerbieten der Gräfin iMkow ein, das ihr weniger anziehend dünke, da sie ein minder geräuschvolles Leben vorziehe. ,

Frau v. Ornatoff fühlte sich geschmeichelt durch den ihr gegebenen Vorzug; es gefiel ihrem Stolze, chr tzaus dem der Chilkow vorgezogen zu sehen, zudem hatte Nikolai Karin ihr Clarita vorgeschlagen. Dies ließ sie die etwas karge Auskunft über deren persönliche Verhältnisse über­sehen was lag ihr auch au der Familie einer bezahlten Gesellschafterin. Aus deren Ta- leiiten wollte sie Nutzen ziehen, darum handelte es sich. Nikolai Pawlowitsch aber hatte ihr erzählt, der Fremden Sang mtb Spiel sei ausgezeichnet- Nun ver­langte sie von beiden eine Probe zu hören- Clarrta's Leistungen befriedigten sie, dennoch würde sie dem, wie selbst ihres Freundes Rat nicht das volle Gewicht bei- tzelegt haben, wenn sie das fremde Fräulein schön ge­

funden hätte. Dies erschien ihr jedoch nicht so; ihre persönliche Eitelkeit war zu groß; ihr Gerechtigkeits­sinn zu gering. Sie hatte ein jugendfrisches Mädchen zu sehen erwartet, und fand dagegen die ernste Fremde mit dem farblosen, durchgeistigten Antlitz, und den müden tiefen Augen, alt und anspruchslos, wenngleich von einer- gewissen Vornehmheit des Wesens, die bei einer Unter­aebenen unbequem sein konnte, andererseits indes auch wieder Vorteil bot, da- deren Musiktalent im Salon ver­wertet werden sollte. Clarita paßte offenbar dahin, sie war geeignet, den ihr zugedachten Posten auszufüllen; sie mochte mit ihrem Sang und Spiel ihr angenehm die langweiligen Stunden verkürzen, und sie, _ die schöne Herrin, im Salon bei Unterhaltung der Besucher unter­stützen- Dazu besaß die Fremde ausreichende Eleganz, ohne anziehend genug zu sein, um besondere Beachtung zu finden. So das Endurteil Wera's, das der Prüfung entsprang, welche ihre geheime Eifersucht angestellt. Ihre Eigenliebe war befriedigt. Nikolai Pawlowitsch hatte offen­bar durch Erwähnung der Fremden einzig daran gedacht, ihr gefällig zu sein. Das stimmte sie gnädig; so einigte sie sich schnell mit Mademoiselle de la Para über die gegenseitigen Bedingungen, und noch selbigen Tages ver­ließ Clarita der greisen, 'liebenswürdigen Frau Rustock gastliche Dascha, um ihren stillen, unbeachteten Einzug in das alte, von einer Generation auf die andere ver­erbte Ornatoff'sche Haus zu halten, das von Rechtswegen ihrem Gatten gehörte, und dessen Herrin sie sein sollte.

XI.

Wartend.

Mein Herz ist schwer, Gott sei's geklagt. Mein Herz ist schwer itm Einem

Burns-

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Wochen und Monate waren vergangen. Clarita hatte bereits den halben Winter bei Frau v- Ornatoff verbracht, und sich in dem ihr zugewiesenen Kreis vollständig zurecht­gefunden. Ihr Leben war kein sonderlich unterhaltendes. Das tägliche Leben bot ihr, wie die Fürstin Sarafin eS vorhergesagt, der Abwechslung nicht allzu viel- Wera Serqewna, die junge Witwe, lebte diese erste Petersburger Saison nach ihres Gatten Tod noch zurückgezogen von der großen Welt, einzig einem eng gezogenen Gesellschaftskreis. Selten, nur ausnahmsweise, besuchte sie kleine Ge;:ll- schaften befreundeter Familien, dagegen fanden srch die Bevorzugten gerne in ihrem Salon ein. Sie verstand es, denselben anziehend zu machen für die, deren Kommen sie wünschte. Für solche war sie eine hinreißend liebens würdige Wirtin. Ferner Stehenden gegenüber trat ledoch sofort die ihrem Hochmute entsprechende kühle Zuruckhalt­ung, wenn nicht Unnahbarkeit hervor. Der Jte um­gebende Zirkel blieb daher während dieses Wrnters zlem- kich begrenzt, und gelten bekam Clarita neue Gesichter,