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— und Kraulern Boldt — ihnen allen zu Hause nicht das Vergnügen machen wollten, bei ihnen am zweiten Werh- uachtstag zu Mittag zu speisen. Es sei nur die Famrlre da.
Tie Oberstin schüttelte den Kopf.
„Unmöglich lieber Freund", sagte sie. „Ta mußte rch ichon meine linke Schulter zu Hause lassen! Ich sitze hier mit den fürchterlichsten Medikamenten ein gerieben und rieche wie eine Theertvnne. Nein, fürs erste kann ich mich! in Gesellschaft nicht scheu lassen."
„Ach, Tante, wir sind ja im engsten Famrlrenkrerse.
„Nein, nein, nein, das Reden nützt nichts. Ich habe schon bei Geheimrats abgesagt." ■
„Tas thut mir leid", sagte der Oberleutnant und sah sehr betrübt aus. „Und Fräulein Boldt?"
„Sie kann meinetwegen gehen."
Aa glitt ein Lächeln über das Antlrtz des, Oberleut- rants, das aber sofort wieder verschwand, als die Oberstin hinzufügte. „Sie thut eS aber nicht. Davon bin, ich überzeugt. Leider ist sie nicht zu Hause. Sobald sie zurückkehrt, werde ich ihr die Bestellung ausrichten. . . . Wer, jetzt trinkst Tu wohl ein Glas Wein?" fuhr die alte Tarne fort und erhob sich Der Offizier machte Einwendungen, aber ohne Erfolg.
Kaum war die Oberstin hinter der Portiere zum Speisezimmer verschwunden, als der Oberleutnant in aller Eile rine Visitenkarte aus der Tasche zog und vor sich auf den Tisch legte, daun einen Bleistift nahm und folgende Worte aus die Karte kratzte:
„Sie müssen unbedingt kommen. Wenn Sie wieder die blaue Schleife anstecken, werde ich es als ein gutes Zeichen für mich ansehen." , ,
Darauf holte er aus einer anderen Tasche ein kleines Päckchen hervor, entnahm ihm ein elegant gebundenes Buch legte die Karte hinein und packte es wieder sorgfältig ein.
In diesem Augenblick trat die alte Dame wieder ein. Ihr folgte das Dienstmädchen mit einer Flasche und einem Glase, das der Offizier auf das Wohl und die baldige Wieoerherstellung der Tante leerte.
Nachdem er sich von neuem eingeschenkt hatte, begann bet?
„Ach' richtig, Tante, fast hätte ich es vergessen. — Ich habe hier ein Buch für Fräulein Boldt mitgebracht. Würdest Tu vielleicht die Güte haben, es' ihr zu geben?"
„Gewiß, sehr gern, lieber Harald! Was für ein Buch ist es denn?"
„Es sind Storms Gedichte!"
„Gewiß. Ich werde sie ihr geben."
„Tausend Tank!" sagte der Leutnant, erhob sich und nachdem er der Dante nochmals' ein frohes Fest gewünscht, verließ er das Zimmer. ,
„Mein Gott — Storms Gedichte! Nun werß rch, daß es Ernst ist", nickte sie und strich mit der Hand, wie lieb- koserrd, über das Paket. Tann erhob sie ihre Augen zu dem Bilde des Oberst über dem Sopha auf. Auch er hatte seinerzeit seinen Belagerungszug mit Storm eröffnet. — Fetzt half alles rrichts. Fräulein Boldt sollte und mußte der Einladung Folge leisten und sie allein mit dem Mädchen zurücklassen. Wenn es durchaus nicht anders ging, so wollte sie schon ein Machtwort sprechen und von dem Fräulein verlangen, daß sie als ihre Stellvertreterin an der Familienfeier teilnehme.
Trotzdem hatte es in den nun folgenden Tagen manch- Mal beit Anschein, als wenn das junge Mädchen wieder bereue, daß sie die Einladung angenommen hatte. Sie war gegen ihre sonstige Gewohnheit unentschieden und nervös, aber im Grunde genommen war es gar nicht so wunderbar. Tenn die Frau Oberst sah sie immer so sonderbar lächelnd an!
Und wie launenhaft die Frau Oberst war! Ganz eigentümlich. So hatte sie plötzlich angeordnet, daß eine Decke auf den Tisch im Wohnzimmer gelegt werde. Und sie haßte doch sonst Tischdecken.--
Ter zweite Weihnachtstag kam. Tie Frau Oberst war ,— trotz ihrer Gicht — in allerbester Laune. Beim Frühstück blickte sie das junge Mädchen wieder mit diesem Un- glaublich treuherzigen Blicke an und sagte;
, „Hören Sie, meiner Ansicht nach sollten Sie, heute abend wieder die kleine blaue Schleife anstecken. Dieselbe, die Sie neulich trugen, als die Familie hier war."
Fräulein Boldt errötete tief — RA Au den Schläfe« hinaus.
„Nein, nein, das! thue ich nrcht.
„Warum nicht, mein Kind? Sie kleidet sie doch so gut." —
’ Dann wurde nicht weiter darüber gesprochen.
Ms das junge Mädchen aber Lutz vor fünf Uhr erschien, um sich zu verabschieden, bemerkte die Oberstin, daß doch eine kleine, blaue Schleife, gerade unter dem linken Ohr, aus dem Mantel hervorschaute. Sie lächelte still, sagte aber kein Wort. ,
Tie Frau Oberst war noch aus, als' Fräulern Boldt heimkehrte. Tie junge Dame sah so strahlend glücklich aus, als habe sie das große Los in der Lotterie gewonnen.
„Nun, mein liebes Kind, erzählen Sie, wie Sie sich unterhalten haben. Ah, ich sehe es Ihnen au, daß es sehr hübsch gewesen ist!" lächelte sie und streichelte ihr mütterlich die Wange. ,
Und da ereignete sich etwas, was vorher noch me ge» schehen war. Tie alte Dame fühlte, daß zwei Arme sich um ihren HaW schlangen und ein glühendes' warmes Antlrtz sich an ihrer Schulter verbarg. , u. r
„Ah, so! Ich habe mich also nrcht getauscht, oder biet-, mehr, ich wußte, daß es so kommen würde. Gott segne Sre beide. Herzlichen, aufrichtigen Glückwunsch mern Kind. Sre müssen nun aber nur nicht glauben, daß er etwas verraten hat, kein Wort. Ich habe das Paket auch nicht geöffnet. Ich will Ihnen aber zeigen, woher ich es werß."
Tie Oberstin hob den einen Zipfel der Tischdecke aust „Sehen Sie!" — Auf der blanken Mahagonr-Trschplatte stand mit ganz feinen Buchstaben:
Sie müssen unbedingt kommen. Wenn Sw wieder dre blaue Schleife anstecken, so werde ich es als ein gutes Zeichen für mich ansehen."
„Sagen Sie Ihrem Verlobten, daß er sich midere Visitenkarten mrschuffen soll Auf seinen ichrgen schreibt es sich zu schlecht- Die Schrift dringt, wie Sre sehen, durch. -
Literarisches.
Für alle Welt, illustr. Zeitschr., 9. Fahrg. 9. Heft. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlm. _ ,
Zur guten Stunde, illustr. Zeitschr. 16. Fahrg, 8. u. 9. Heft, ebenda.
Moderne Kunst, 17. Jahrgang. 8. Heft ebenda.
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Für die Lösung des unten folgenden Preisrätsels werden von dem Verlag des „Gieß. Anz."
6 wertvolle Weihnachtsprämien ausgesetzt, die unter die Einsender richtiger Lösungen zur Verlosung kommen.
Bedingung en :
1. Tie Gewinne kommen in den ersten Tagen des.
Januar zur Verteilung,
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an,
rechnen.
4. Ter letzte Termin für die Einsendung der Lösungen ist der 2 8. Dezember.
Preisrätsel.
ar, Bee, ca, can, eg, er, erd, es, fa, gr, Hel, hu, ist, is,la, lb, ter, id, li, lke, nd, ne, ne, ng, re, rf, ft, ft, ton, ten, to, w, tze, wck.
Aus vorstehenden Silben sind Wörter von folgender Bedeutung zu bilden: 1. Stadt in Württemberg. 2. Pflanze. 3. Insel. 4- Münze. 5. sklust. 6. Borgehen von Truppen. 7. Italienischer Schriftsteller. 8. Spanischer König. 9. Waldbaum. 10. Fisch. 11. Raubvogel. 12. Berühmter Geograph. 13. Metall. 14. Brennmaterial.
Sind die Wörter richtig gefunden, so ergeben die Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen einen hohen Feiertag und dte Und« Buchstaben von unten nach oben gelesen einen Festgruß.
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Automobile.
Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der »rübl'schm Nniversitöts.Bnch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) ht Güsten.


