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S„als abhängig fein utti> Liebe Und Neigung dem! väter- , ;n Willen unterwerfen."
In Gedanken versunken saß sie in der Einsamkeit ihres Hotelzimmers. Ter Water war schon in der Frühe sort- gegangen, um dringende geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen. Ein Gefühl der Verlassenheit überkam sie, und sie empfand eine unbezwingliche Sehnsucht, Menschen zu sehen, Stimmen zu hören und mit jemandem zu reden. Sie kleidete sich; zum Aüsgehen an und verließ das Hotel, um Praksins aufzusuchen. Bei ihnen hatte sie Timitry kennen gelernt, und ihnen sollte auch! ihr erster Besuche in Moskau gelten.
Ms sie durch die Jljinka schritt, fiel ihr Blick auf das Geschaftslokal der Gebrüder Kalussoff. Unwillkürliche verlangsamte sie ihre Schritte — vielleicht konnte Timitry aus der großen Saalthür heraustreten und ihr entgegenkommen. Sie blieb sogar einige Minuten stehen, aber die Glasthür öffnete sich nicht, und auch an den Fenstern war von Timitry nichts zu sehen. Was hätte sie darum gegeben, wenn der Zufall ein glückliches Spiel getrieben und ihr den Ersehnten entgegengeführt hätte!
Sie kehrte um, aber wieder blieb ihre Hoffnung um erfüllt.
Wie eine Verlorene stand sie da, vergeblich bemüht, einen festen Gedanken zu fassen. Nur mechanisch setzte sie ihre Fuge wreder vorwärts. Häuser und Menschen um sie herum schienen sich .in Tunst und Nebel aufzulösen und zu zerfließen. Sie hatte ein Empfinden, als ob alles vor ihren Augen schwrmme und sie von einem Schwindel erfaßt werde, der ihren Willen völlig lähme. Plötzlich, fühlte sie in ihrer Hand hartes, kaltes Metall — em Truck auf die Klinke, und sie stand, nachdem sich eine Glasthür geräuschlos ge- offnet, m einer großen Warenhalle, unten mit langen, schmalen Gassen, die von aufgestapelten Pelzen flankiert waren, und -oben mit Galerien, von denen mächtige Bärenfelle herabhingen.
Wie sie hineingekoinmen war, wußte sie nicht — sie ivstrde sich- nur einer tödlichen Verlegenheit bewußt, als plötzlich- ein alter Herr erschien und höflich nach ihren Wünschen fragte. Ihr Gesicht tauchte sich, in glühendes Rot. Nur mit Mithe brachte sie die Frage hervor, ob Herr Timitry Kalussoff anwesend sei. Der alte Herr schaute sie so sonderbar, so ironisch und so forschend an, daß ihre Verlegenheit wuchs' und ihr Ohr die Antwort: „Herr Timitry Kalussoff ist nicht zugegen und erscheint in letzter Zeit überhaupt sehr selten im Geschäft!" fast überhörte.
Wie sie herausgekommen war, blieb ihr ein Rätsel.
Nun, da sie wieder auf der Jljinka stand, begriff sie nulft, wie sie sich zu diesem Schritt habe entschließen können. Sie gestand sich!, eine unverzeihliche Thorheit begangen und rhren Stolz tief gedehmütigt zu haben. Diesen vielsagenden ironische,l, nlaliziösen Blick konnte sie nicht vergesse', — sie mußte sich, schütteln, denn zu erbarmuugs-los war er gewesen.
Tief bekümmert setzte sie ihren Weg nach, Praksins fort. Zu ihren Ohren suinmte es schadenfroh: „Herr Timitry Kalussoff erscheint m letzter Zeit sehr selten im Geschäft!" Was hielt ihn vom Geschäft fern? Vernachlässigte er seine Pflichten? Sie fragte sich unaufhörlich und fand keine Antwort. Wie zum Hohn auf ihre Bedrängnis zauberte die Fruhlmgssonne leuchtenden Glanz auf die Erde und kündete das neue frohe Leben. —
Madame Praksin war durch das Erscheinen Tatianas angenehm überrascht. „Tenken Sie, meine Beste", rief sie erfreut, „wir haben noch gestern von Ihnen und Wera geredet. Andrer Pawlowitsch, Steinbrecht war bei uns zu Gast, und wir haben Erinnerungen an die schönen Daqe des vergangenen Jahres ausgetauscht. Ter Lüne der so vst Ihren Zorn erregt hat, kann Wera nicht vergessen, und ich wette, daß Sie in ihm einen Schwager erhalten " „Und sie kann ihn nicht vergessen", lächelte Tatiana Mechanisch.
„Er wird glücklich, sein", rief Madame Praksin lebhaft, „wenn ich rhm Ihre Worte mitteilen darf."
Man plauderte von dew' alten Bekanntenkreise, und! Tatiana wartete mit Spannung, daß die Rede auf T-iinitry kommen werde. Wer Madame Praksin war nicht die Frau, welche ui der Unterhaltung lange bei einem Gegenstands verweilte; sie liebte Abwechselung und' erzählte in buntem Durcheinander von ihren Erlebnissen während' der Weltausstellung in Paris, von ihrer Reise nach der Krim', von den Schönheiten Pallas, von ihren Toiletten, Vergnügungen
und musikalischen Uebmrgen, bis sie endlich von einem „Konzert Millca Popow" sprach, das am Wend im großen Saale des Adelsklubs stattfinden sollte.
„Wir haben noch ein Billet übrig", fuhr sie fort, „und Sie werden uns begleiten."
„Popow?" fragte Tatiana überrascht.
„Ja, Popow! Sie ist Pianistin und wird auf einem neuen Instrument spielen, das ihr Bruder Ilja erfunden hat. Tie Zeitungen sind voll des Lobes über die Erfindung und stellen einen großen musikalischen Genuß in Aussicht. Hier — lesen Sie!" Und Madame Praksin reichste ihr die neueste Nummer der ,Mußkaja Gaseta" hin.
(Fortsetzung folgt.)
Die verräterische Visitenkarte.
Weihnachts-Humoreske von I o Hannes Bern h a r d.
(Nachdruck verboten.)
Tie Frau Oberst war gerade mit dem Frühstück fertig und las in ihrem warmen, gemütlichen Wohnzimmer die Zeitung. Tas war ihre regelmäßige Beschäfttgung nach dem Frühstück.
Plötzlich- ließ sie die Zeitung in den Schoß sinken. Aus dem Speisezimmer erscholl ein leises Klirren von The« - löffeln und Tassen.
„Fräulein Boldt!"
„Frau Oberst!"
In der Portiere wurde das Antlitz eines jungen Mädchens sichtbar.
„Ach-, liebes Fräulein, wenn Sie nachher auf die Post gehen, so bitte vergessen Sie nicht, bei der Frau Geheimrätin vorzusprechen, sie vielmal zu grüßen und ihr für ihre liebenswürdige Einladung zum zweiten W-eihnachtstage zu danken. Sagen Sie ihr nur, es wäre mir meiner fatalen Gicht wegen ganz unmöglich, das Haus zu verlassen. Ich wünschte chr und dem Herrn Geheimrat ein recht vergnügtes Fest."
„Glauben Frau Oberst nicht, daß Sie es doch wagen könnten?"
„Nein, es geht nicht. Ich kenne die Geschichte. Außerdem mache ich mir auch nichts aus der Einladung. In dem Hause herrscht nun einmal ein Don, der mir nicht paßt. Keinen Menschen lassen die spitzen Zungen ungeschoren. Steht man diesen Leuten gegenüber, so find sie die Liebenswürdigkeit selbst. Kaum hat man ihnen aber den Rücken gekehrt, so fallen sie über einen her."
Tie Frau Oberst war ordentlich eifrig geworden, das junge Mädchen konnte aber ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.
„Soll ich sonst noch etwas besorgen?"
„Ja, machen Sie einen Spaziergang und schnappen Sie tüchtig frische Luft. Tie ewige Stubenluft ist nichts für ein solch' junges Ting. Um vier Uhr erwarte ich Sie zu Mittag."
„Tanke schön. — Sonst haben Frau Oberst keine Befehle ?"
„Nein, gehen Sie nur. Adieu so lange."
Tas junge Mädchen ging und ine Oberstin griff wieder nach der Zeitung.
„Sie ist ein gutes Mädchen. Eigentlich zu gut, um ihr Leben bei mir alten Frau zu versauern. Wer auch ihre Zeit wird einst kommen."
Tie Frau Oberst hatte die Verlobungsanzeigen hinter sich und fing gerade mit den Todesanzeigen an, als es im Entree klingelte. Kürz darauf erschien das Mädchen und meldete den Oberleutnant von Munthe.
„Ah, mein Neffe! Mite einzutreten!"
Tie Frau Oberst blickte mit ihren merkwürdig klaren Kinderaugen zu dem großen Neffen empor, der in seiner funkelnden, neuen Uniform vortrefflich aussah.
„Guten Tag, liebe Tante! Und fröhliches Fest! Wie geht es mit Deiner Gesundheit?"
„Ach, schleckst genug. Man sitzt ja hier, wie eine Mumie. Nun, nimm Platz und lass' uns etwas, plaudern."
„Danke!" Ter Oberleutnant sah sich um, als vermisse er etwas. Darauf setzte er sich in das Ecksopha vor den blanken Diwantisch
Ter Offizier war natürlich gekommen, um sich nach seiner Tante umzusehen. Außerdem hatte er aber noch eine Bestellung auszurichten. Er sollte fragen, ob die Tante


