Ausgabe 
24.12.1902
 
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zimmer wett öffnete, Maß' sich der Raum voMmtmen über­gehen ließ.

Er fuhr tote aus einem Traum empor.

Ich, bewundere Tein Geschick, mit den wenigen Mitteln diese hübsche Wirkung erzielt zu haben", gab er zur Antwort, indem er sich, ausrichtete und seinen Blick musternd umher- schweifen ließ. Jetzt erst nahm er die Blumen und die Körbchen mit Brot und Salz wahr, und über sein Gesicht huschte der Haß.

Teine Zimmer liegen obetti", fuhr sie fort.Willst Tu sie ansehen?"

Laß nur, es hat Zeit", meinte er, mit Mühe seine Erregung verbergend.

Wo liegen die Räume für die Dienstboten und die Küche?"

Hinten im Anbau! Trotzdem" sie dämpfte ihre Stimmemüssen wir leise reden, wenn es sich um wichttge Sachen handelt, denn das Haus ist von Holz, und wer horcht, vermag auch hinten noch genug zu hören." Nach einer kurzen Pause, während deren sie die Fenster­laden zuklappte und verriegelte, fragte sie leise:Hast Tu die Papiere in der Lubjanka vernicksiet?"

Ja, ich habe alles, was uns gefährlich werden könnte, verbrannt!"

Und hast Tu die Bücher mitgebracht?"

Erschreckt schaute er sie an, während er zögernd gestand, daß er sie vergessen habe.

Ilja", flüsterte sie,tote kannst Tu so leichtsinnig sein. Tu mußt unbedingt morgen zur Stadt, um sie zu holen. Nicht die geringste Kleinigkeit, die uns verraten könnte, darf zurückbleiben. Sie spüren jetzt mit einer Zähigkeit und mit einem Geschick, als sei davon das Heil ihrer Seele ab­hängig. Wir werden die Bücher in eine Kiste packen und während der Nacht im Garten vergraben."

,Gut, ich werde sie morgen holen", beschwichtigte er. ^e Wohnung ist so fest verschlossen, daß ein Unberufener nicht hineinzudringen vermag."

Während er diese Worte sprach, fuhr er zusammen, und setn Gesicht wechselte die Farbe. Wie der Blitz war in seinem Hirn ein Gedanke aufgezuckt, den er früher nie gehabt hatte, ein Gedanke, so grauenhaft, daß er selbst vor ihm schauderte: Wenige Worte an die rechte Stelle gebracht, und sie, die Schonungslose, in der alles Empfinden erstarrt war, die ihn zur Raserei brachte, die seiner fressen­den Glut lachte und ihn grausam zurückstieß, wäre ver­nichtet, und ihm wäre die Rache, ja, die süße Rache, nach der er ingrimmig lechzte.

Als sie im Speisezimmer bei der Abendmahlzeit saßen und ihre Unterhaltung sich um das Konzert bewegte, schoß ihm der scheußliche Gedanke wiederum durch den schmerzen­den Kopf. Aus dem Salon leuchteten und dufteten ihm die Blumen entgegen, die Timitry Kalussoff geschenkt hatte, und sie schienen ihn ob seiner Langmut und Schwachheit zu höhnen. Jetzt sprach Milica sogar den Namen aus, der ihm längst verhaßt geworden war; sie lobte Mlussoffs Aufmerksamkeit und Hingabe, für die man ihm danken müsse. Ihre preisenden Worte waren ihm so unerträgliche daß er sich> bald nach oben in sein Zimmer zurückzog.

Oh, wenn er sich; nie mit Kalussoff eingelassen hätte! Nun mußte er gute Miene zum bösen Spiel machen um des lumpigen Geldes willen! Ter teuflische Gedanke von Verrat und Rache verfolgte ihn noch immer, umkrallte ihn mit eiserner Festigkeit, peinigte ihn bis zur Ermattung.

Wahnsinn!." schrie er, während er auf seinem Lager ruhte und in die Dunkelheit starrte.Heller, lichiter Wahnsinn!"

Aber der Gedanke ließ nicht los, und die Phantasie malte ihm in glühenden, berückenden Farben aus, tote Milica Popow einsam in Ketten und Banden schmachten und er als befreiender Retter erscheinen werde, um tote im Märchen als Lohn die beseligenden Worte zu hören: Ich liebe Dich!"

Am Morgen fuhr Ilja Popoiv zur Stadt.. Als er das Haus in der Lubjanka betrat, wurde ihm gemeldet, daß gestern ein alter, würdiger Herr dagewesen sei, um ihn zu sprechen.

Hat er seine Karte oder seinen Namen zurück­gelassen?"

Nein, aber er hatte große Achnlichkeit mit Enver Hoch­wohlgeboren", meinte höfltch lächelnd der Tivornik, als handle es sich unt eine freudige Mitteilung.

So, AehNlichkeit mit mir?" wiederholte er, während! er sich ebenfalls zu einem Lächeln zwang.

Etwas betroffen schritt er die Treppe zu seinen Räumen Hinauf.

Tie lautlose Sfille beängstigte ihn er öffnete einige Fenster, um den Lärm der Straße zu hören. Unberührt lag alles, wie er es gestern verlassen hatte. Mit peinlicher Vorsicht packte er die Bücher in eine Kiste. Während des Packens fiel ihm das Buch mit dem Namen ein, und die Szene mit Kalussoff stieg wieder in seinem Gedächtnis auf. Er hatte sich damals vorgenommen, das Tttelblatt mit dem Namen herausgureißen und zu verbrennen, aber die Aus­führung war aus Bergeßlikeit unterblieben. Jetzt suchte er das Buch aber er vermochte es nicht zu finden. Nochmals nahnl er Band für Band in seine Hände, jedoch vergeblich das Buch war verschwunden!

Seltsam", sagte er, sich angstvoll den Schweiß von der Stirn wischend.

Aber er beruhigte sich mit dem Gedanken, daß wahr­scheinlich Milica nach der neugierigen Frage Kalussvffs das Buch! vorsichttger Weise entfernt habe. Um ihren Borwürfen zu entgehen, beschoß er, von dem Vermissen des Buches nichts zu erwähnen.

Er stützte den KVpf in die Hand. Kor seinem Auge stieg ein schwarzes Meer auf, in dem er umher geschifft war ein Meer der Sünde, in das er, getrieben vom Genuß, immer weiter und weiter hineingefahren war, bis sich endlich das rettende Ufer ferne» Blicken völlig entzogen hatte. Nein, er fand das Ufer nicht mehr! Es war für ihn aus immer versunken, denn ihm fehlte der richtige Pilot, den man die Ehre nennt.

Er dachte an den alten, würdigen Herrn.

Aehnlichkeit mit mir?" fragte er sich, während ihn ein Frösteltr überlief. ,,Unmöglich, er kann es nicht sein, denn er muß mich längst bei den Toten wähnen. Ich bin Ilja Popow, der Bruder der schönen Milica Popow, die mich rasend macht, weil ich sie liebe!"

Tie Worte erstarben ihm im Munde, denn der tückische Kobold nahte sich; wieder und flüsterte ihm ins Ohr:Ver­rate sie und rache Dich!"

Wie in plötzlich 'erwachter Thatkraft sprang er auf, und aus seinen Augen leuchtete es grell und scharf wie in dämonischer Freude.

Nein, heilte nicht", zischte es leise über seine Lippen, aber bald und gerade dann, toemt sie wähnt, in höchster Sicherheit zu sein und Timitty Kalussoff, der schöne Impre­sario, beglückt zu ihren Füßen liegt."

Taß sein Verrat überflüssig war, ahnte er nicht.--:

Tie Frühlingssonne hatte für eine Weile die schweren, grauen Wolken durchbrochen. Bei ihrem milden Scheins fuhr Ilja Popow zurück nach Ljublino, auf dem der Friede des Waldes ruhte. Ms er zur Datschp gelangt war, ver­schwand die Sonne wieder hinter dem bleiernen Grau des Himmels, und der Regen tropfte langsam Mr Erde.

Tas Dienstmädchen trat au ihn heran und teilte mit, daß ei« alter, würdiger Herr nach ihm gefragt habe, der nun wieder, ohne Hinterlassung einer Karte, zur Stadt gefahren sei.

Er verfolgt mich dieser würdige, alte Herr", dachte Ilja Popow sorgenvoll.Wer mag es sein?"--- > m

10.

Jefim Godunow und seine Tochter befanden sich schon seit einigen Tagen in Moskau. Sie waren in einem Hotel ersten Ranges auf der Nikolskaja abgestiegen.

Tas großartige und wechselvolle Getriebe in der alten Zarenstadt, in der sich zu Füßen des ehrwürdigen, kuppel- reichen Kveml ein buntes Gewirr europäischer und asiattscher Gestalten tummelt, der Handel mit Millionen von Werten arbeitet, und eine Fülle auserlesener Vergnügungen geboten wird, hatte früher einen bezaubernden Reiz auf Tatiana ausgeübt, aber ejtzt war es ihr gleichgiltig und lästig. Sie ausgeübt, aber jetzt war es ihn gleichgilttg und lästig. Sie hatte andere Zwecke tut Auge, als sich zu amüsieren und im vielaerühmten Kusnezky Most, dem Eldorado der Tamen- welt, die prunkvollen, mit den Erzeugnissen einer ver­feinerten Kultur angefüllten Kunstläden zu besuchten. Ihr Verstand sagte ihr, daß sie einem Bruch; mit dem Eltern­hause entgegengehe und mithin vor einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens stehe.

Besser unter Sorgen und MMen arbeiten", tröstete sie