Nr. 191
1902.
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ZUM |Mj|gSg u4SI
MM!
Weihuacht.
Tannen, darauf Rosen blühen, Frieden unter jedem Dach Seelen, die in Andacht glühen, — Märchenwunder werden wach.
Magst dich feindlich abseits kehren. Weil dein Wissen dir genug. Und der Sehnsucht Stimme wehren. Die dich lockend heimwärts trug:
Hörst doch 'ringsum Glocken läuten. Hörst die Mär vom Heilgen Christ, — Klänge, Sagen, die dir deuten. Tast die Liebe ewig ist.
Linde leuchten ihre Kerzen
NächMch dem verirrten Fuß, Und dem heimgesundnen Herzen Tönt der Engel Weihnachtsgruß.
Anna Behnisch-Kappsteln.
(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Draußen in Ljublino prangte über der Pforte einer eleganten, blvckartig gebauten Tatsche, die sich mit ihrem steilen Tache und hohen Türmchen reizvoll vom Waldes- hintergrunde abhob, ein von frischem Tannengrün umrahmtes „Willkommen!", und drrnnen, im Salon, stand auf dem Tische in herrlicher Majolikavase ein prächtiger Blumenstrauß^ der zwei zierlich in Silber gearbeitete Körbchen, von denen das eine Salz, das andere Brot enthielt, und ein mit bunter Seidenstickerei kunstvoll gearbeitetes Handtuch überragte — Gaben von Timitry Kalussoff zur Feier des Einzuges.
Geschäftig eilte Milica Popow in den traulichen Räumen, deren Boden mit feinen chinesischen Matten bedeckt waren, hin und her, um zu ordnen und zu sichten Hier rückte sie einen Sessel, dort ein Tischchen zurecht, hier wieder ein Nippes und dort ein Bild. Zum Schluß setzte sie auf das kleine Tischchen, das sie neben ihren «Ätz auf die Tafel im Speisezimmer gestellt hatte, den schönen, in Silber gearbeiteten Ssamowar. Mit prüfendem Blick überflog sie die Einrichtung, und in ihren Mienen spiegelte sich die Zufriedenheit über das gelungene Werk deutlich Wiede!«.
„So ist es gut", lobte sie, „hier kann Man eine Weilet
hausen und nach dem aufregenden Leben der Stadt dir Nerven stärken."
Sie trat hinaus' auf die Galerie, die das schmucks Häuschen von allen Seiten umgab. An einen Pfosten gelehnt, blickte sie aus das schweigende Waldrevier, über dem die sinkende Sonne stand. Ein leiser Wind fuhr dahin und spielte in den Wipfeln der Tannen, die sich flüsternd hin und herneigten, daß es sich ausnahm wie die bewegten grünen Wellen des Meeres.
„Es wird abend", flüsterte sie, während sie in die Scheibe von flüssigem Golde schaute, die in der Ferne hinter dem Walde langsam verschwand.
Tie trägen Wolken färbte ein blutiges Rot, aus dem es Loderte, zuckte und leuchtete, als ob strahlende Blitze hindurchschössen.
„Ja, tote Blut so rot", dachte sie, „drohend und uw heilvoll, als ob etwas Zerschmetterndes im Anzuge ist." Lange rrod)i starrte Milica in den roten Abendhimmel! und aus ihren Augen rollten Thränen. Nicht an Timitry Kalussoff, nicht an Archjp Glinka, auch nicht an Ilja Popow dachte sie. In ihren Gedanken stieg eine jugendfrische, glänzende, heitere, lichtumflossene Gestalt auf, und es dünkte ihr, als ob sie winke und mahne, die Treue zu halten, was auch kommen möge.
Tiefe Gestalt — ein Seemann war es gewesen, ein flotter, lustiger Marineoffizier, dessen Traum ein gewaltiges, furchtbares Gewitter gewesen war, das mit Tonner- gekrach und zerschmetternden Blecken in die alte, vergilbte Welt reinigend, klärend, erfrischend hineinfahren sollte. Aber selbst die Träume sind gefährlich — sie führen zur nackten Wirklichkeit, und sie führten ihn zum Verderben. —
Milieus Brust entrang sich ein tiefer Seufzer. Noch einen sinnenden Blick sandte sie zu der blutigen Glut empor, dann trat sie still von der Galerie in den Salon zurück- wo sie schmerzbewegt auf den Tiwan sank.
Als später Ilja Popow nach, Hause kam, nahm sich Milicas Gesicht so ruhig und leidenschaftslos aus, als ob es uie durch einen Sturm bewegt worden sei. Sre saß am Tisch und las einen neuen Roman, der Aufsehen erregt hatte. Ter rote Florschirm der Lampe zauberte auf ihr Antlitz und ihre Rechte, in die sie den Kopf stützte, rosig« Reflexe. Nie war Ilja Popow schöner erschienen, als in diesem Moment. Er hatte sich in einen Sessel in der Nähe des' Kamins geworfen, und während die Holzscheite unter Prasseln und Knistern gierig von den lohenden Flammen verzehrt wurden, beobachtete er mit heimlichem Entzücken an Milica das Ebenmaß der Züge, bett duftigen Reiz des Farbenspieles, das ihrer Haut eine eigenartige Transparenz verlieh, und den goldigen Schimmer des Haares „Wie eine Madonna aus der Zeit des „Quattrocento", dachte er. Sie schien seine Blicke zu fühlen, denn das Buch zuklappend, wandte sie sich ihm zu.
„Wie gefällt Tir das Arrangement in den Zimmern A« fragte sie, während sie aufstand und die Thür gunt Speise-


