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Tie Mürztage des Jahres 1848 aber zerstörten auch diese Idylle. Der Prinz mußte nach Potsdam flüchten und schrieb von dort seinem Freund, der als Primaner bewaffnet und dem Studentenkorps zugeteilt war, folgenden Bries über die Eindrücke jener Prüfungszeit: „Potsdam, den 22. März 1848. Lieber guter Baeyer! Diesen dlugenblick erhielt ich Deinen lieben Brief, den ersten, seitdem ich Berlin verlassen! Wie mir zu Mute ist, kannst Tu Dir denken. Was ich seit dem Samstag bis heute erlebt habe, hat mich um viele Jahre älter gemacht, und ich muß ?gestehen, das alles scheint mir jetzt ein böser Traum zu ein. Tie furchtbaren Szenen des Sonntags und die heldenmütigen Truppen am Samstag (18. März. D. R.), Das ich alles vom Schlosse aus gesehen, brauche ich Dir nicht zu erzählen. Tu weißt es ebenso gut, wenn nicht besser als ich. Als ich aber Berlin verließ Sonntag-Abend um 7 Uhr, und aus dem Schloß durch die Bürgergarden ging, blutete mein Herz. Zum Glück fand ich noch in den meisten Fluren Soldaten, was mir noch ein beruhigender Anblick war. Vielfache Beweise von Anhänglichkeit seitens der Offiziere wurden mir noch erwiesen, bis ich in unserem Wagen die Linden herunter nach dem Hause des Major Oelrtch's in der Potsdamerstraße fuhr. Mit mir war noch meine Schwester (die jetzige Großherzogin von Baden. D R.); meine Eltern blieben noch beim König. Wir fuhren dann nach Potsdam und sind vor der Hand sicher. Den Abend dachte ich zu träumen; den schauderhaft entsetzlichen Anblick der Äeichenprozession! Und der Ausmarsch der Truppen aus dem Schloß, wo auf einmal dasselbe fast unverteidigt war, war ganz schrecklich. Und was für eine Erniedrigung für unfern teuren König und die arme, kranke Königin (Königin Elisabeth, Schwester König Liidwigs I. von Bayern. D. Rch vom Volke gefordert, auf dein Balkon die greulichen Leichen, unter Geheul, Geschrei und Drohungen ansehen zu niüssen. Diese Geschichte ist mir fürchterlich, und nie mag ich wieder den Schloßhof betreten. Ueberhaupt, Berlin ist mir auf ewig zuwider! Samstag war ich von 4 Uhr ungefähr an bis Mitternacht auf dem Schloß und habe die Kämpfe unserer braven Soldaten angesehen. Mit welcher Tapferkeit die sich geschlagen haben, dafür können Worte liicht hinreichen. Gott sei Dank, sind im Verhältnis mit der Kanaille wenig geblieben; jede Nachricht von einem Verwundeten ivar mir schrecklich. Dies war der erste mörderische Kampf, dem ich beiwohnte; nun kann ich in die Schlacht gehen, und der Lknblick wird mir nicht neu sein. Sonntag ist der gräßlichste Tag meines Lebens bis jetzt gewesen. Als ich den Morgen unser Haus verließ und nach dein Schloß fuhr, sagte mir eine Stimme: Du kominst fürs Erste nicht wieder! Und wie steht's! Meine meisten Sachen waren schon und sind rn Sicherheit, vieles auch schon in meinen Händen. Von dem Augenblick an, !vo ich das Schloß betrat und viele Offiziere meines Reginients mir in der tiefsten Rührung die Hand drückten, bis ich wieder abends fortfuhr, hörte das furchtbare Geschrei iiicht auf und tönt mir die Nacht noch lange stets in die Ohren. Meine armen Eltern sind wohl und in Sicherheit. Papa geht nach England im Auftrage des Königs, flieht aber nicht. Ich habe beide gesehen. In Potsdain ist alles iit der größten Ruhe und Sicherheit. Tie hiesige Schutzkommission benimmt sich musterhaft. Meine anderen jüngeren Verwandten, mit Aus- uahme meines Vetters Friedrich Karl und meiner Schwester, suw rn Sicherheit, aber nicht mit uns. Tie arme Charlotte z (Prinzessin Charlotte von Preußen, älteste Tochter des Prinzen Albrecht, Schwester des Regenten von Braunschweig, spatere Gemahlin Herzogs Georg von Meiningen. D. R ) ist, außer sich und fast durch ein Wunder entkommen. Mann ivtrb ihre Einsegnung stattsinden können?! Und die meimge! Gott allein weiß es. Ich habe aber den Mut noch lauge nicht verloren. Auf Gott vertraue ich- er wcrd's ivohl machen. Für heute muß ich schließen. ' Ich habe Dir so ausführlich wie möglich alles erzählt, was surr r gerade durchs Herz ging, aber entsetzlich gekritzelt, rsch hoffe. Tu wirst es aber lesen können. Daß Du jetzt so froh bist und das Vorgefallene vergißt, ist erklärlich bei der jetzigen Aufregung. Ich aber kann nicht froh sein, erkenne aber gehorsam die neuen Maßregeln des Königs an, die gewiß mit Gottes Hilfe segnend sein werden. Lange, lange wird es währen, ehe ich wieder froh sein kann! Sobald seht Ihr mich nicht in Berlin. Nun lebe wohl! Verzeihe die Wechte Hand und grüße alle Freunde aufs
Herzlichste. Sage ihnen, sowie auch unsere,r Lehrern, daß ich stets an alle dächte, in Sicherheit wäre und auf Gott m allen Dingen vertraute, und das schwere Unglück, das über uns ausgebrochen, als von Gott kommend mit Mut und Fassung trüge. Teile den Freunden aus dem Briefs mit Vorsicht mit, was Dir gut dünkt, nichts oder alles; ich überlasse es Dir. Betet alle für uns, so wie ich es für euch thue. Gott segne euch alle und gebe, daß wir uns recht bald Wiedersehen!! Dein ewiger treuer Freund Friedrich Wilhelm. Ich bitte Dich um Gottes Willen, nimm Dich mit diesem Brief in Acht und hüte Dich, ihn jemand zu zeigen. Teile lieber mündlich daraus mit, was über unser Schicksal beruhigen kann, nicht aber, was ich von Gedanken ausspreche. Glaubst Tu, den Brief nicht wohl verbergen zu können, so verbrenne ihn. Niemand darf ihn lesen, wenn nicht Schellbach (Prof. Schellbach, Mathematiker am Friedrich Wilhelm-Gymnasium in Berlin, Lehrer des Prinzen. D-. R.), den ich übrigens schon gesehen und ausführlich gesprochen habe, und unter vier Augen, denn glaube mir wahrhaftig, es steckt alles voller Spione und Emissäre, daß man sich mit jedem Wort in Acht nehmen muß! Ich weiß es zu genau! Nimm Tich nur selbst recht in Acht!! Nun lebe wohl und denke an Vorsicht in allen Tingen. F. W."
Ms Eduard Baeyer am 25. März den Prinzen in Potsdam besuchte, fand er ihn besser, als er erwartet hatte. „Der Augenblick des Wiedersehens", schreibt Eduard, „war vielleicht der schönste meines Lebens". Die Vorgänge vom 18. März wurden aber von den beiden Freunden ganz verschieden beurteilt. Eduard neigte der Demokratie zu, der Prinz natürlich nicht. So kam ein anderer Ton in das Freundschaftsverhältnis, wenn auch zunächst, wie ein Brief des Prinzen vom 15. Juli 1848 beweist, die ursprüngliche Unbefangenheit immer wieder durchbrach. Als im November die bewegten Tage eintraten, wo die Nationalversammlung nach Brandenburg verlegt wurde, spitzten sich die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Prinzen lind Eduard mehr und mehr zu. Eduard stand ganz auf Seiten der Nationalversammlung und machte dem Prinzen gegenüber kein Hehl daraus. Arn 10. November schrieb er an Friedrich Wilhelm u- n.: „Ich weiß sehr wohl, daß Tu keineswegs mit mir übereinstimmst, und es thut mir von Herzen leid. Ich habe Tir aber auch in dieser Beziehung, wie schon in mancher anderen, rückhaltlos mein Herz ausgeschüttet, ich will kein Geheimnis vor Dir haben und habe auch keins. Um Eins bitte ich Tich nur: Begegne mir mit derselben Offenheit wie ich Tir. Glaubst Du, daß unser so schönes Verhältnis nicht mehr bestehen kann, so sage es mir offen. Ich thue es mit blutendem Herzen, aber ich will es lieber, als daß uh ein Heuchler würde. Ich aber sage Dir, sollte ich Dir auch das größte Opfer, meine Ueberzenaung, zum Opfer bringen müssen, ich bleibe Tir treu bis in den Tod." Tie Antwort des Prinzen hierauf war zwar eine Einladung Baeyers nach Potsdam, aber am 13. November folgte ihr ein Brief, in dem Friedrich Wilhelm riet, „ja recht zu überlegen", bevor Baeyer so entschieden gegen dre Schritte der Regierung sich ausspreche. Indessen, schloß der Brief: „Glaube nicht, daß unsere sehr verschiedener« Ansichten irgendwie unser inniges Verhältnis zu einander auflockern sollten, denn Tas wäre keine rechte Freundschaft. Fahre nur fort, sobald cs die Umstände erlauben, mir wieder zu schreiben, und behalte lieb Deinen treuen Freund." Jedoch der Militärgouverueur des Prinzen, General v. Unruh, schickte Eduards Briefe vom 10. und 12. November an Eduards Vater und fügte hinzu, er wünsche eine solche Korrespondenz nicht weiter fortgesetzt. Den Umgang Eduards mit dem Prinzen wollte der General, wie er Eduard mündlich erklärte, nicht abgebrochen wissen. Eduard erschien infolgedessen weiter in Potsdam, merkte aber wohl, wie sehr die Verschiedenheit des politischen Standpunktes ihn von dem Prinzen entfernte. Noch deutlicher zeigte sich dies, als beide die Universität Bonn bezogen: ilieber den äußeren Verhältnissen nach, noch innerlich paßte der Burchsenschaftler Baeyer in den Kreis des Korps Borussia, nur gelegentlich sahen sich die beiden Freunde.
Nachdeni Baeyer die juristischen Examina bestanber hatte und, Assessor geworden war, stellte sich im Laufe der Zeit die innige Harmonie zwischen dem Prinzen unH ihm in um so höherem Grade wieder Her, als Friedrich!


